Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD „CREDO“ ARVO PÄRT zum 90. Geburtstag – PAAVO JÄRVI dirigiert das Estonian Festival Orchestra; Alpha

14.09.2025 | cd

CD „CREDO“ ARVO PÄRT zum 90. Geburtstag – PAAVO JÄRVI dirigiert das Estonian Festival Orchestra; Alpha

hki

Der eine begeht seinen stolzen Neunziger, der andere sein 40-jähriges Jubiläum als Dirigent. Also feiert man am besten zusammen, zumal die intensive Familien-Freundschaft der beiden eine lange gemeinsame Geschichte und ein hohes Verständnis für das jeweils spezifische Talent des anderen bedingt. Die Rede ist vom estnischen Komponisten Arvo Pärt und dem Dirigenten Paavo Järvi, der den oft als esoterisch „verschrienen“ Pärt, der musikalisch wesentlich mehr zu bieten hat als aus Gregorianik und klassischer Vokalpolyphonie der Renaissance gefilterte Spiritualitätsklangmaschinerien, mit diesem besonderen Album „aus der Ecke“ der Einseitigkeit holt.

Begonnen hatte der in der Sowjetunion sozialisierte und 1972 der russisch-orthodoxen Kirche beigetretene Komponist nämlich als ein die neuen Strömungen von Schönbergs Zwölftontechnik aufsaugender und den Errungenschaften eines Shostakovich oder Prokofiev durchdrungener Neugieriger. Auf einer ganz breiten Ebene berühmt wurde Pärt aber mit seinem das „Klingeln“ des Dreiklangs verstetigenden Tintinnabuli-Stil, der der Reduktion und Einfachheit der Mittel huldigt.

Die meditative Ruhe, die aus Stücken wie den „Fratres“ spricht, gewann bald Anhänger weit über die klassische Musikszene hinaus. Ich erinnere mich an meinen kunstverrückten Freundeskreis als Jungspund, der Beethoven & Co nichts abgewinnen konnte, aber „Fratres“ rauf- und runterspielte.

Von dissonant zu komplex zwischen Dur und Moll mäandernden, ewig sich in weiten Atembögen wandelnden Harmonien, das und religiöse Zuschreibungen gefielen den Machthabern der Sowjetzeit nicht. Also emigrierte Pärt 1980 nach Wien, erhielt die österreichische Staatsbürgerschaft, lebte viele Jahre in Berlin und kehrte erst 2008 wieder nach Estland zurück.  

Das Jubiläums-Album stellt sich mit zehn ausgewählten Werken der Bandbreite des Komponisten, verzichtet aber nicht auf die gehypten Stars aus Pärts Schaffen „Fratres“ und „Cantus in Memory of Benjamin Britten“.

Es startet mit „La Sindone“, einem 2006 in der Kathedrale von Turin aus der Taufe gehobenen, 2015 überarbeiteten Opus, das den Mysterien des berühmten Grabtuchs Christie auf die Spur kommen will. „Swansong“, dem englischen Kardinal John Henry Newman gewidmet, imitiert auf bildhafte Weise die schwebende Bewegung von Schwänen. Bei „Für Lennart“ (=Lennart Meri, estnischer Schriftsteller, Filmregisseur und Politiker, früher Kollege Pärts beim estnischen Rundfunk, der es bis zur Funktion eines Präsidenten Estlands geschafft hatte) handelt es sich um eine Trauermusik für Streichorchester.

Besonders angetan hat es mir „Silhouette“, die Weltersteinspielung eines Paavo Järvi und dem Orchestre de Paris gewidmeten Stücks. Es ist vom Eiffelturm, seiner mächtigen dreistufigen Konstruktion und seiner elegant zart durchsichtigen Struktur inspiriert. Begeistert zeigte sich Pärt von Bertrand Lemoines reich illustriertem Buch über Gustave Eiffel „Eiffelturm“ mit seinen präzisen Zeichnungen und Bauplänen. Pärt für das Programmheft der Uraufführung 2010: „Das Stück ist kurz und leicht geworden, wie ein Tanz, ein Walzer, etwas Schwindelerregendes – vielleicht wie die Winde, die diesen spitzen Koloss umschmeicheln.“ Streicher und Schlagzeug folgen einer von Pärts Tintinnabuli-Formeln, und bringen mit ihren irisierenden Pizzicatofiguren das Bauwerk wie die das Diamantenfunkeln imitierenden Lightshows zum Glitzern.

Noch zu hören: „Da pacem Domine“, ein für ein Friedenskonzert von Jordi Savall geschriebenes Werk auf einen Kantus des gregorianischen Antiphons „Gib uns Frieden“ und das ursprünglich für Orgel vorgesehene „Mein Weg hat Gipfel und Wellentäler“, für 14 Streicher und Schlagzeug adaptiertes und neu benanntes „Mein Weg“.

Beim „Credo“ aus dem Jahr 1968 für Klavier, gemischten Chor und Orchester handelt es sich um das wuchtigste und kontrastreichste Exempel des Komponisten auf dem namensgebenden Album. Das auf J. S. Bachs „Präludium in C“ bauende, zentrale Botschaften des Christentums ansprechende Credo hat eine besondere, nicht zuletzt private Bedeutung für Paavo Järvi: Das behördliche Verbot des Stücks war endgültiger Auslöser für die Emigration der Familie Järvi.

Zur Besetzung: Außer dem klangschön und hingebungsvoll aufspielenden Estonian Festival Orchestra hören wir den Klaviersolisten Kalle Randalu. Es singen die Männer des Estnischen Nationalchors, der Ellerhein Mädchenchor und der Ellerhein Alumni Chor.

Kostprobe gefällig? Credo, in Tallinn unter der Stabführung von Neeme Järvi mit Kräften des Estnischen Rundfunkchores, dem Staatlichen Symphonieorchester Estlands und dem Pianisten Mart Lille uraufgeführt, aus dem neuen Album: Link:

https://www.youtube.com/watch?v=Vwy66AIQNeo

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken