CD „CONTRA-TENOR“ – MICHAEL SPYRES singt Arien von Lully, Händel, Vinci, Porpora, Sarro, Galuppi, Latilla, Hasse, Rameau, Mazzoni, Gluck, Mozart und Piccini; Erato
Aus der Opern-Raritätenküche: Michael Spyres überzeugt auch als Tenore Assoluto

Reden wir über Stimmfächer. In der Barockmusik gab es vielfältige Aufgaben für alle Sänger, die unter die ungefähre Bezeichnung ‚Tenor‘ gefallen sind: Tenor-Bass, Baritenor, Contre-Ténor, Haute Contre, Spieltenor, Tenor sowie Taille. Innerhalb dieser Gruppen war ein höhentigernder Stimmvirtuose mit dem stupendesten technischen Können als auch dem größten Stimmumfang als tenore assoluto benannt. Dieser Typ von Sänger, dem die Bezeichnung ‚divo‘ vorbehalten war, war auf Dauer den männlichen Kastraten überlegen. Er vereinte alle Attribute eines Kastraten – elegante Phrasierung; Koloraturfeuerwerk, dynamische Vielfalt, Klangschönheit – mit Vitalität und Kraft und war der historische Vorläufer der heutigen Heldentenöre.
Lassen wir Michael Spyres zu Wort kommen: „Das Aufkommen des Assoluto erweiterte die Grenzen der menschlichen Stimme, die ein fast übermenschliche Ausdehnung auf 3 ½ Oktaven (von D2 bis zum G5) erreichte {…} Zum ersten Mal überhaupt verfügten Komponisten dank der Stimme und Technik des Assoluto über eine Symbiose von Männlichkeit, Virtuosität und Dramatik, mit der sie den Charakter von Königen und Halbgöttern wir Mitridates, Perseus oder Orpheus darstellen konnten.“
Dem US-amerikanischen Sänger Michael Spyres – ein schon mit seinem letzten Album „BariTenor“ alle Fachgrenzen sprengender Stimmzampano – ist keine Note zu tief und kein Spitzenton zu gewagt. Er selbst sieht sein Album „Contra-Tenor“ als ergänzende Vorstufe zum „Baritenor“, als es ein ähnliches Ziel verfolgt: Nämlich Arien der berühmtesten Komponisten der Barockzeit, vor allem bislang fehlende Stücke aus dem barocken Opernzirkus vorzustellen. Da mögen drei Weltersteinspielungen zuerst genannt sein: die Arie des Alessandro ‚Vil trofeo d’un‘ alma imbelle‘ aus Baldassare Galuppis Oper „Alessandro nell’Indie“, die Arie des Cosroe ‚Se il mio paterno amore‘ aus Gaetano Latillas Oper „Siroe, re di Persia“ und die Arie des Segeste ‚Solcar penso un mar sciuro‘ aus Johann Adolf Hasses Oper „Arminio“. Dazu gibt es noch zwei Studiopremieren: Eine Arie des Ulisse aus Domenico Sarros Oper „Achille in Sciro“ und eine Arie des Antigono aus Antonio Maria Mazzonis Oper „Antigono“.
Bei aller technischen Überlegenheit, der virilen Power des Timbres, dem in allen Lagen gleichermaßen gut fokussierten Stimmsitz und der staunenswerten Agilität von Spyres Stimme muss aber dennoch die Kirche im Dorf gelassen werden: Was den Reichtum an vokalen Farben anlangt, kann er Countertenöre wie Cencic oder Orlinski nicht egalisieren. Das ist jedoch nur als nötige Randanmerkung zu verstehen. Alle Nummern des Album zeugen von des Sängers Musikalität, Verzierungskompetenz, seiner Neugier und Befähigung zu dynamischen Abschattierungen (Gluck: „Orphée et Eurydice“ ‚J’ai perdu mon Eurydice‘) und zu unverschämt sicheren Spitzentönen (Mozart „Mitridate, re di Ponto“, ,Arie des Mitridates ‚Se di lauri‘ oder Niccolò Piccinis Arie ‚En butte aux fureurs de l’orage‘ aus der Oper „Roland“).
Spyres vordringlichster Verdienst besteht darin, uns wieder mit der Vielfalt und den verschiedenen Entwicklungsstufen der tenoralen Kunst (diesmal des 18. Jahrhunderts) vertraut zu machen und selten gespielte bzw. vergessene Stücke dem Nebel des Vergessens zu entreißen. Dabei sind ihm das historisch informiert aufspielende Orchester „Il Pomo d’oro“ unter der musikalischen Leitung von Franceso Corti temperamentvolle wie fachlich höchst kundige Begleiter. Und wir ihm allen gebührenden melomanischen Dank schuldig.
Dr. Ingobert Waltenberger

