Alpha Classics veröffentlicht subtilen Abgrund französischer und deutscher Liedkunst

Eine böse Mutter schickt ihr Kind mit sanften Worten ins Bett, doch der Wind draußen weiß bereits von der ausweglosen Einsamkeit unseres Daseins. Wer glaubt, die Welt der Märchen bestehe aus harmlosen Bildern für das Kinderzimmer, hat den doppelten Boden dieser Kunstform nie betreten. Die Sopranistin Sandrine Piau und der Pianist David Kadouch legen mit ihrem neuen Album ein Programm vor, das genau an den Nahtstellen zwischen tröstlicher Einschlafmelodie und nächtlichem Grauen ansetzt. Es ist das zweite Kapitel einer intimen musikalischen Spurensuche, und es fordert dem Hörer einiges ab.
Schon beim ersten Hinhören wird klar, dass diese Zusammenstellung keine gefällige Anthologie darstellt. Das Duo verwebt Altbekanntes von Debussy, Ravel, Strauss oder Poulenc mit selten zu hörenden Fundstücken vergessener Komponistinnen wie Jeanne Bernard, Wally Karveno oder Louise Didier. Diese Ausgrabungen wirken nicht wie Pflichtübungen zeitgeistiger Archivarbeit, sondern fügen sich organisch in ein dichtes Netz aus Schatten und Licht. Wenn Louise Didier in ihrem kurzen Stück das Prasseln des Regens im Klavier imitiert, entsteht eine Geborgenheit, die ihre Spannung erst aus dem drohenden Dunkel draußen vor den Pariser Dächern bezieht.
Sandrine Piau nähert sich diesem Kosmos mit einer stimmlichen Beherrschung, die erstaunt. Wer ihre Aufnahmen barocker Opernheldinnen im Ohr hat, erlebt hier eine völlig verwandelt agierende Gestalterin. Besondere Aufmerksamkeit verdienen ihre Interpretationen der deutschsprachigen Titel. Man hat diesen hellen, silbrigen Ton selten so flexibel und textgenau gehört. Bei Hugo Wolfs vertrackten Miniaturstudien wie dem humorvollen Ausflug zur Mäusefalle zeigt Piau eine glasklare Wortverständlichkeit, die ohne jede künstliche Übertreibung auskommt. Sie singt diese Zeilen nicht mit der Attitüde einer unnahbaren Diva, sondern mit dem wissenden Lächeln einer Erzählerin, die genau weiß, wie viel Schmerz in einem scheinbaren Scherz verborgen liegt.
In den französischen Liedern schraubt die Sopranistin die äußere Expressivität dagegen spürbar zurück. Das mag auf den ersten Blick wie eine Drosselung der emotionalen Schlagkraft wirken, erweist sich aber als kluger Schachzug. Die Transparenz des Vortrags lässt Raum für das Ungesagte. Francis Poulencs Zyklus um die kurze Strophe wird so zu einer Kette von merkwürdigen, kleinen Bildabschnitten, in denen bunte Clowns und traurige Engel nebeneinander stehen. Piau forciert an keiner Stelle. Sie vertraut auf die Tragfähigkeit ihrer feinen Bögen und verweigert sich jedem billigen Effekt.
Ein ebenbürtiger Partner an den Tasten ist David Kadouch. Er fungiert keineswegs als bloßer Stichwortgeber aus dem Hintergrund. Sein Anschlag besitzt eine Fülle an Schattierungen, die den Raum augenblicklich auflädt. Bei Claude Debussys Prélude von dem Mädchen mit den flaxfarbenen Haaren vermeidet er jegliche süßliche Salonseligkeit. Das Klavier atmet, die Töne stehen frei im Raum, ohne in klebriger Pedalsee zu ertrinken. Wenn Kadouch in Ravels griechischen Volksliedern den Takt vorgibt, spürt man die archaische Härte unter der schillernden Oberfläche der Harmonien. Das ist präzise Phrasierungskunst ohne akademische Kälte.
Die eigentliche Beunruhigung dieser CD offenbart sich jedoch in den leisen, dunklen Abschnitten. Alexander von Zemlinskys Schlummerlied gerät unter den Händen der beiden Künstler zu einem kleinen Schocker. Die Mutterschaft wird hier nicht als Ort absoluter Sicherheit gezeichnet, sondern als schutzlose Zelle in einer unbegreiflichen Welt.
Dass dieses Album eine zutiefst menschliche Komponente besitzt, liegt auch an den biografischen Narben, die durch das Material schimmern. Die Erfahrung von Verlust, Vertreibung und dem plötzlichen Verschwinden von Angehörigen wirft lange Schatten auf dieses Projekt. Besondere Beklemmung erzeugt das Wiegenlied von Ilse Weber. Die Dichterin und Komponistin schrieb diese schlichte Melodie im Konzentrationslager Theresienstadt für ihren Sohn, bevor beide in Auschwitz ermordet wurden. Piau und Kadouch verzichten bei diesem Stück auf jegliches falsches Pathos. Die Interpretation bleibt schlicht und karg. Und gerade diese Verweigerung von großer Operngeste macht den Vortrag so unerbittlich greifbar.
Mit dem Auftritt der Cellistin Ophélie Gaillard bei Schostakowitsch erfährt das Klangbild eine zusätzliche, dunkle Einfärbung. Das Cello schnürt den Gesang förmlich ein, gibt ihm eine verletzliche Stütze und lässt den Hörer mit dem Gefühl zurück, dass die geordneten Verhältnisse unserer Gegenwart nur eine dünne Eisschicht darstellen. Manchmal genügt ein kleiner Windstoß, um die Illusion der Sicherheit zum Einsturz zu bringen.
Gibt es Schwachstellen auf diesem Album? Vielleicht die Tatsache, dass der plötzliche Wechsel der Sprachräume und Stilistiken den Hörer zuweilen etwas abrupt aus dem Konzept reißt. Von der filigranen französischen Impressionistik hin zur schweren deutschen Romantik eines Richard Strauss ist der Weg weithin steil. Aber wahrscheinlich ist genau diese Sperrigkeit beabsichtigt. Diese Einspielung verweigert sich dem bequemen Durchhören bei Kerzenschein. Sie will stören, will Kieselsteine auf den Weg werfen, an denen man sich die Sohlen wund läuft.
Am Ende der knapp siebenundfünfzig Minuten bleibt das Gefühl, eine musikalische Reise durch ein dichtes Dickicht absolviert zu haben. Sandrine Piau und David Kadouch liefern keine Wohlfühl-CD ab, sondern ein hochkomplexes, manchmal verstörendes Kunstwerk. Es zeigt die Singstimme als ein Instrument der Beschwörung gegen das Unvermeidliche. Wer sich darauf einlässt, wird mit einer Interpretation belohnt, die nachklingt und den Blick auf scheinbar vertraute Lieder verändern kann.
Dirk Schauß, im September 2026
CONTES
Sandrine Piau, Sopran
David Kadouch, Klavier
Alpha Classic, Alpha 1235

