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CD: Dialogue NFM Choir Lionel Sow, musikalische Leitung Alpha Classics, Alpha1233

05.05.2026 | cd

Der NFM-Chor aus Breslau schlägt Brücken

schaz

Unter der Leitung des Franzosen Lionel Sow lädt der NFM-Chor Wrocław zu einem besonderen musikalischen Gipfeltreffen. Was auf dem Papier wie eine gewagte Paarung wirken mag – polnische Chortradition und französische Sensibilität –, erweist sich als eine elegante, stimmige künstlerische Allianz der jüngeren Zeit. Seit 2021 wirkt Sow in der schlesischen Metropole, und man hört dieser Aufnahme an, dass hier eine echte Wahlverwandtschaft gewachsen ist.

Den Auftakt bildet Krzysztof Penderecki mit seinem Le Chant des chérubins (1986). Wer bei diesem Namen sofort an die avantgardistischen Schockwellen der 1960er-Jahre denkt, wird überrascht: Statt klirrender Dissonanzen webt Penderecki hier mit altkirchenslawischer Liturgie eine moderne, doch zeitlos wirkende sakrale Textur. Die feierlichen Melodien klingen für westliche Ohren zunächst fremd, doch der NFM-Chor führt den Hörer mit solcher Sicherheit durch diese sakralen Nebel, dass man sich sofort geborgen fühlt.

Ganz anders Jean-Yves Daniel-Lesur mit seinem zwölfstimmigen Le Cantique des Cantiques (1953). Eine sinnliche, hochdifferenzierte Liebeserklärung an das Hohelied Salomos. Die Männerstimmen eröffnen den „Dialogue“ mit prächtiger Präsenz, ehe der Chor durch ein ganzes Spektrum emotionaler Zustände führt: sprunghaft und tänzerisch in „La Voix du bien-aimé“, suchend und rastlos in „Le Songe“ und „Le Roi Salomon“. Besonders berückend gerät „Le Jardin clos“ – weit, beruhigend und von sommerlicher Leichtigkeit. Die Sänger aus Wrocław meistern die französische Phonetik mit einer Natürlichkeit, die jedem Muttersprachler Ehre machen würde. Das Ergebnis ist eine dichte Textur von sakraler Sinnlichkeit.

Ein Höhepunkt ist Pendereckis Stabat Mater von 1962. In einer Zeit, in der sowohl das kommunistische Regime als auch die westliche Avantgarde Religion als rückständig verachteten, setzte der Komponist ein kraftvolles Zeichen geistigen Widerstands. Das Werk für drei Chöre ist von großer Strenge und zugleich überwältigender Expressivität: geflüstert, gesprochen, geschrien – die Leiden Mariens werden körperlich spürbar. Der NFM-Chor zeigt hier seine ganze dynamische Bandbreite und bleibt dennoch von beeindruckender klanglicher Geschlossenheit.

Einen reizvollen Kontrast bildet Caroline Marçots Nigra sum (siebenstimmig). Die 1974 geborene Komponistin blickt zurück in Renaissance und Mittelalter und schafft einen weit gestaffelten, humanistisch atmenden Choral. Die Frauenstimmen verschmelzen zu einer einzigen kontemplativen Linie, während „Surge et veni“ die erwachende Frische eines Frühlings spürbar macht – ein wunderbarer Gegenpol zur Schwere der Passionsmusik.

Pendereckis Spätwerk wird durch die marianische Hymne O gloriosa virginum (2009) vertreten. Hier zeigt sich ein gereifter Meister, der komplexe Polyphonie mit leuchtender Klarheit verbindet. Lionel Sow lässt die Melodieverläufe großzügig atmen und formt dennoch einen klaren, weitgespannten Bogen – klanglich eine helle Lichtung in der Moderne.

Den emotionalen Gipfelpunkt erreicht die Aufnahme mit Francis Poulencs Salve Regina (1941). Nach seiner Rückkehr zum Glauben schuf der einstige „Enfant terrible“ der Groupe des Six eine Musik von entwaffnender Schlichtheit und tiefer Kraft. Die gregorianischen Anklänge und die wiegende Bewegung der tiefen Stimmen am Schluss erzeugen eine Gänsehaut-Atmosphäre, die lange nachwirkt.

Bevor Olivier Messiaen den Schlusspunkt setzt, kehrt Pendereckis Agnus Dei aus dem Polnischen Requiem (1981) noch einmal nach Polen zurück. Dem verstorbenen Kardinal Wyszyński gewidmet, trägt das Stück die schwere Geschichte des Landes in sich. Der Chor steigt in immer höhere Sphären auf, zwischen asketischer Strenge und leidenschaftlicher Fürbitte – Musik, die direkt ins Herz trifft.

Den Abschluss bildet Messiaens O sacrum convivium! (1937). Das einzige liturgische Werk des großen Mystikers wirkt wie aus der Zeit gefallen. Durch extrem langsames Tempo und frei fließende Metren löst sich der Raum auf. Der NFM-Chor singt hier von einer solchen Homogenität, dass tatsächlich nur noch eine einzige, überirdische Stimme zu hören ist – eine Tür in eine andere Klangdimension.

Diese Aufnahme ist weit mehr als eine bloße Begegnung zweier Nationen. Sie ist der lebendige Beweis, dass der Geist weht, wo er will – ob in den Wäldern Polens oder den Kathedralen Frankreichs. Lionel Sow und der NFM-Chor Wrocław haben ein Plädoyer für die geistliche Vokalmusik vorgelegt, das in Intensität und handwerklicher Umsetzung überzeugt.

Dirk Schauß, im Mai 2026

Dialogue

NFM Choir

Lionel Sow, musikalische Leitung

Alpha Classics, Alpha1233

 

 

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