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CD „Die Welt ist lauter Stille, nur mein Gedanke wacht“. ULF BÄSTLEIN singt Lieder von GUSTAV JENNER; NAXOS

Hommage an Gustav Jenner zum 100. Todestag: „Tirili der Seele“

13.06.2020 | cd

CD „Die Welt ist lauter Stille, nur mein Gedanke wacht“. ULF BÄSTLEIN singt Lieder von GUSTAV JENNER; NAXOS

Hommage an Gustav Jenner zum 100. Todestag: „Tirili der Seele“

Der dt. Bass-Bariton Ulf Bästlein hat sich im Liedgesang und der Eroberung raren Repertoires durchaus einen guten Namen gemacht. Mir sind besonders einige hervorragende, beim Label Gramola erschienene, jeweils einem Textdichter gewidmete Lied-CDs mit Sascha El Mouissi am Klavier in sehr guter Erinnerung. Auch eine Wein-Lieder CD mit dem Goethe Wort „Trunken müssen wir alle sein“ als Motto ist mit dabei.

Nun geht Bästlein mit Charles Spencer am Flügel dem Liedschaffen von Gustav Jenner nach Texten der schleswig-holsteinischen Dichter Klaus Groth und Theodor Storm auf den Grund. Alle 39 Lieder wurden in Wien im April 2019 aufgenommen.

Der als Sohn eines Badearztes auf Sylt geborenen Jenner gilt als einziger Brahms-Schüler überhaupt. Melodie und Atmosphäre waren diesem „Meister des Intimen“ ebenso wichtig wie die Verdichtung der kompositorischen Mittel in kleiner und kleinster Form. Für die Klangwerdung der 39 präsentierten Gedichte brauchen Jenner und Bästlein gerade einmal 68 Minuten.

Die Diskographie Jenners ist mager. Außer der neuen CD habe ich nur Aufnahmen der Violinsonaten, eines Trios für Klarinette, Horn und Klavier und von 12 Vokalquartetten gefunden. Ulf Bästlein geht in seinem – vor allem das die Textdichter anlangt – sehr informativen Aufsatz der Frage nach, warum heute kaum noch jemand die Werke Jenners kennt: Im Kern ist dieses Phänomen wohl darauf zurückzuführen, dass Jenner alles Laute und Effekthascherische ablehnte, sich nicht um Eigen-PR kümmerte und als Brahms-Schüler als epigonenhafter Traditionalist abgestempelt wurde.

Diese oberflächlichen Vorurteile abzubauen, ist den beiden Künstlern (Charles Spencer auf einem fast 3 Meter langen Julius Feurich Flügel aus dem Jahr 1928) mit der vorliegenden CD wohl gelungen. Unter einer oft einfachen Gesangslinie ist es der klangmalerisch-impressionistische, oft harmonisch raffinierte Klavierpart, der sofort auffällt. Da klingt überhaupt nichts nach Brahms, sondern eher in Richtung Pfitzner, Zemlinsky oder auch Hugo Wolf bzw. Strauss. Charles Spencer ist als Pianist schlichtweg umwerfend, wie er mit Bravour aber auch dem Jonglieren mit Klangvaleurs und differenzierten Anschlag diese echten Juwelen zum Glühen bringt. Ulf Bästlein ist ein reifer und erfahrener Sänger, der von Textausdeutung und lyrischer Innigkeit her vorbildlich ist. In manch kräftig intonierten Passagen hätte ich mir aber eine ruhiger geführte Stimme gewünscht. Auch ist anzumerken, dass die Vokale a und e in der oberen Mittellage nicht selten zu offen gesungen werden und daher aus der Gesangslinie herausfallen. 

Fazit: Ein vom Repertoirewert her hochinteressantes Album mit vielen Weltersteinspielungen, das Lust darauf macht, mehr vom Schaffen des Gustav Jenner kennenzulernen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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