Neapels barockes Welttheater: „Delizie di Posillipo“

Am 1. März 1620 verwandelte sich der Königspalast von Neapel in ein barockes Gesamtkunstwerk. Zur Genesung von König Philipp III. inszenierte der Vizekönig, der Herzog von Osuna, die „Delizie di Posillipo“. Albert Recasens und sein Ensemble La Grande Chapelle haben diesen vergessenen Schatz nun für das Label Lauda gehoben. Dabei wird deutlich: Dieses Spektakel war weit mehr als bloße Unterhaltung – es war eine hochpolitische Inszenierung von Macht und göttlicher Ordnung.
Wer heute eine CD mit barocker Musik einlegt, erwartet meist ein Konzert oder ein Oratorium. Doch die „Delizie di Posillipo“ entziehen sich modernen Kategorien. Sie waren ein Intermedio, eine hybride Kunstform, die Tanz, Gesang, Instrumentalmusik und theatralische Maschinerie zu einem berauschenden Ganzen verschmolz. Dass diese Welten – die fromme Andacht und das ausschweifende Fest – im Neapel des 17. Jahrhunderts keine Gegensätze waren, sondern sich in einer glanzvollen Symbiose befruchteten, zeigt die neue Einspielung auf beeindruckende Weise.
Die Aufnahme beginnt dort, wo auch der Tag des Vizekönigs begann: in der Kapelle. Für den heutigen Hörer mag der Übergang von Trabacis sakralen Motetten zu den ausgelassenen Tänzen eines Pietro Antonio Giramo abrupt wirken, doch im Barock war die weltliche Macht unmittelbar von Gottes Gnaden abgeleitet.
Giovanni Maria Trabaci, der Maestro der vizeköniglichen Kapelle, eröffnet das Programm mit einem feierlichen Venite, exsultemus Domino. Die polyphonen Geflechte – also das kunstvolle Ineinandergreifen eigenständiger Melodielinien – sind glasklar durchhörbar, während die Sopranstimmen in der Motette O dulcissime filiae Sion in ätherische Sphären vordringen. Es ist eine kontemplative Einführung, die den rituellen Rahmen vorgibt: Bevor der Hof tanzen darf, muss dem Schöpfer gedankt werden. La Grande Chapelle kultiviert hier einen schlanken, vibratoarmen Klang, der die archaische Strenge dieser Musik wunderbar transportiert.
Der eigentliche Kern der Aufnahme ist die Rekonstruktion der Festa a ballo. Die Handlung ist eine barocke Allegorie par excellence: Auf der Bühne wetteiferten Pan, der Gott der Hirten und Wälder, und Venus, die Göttin der Liebe und des Meeres, um die Gunst des Ortes Posillipo. In dieser Symbolik spiegelte sich die Geografie Neapels – zwischen dem fruchtbaren Hinterland und der unendlichen Weite des Mittelmeers.
In der musikalischen Umsetzung äußert sich dieser Wettstreit in einem Feuerwerk an Klangfarben. Pietro Antonio Giramo liefert mit seinen Variationen über die Ciaconna den ersten großen emotionalen Durchbruch. Hier wird deutlich, dass La Grande Chapelle keine Angst vor dem „Drive“ des Barock hat: Mit historischem Schlagwerk und rhythmischer Verve verwandeln die Musiker das Studio in einen Ballsaal.
Besonders faszinierend ist der Einsatz der Zinken – jener hölzernen Blasinstrumente, die mit einem trompetenartigen Mundstück angeblasen werden und für ihren sanglichen, geradezu menschlichen Ton berühmt sind. Zusammen mit den Barockposaunen verleihen sie den Gesangsstimmen eine tiefere Artikulation und sorgen gleichzeitig für den nötigen herrschaftlichen Glanz.
Für das heutige Ohr besonders „fremd“ und doch faszinierend sind die instrumentalen Charakterstücke. Giacomo Spiardos Ballo de‘ selvaggi e delle simie – der Tanz der Wilden und Affen – führt vor Augen, wie sehr das Barock das Exotische und Kuriose liebte. Wenn hier die Trommeln gewaltig einsetzen und die Fanfaren erschallen, bricht das „Wilde“ in die höfische Ordnung ein, nur um am Ende durch die Harmonie der Musik wieder gezähmt zu werden.
Auch die Verwendung von Kastagnetten in Francesco Lambardis Canzonetta Da quest’acque ist kein Zufall. Sie ist eine akustische Visitenkarte der spanischen Besatzer. Neapel war zu dieser Zeit das kulturelle Laboratorium, in dem italienische Kantabilität (die Kunst des gesanglichen Schmelzes) auf spanisches Temperament traf. Albert Recasens gelingt das Kunststück, diese verschiedenen Idiome – vom strengen Madrigal eines Scipione Lacorcia bis hin zum populären Tanzlied – organisch miteinander zu verweben.
Mit „Delizie di Posillipo“ liefert La Grande Chapelle mehr als nur ein historisches Dokument. Es ist eine Einladung, barocke Musik in ihrem ursprünglichen Kontext zu verstehen. Die Aufnahmequalität auf dem Label Lauda ist warm und natürlich; sie lässt den Instrumenten genügend Raum zum Atmen, ohne die Intimität der kleineren Besetzungen zu opfern.
Wer bereit ist, sich auf diese heute fremde Welt einzulassen, in der ein Tanz der Schwäne genauso wichtig war wie ein feierliches Te Deum, wird mit einer Aufnahme belohnt, die an Farbigkeit und Lebendigkeit kaum zu übertreffen ist. Ein glänzendes Denkmal für den Herzog von Osuna und die unbändige Kreativität des barocken Neapels.
Dirk Schauß, im Februar 2026
Delizie di Posillipo – Musica para el virrey de Napoles
La Grande Chapelle
Albert Recasens, musikalische Leitung
Lauda, LAU027

