CD DIANA DAMRAU singt OPERETTE „Wien-Berlin-Paris“, in drei Duetten ist JONAS KAUFMANN ihr Partner; Erato
„Sie ist scharf, bissig, ironisch, prickelnd, echt, naiv, entwaffnend.“ „Sie ist satirisch, parodistisch, frivol, komisch.“ Damrau und Kottmair über die Kunstform Operette
Operettenhits sind Glühwein für die Seele: heiß, süß, würzig, berauschend. Sie erlauben es, „über sich selbst zu lachen, sich nicht so ernst zu nehmen und den ganzen Weltschmerz für ein paar Stunden zu vergessen.“ Diana Damrau hat in einem, Populäres und Raritäten mischenden, gemeinsam mit ihrer ehemaligen Kommilitonin an der Hochschule für Musik in Würzburg Elke Kottmair erstellten Programm 18 Operettenschlager und Duette aus drei Ländern eingespielt. Kurzweilig, vielseitig, abwechslungsreich.
Doppelter Boden, Augenzwinkern, ein Spiegel menschlicher Schwächen, das ist es, was die ehemals langjährig an der Staatsoperette Dresden engagierte Elke Kottmair an der Operette besonders mag. Sie dürfte aus Erfahrung sprechen, wenn sie meint, dass die Frau in der Operette die ganze Klaviatur emotionaler Ausdrucksmittel spielen kann: „Männer gekonnt um den Finger wickeln und sich gleichzeitig der verschwörerischen Zustimmung des weiblichen Publikums sicher sein.“
Diana Damrau wiederum freut sich, dass sie einmal nicht als todgeweihte Heroine der Oper, als schwindsüchtige Kurtisane ihr Leben tragisch aushauchen muss oder als englische Königin auf dem Schafott landet. In der Operette darf sie ungestraft schillernde Diva sein, innig bis frivol, kann sie ihre komischen Seiten temperamentvoll ausleben, ihr Leben selbst in die Hand nehmen und die Freiheiten in der Interpretation gemeinsam mit einem ebenso die Flexibilität genießenden Dirigenten voll auskosten.
Diana Damrau. Foto: Simon Fowler
Die vorletzte Strophe aus Oscar Strauss‘ „Ich bin eine Frau, die weiß, was sie will“, drückt dieses Lebensgefühl einer Operettenprimadonna so aus:
„Ich liebe das Helle, das Schöne, die Kraft,
Ich liebe das Geld, weil es Freiheit mir schafft-
Verlang von der Welt, von mir selber gar viel
Ich weiß genau, was ich will.“
Das Programm ist ambitioniert und bietet einen tollen Mix aus Nummern großer Gefühle, Gstanzln und Duetten im geografischen Dreieck „Wien-Berlin-Paris“. Der Favorit, Im weißen Rössl (Stolz), Frau Luna (Lincke), Ball im Savoy (Abraham), Die Dubarry (Millöcker), Die Faschingsfee (Kálmán), Der Opernball (Heuberger), Eva, Friederike, Paganini, Zigeunerliebe (Lehar), Manon (Oscar Straus) und die reizvollen französischen Counterparts Andalousie (Lopez), Monsieur Beaucaire, L’Amour masqué (Messager) bis zu Phi-phi (Christiné) sind es, deren schönste Melodien es wundervoll schmachten, flirten und träumen lassen.
Dirigent Ernst Theis bringt es auf den Punkt und spricht gleich die Crux des Genres an, wenn er analysiert, dass das neue, von Paris und Berlin ausgehenden Genre einen neuen Typus an Bühnenkünstler brauchte. „Sie mussten opernhafte Kantilenen oder leichte Koloraturen mit lockerer Höhe wie auch chansonhaften Gesang beherrschen. Zudem mussten sie enorm begabte Schauspieler mit kristallklarer Textgestaltung in Dialog und Gesang sein.“
Daher zählen echte Operettendiven zum rarsten und exotischsten der gesamten Klassikwelt. Wie sie wohl waren, Hortense Schneider und Fritzi Massary, die ihren festen Platz im historischen Legendenbuch der Operette haben? Ich habe nur eine einzige dieser Paradieswesen live erlebt, und das war Mirjana Irosch an der Wiener Volksoper, die blendend aussah, tanzen und spielen konnte als auch mit einem seidenduftigen lyrischen Sopran, der alles drauf hatte, das Publikum verzauberte. Natürlich haben seit eh und je Opernsängerinnen auch im trügerisch „leichten Fach“ reüssiert, Hilde Güden und Elisabeth Schwarzkopf mögen als beste Beispiele dienen.
Nun also Diana Damrau. Sie punktet mit subtiler Textausleuchtung, Raffinement, deftigem Temperament, Koketterie, Schmiss, Paprika („Hör ich Cymbalklänge“), Humor und der goldrichtigen Phrasierung. Sie wäre auch wegen ihrer warmen Mittellage de luxe eine ideale Operettensängerin, wenn, ja wenn die Höhe einwandfrei funktionieren würde. Die Anstrengung vermag sie bisweilen geschickt zu kaschieren, aber in einigen Nummern klingen die Spitzentöne arg gestresst.
Die drei Duette, ‚Ein kleiner Flirt‘ (Erich Wolfgang Korngold hat ein Stück aus „Das Spitzentuch der Königin“ von Johann Strauss II arrangiert), ‚Mein Liebeslied muss ein Walzer sein‘ („Im weißen Rössl“), ‚Im Chambre sérarée‘ („Der Opernball“) mit einem ungemein einschmeichelnden und schwärmerischen Jonas Kaufmann als Partner gehören zum Besten des Albums. Im reizvollen Terzett „Wo die wilde Rose blüht“ (aus „Das Spitzentuch der Königin“) gesellen sich zu Damrau in Harmonie Elke Kottmair (Sopran) und Emily Sierra (Mezzo). Im französischen Operettenfach scheint sich Damrau besonders wohl zu fühlen. Bestrickend apart bzw. anzüglich gelingen ihr ‚Rossignol, tout comme auftrefois‘ aus André Messagers „Monsieur Beaucaire“ bzw. ‚J’ai deux amants‘ aus dessen „L’Amour masqué“.
Dass es insgesamt ein durchwegs unterhaltsames und mit den genannten Abstrichen empfehlenswertes Album geworden ist, liegt außer der „Frau, die weiß, was sie will“ nicht zuletzt an dem himmlisch musikantisch bis pfeffrig aufspielenden Münchner Rundfunkorchester unter der kundigen, die Rubati mit subtilster Delikatesse auskostenden Leitung von Ernst Theis.
Inhalt
- Robert Stolz/Fritz Grünbaum/Wilhelm Sterk: „Der Favorit“- Du sollst der Kaiser meiner Seele sein
- Paul Lincke/Heinrich Bolten-Baeckers: „Frau Luna“ Schlösser, die im Monde liegen
- Franz Lehar/Alfred Maria Willner/ Robert Bodanzky: „Eva“ (Das Fabriksmädel): Wär es auch nichts als ein Traum im Glück
- Franz Lehar/Ludwig Herzer/Fritz Löhner-Beda „Friederike“: Warum hast du mich wachgeküsst
- Franz Lehar/Paul Knepler/Bela Jenbach: „Paganini“ – Liebe, du Himmel auf Erden
- Franz Lehar/Alfred Maria Willner/Robert Bodanzky: „Zigeunerliebe“ – Hör ich die Cymbalklänge
- Johann Strauss II „Das Spitzentuch der Königin“, arr. von Erich Wolfgang Korngold „Das Lied der Liebe“ – Ein kleiner Flirt
- Emmerich Kálmán/Alfred Maria Willner&Rudolf Österreicher: „Die Faschingsfee“ – Liebe, ich sehn mich nach dir
- Robert Stolz/Robert Gibert: „Im weißen Rössl“ – Mein Liebeslied muss ein Walzer sein
- Carl Millöcker: „Die Dubarry“ Ich schenk‘ mein Herz nur dem allein; arr. Theo Mackeben
- Richard Heuberger/Victor Léon/Heinrich von Waldberg: „Der Opernball“ Gehen wir ins Chambre séparée
- Francis Lopez/Albert Willemetz/Raymond Vincy: „Andalousie“ – Ca fait tourner la tête
- Johann Strauss II/Heinrich Bohrmann-Riegen&Richard Genée: „Das Spitzentuch der Königin“ – Wo die wilde Rose erblüht
- André Messager/Sacha Guitry: „L’Amour masqué“ – J’ai deux amants
- André Messager: „Monsieur Beaucaire“ – Rossignol, tout comme autrefois
- Paul Abraham/Alfred Grünwald: „Ball im Savoy“ – In meinen weißen Armen
- Henri Christiné/Albert Willemetz&Fabien Solar: „Phi-Phi“ – Bien chapeautée
- Oscar Straus/Alfred Grünwald nach Louis Verneuil (Le Fauteuil): „Manon“ (Eine Frau, die weiß, was sie will) – Ich bin eine Frau, die weiß, was sie will
Anm.: Diana Damrau debütiert als Rosalinde in „Die Fledermaus“ am 23. Dezember dieses Jahres an der Bayerischen Staatsoper in einer Neuinszenierung von Barrie Kosky, die die morbide Seite dieser „Operette aller Operetten“ in den Mittelpunkt stellen soll.
Dr. Ingobert Waltenberger