CD: Constellations Ravel, Barber, Schostakowitsch Ensemble Ouranos Alpha-Classics, ALPHA1183
Bläser sprechen, erinnern und feiern das Leben

Bläserquintette haben es nicht leicht. Zu oft gelten sie als kammermusikalische Nebenstraße, als hübsche Abwechslung im Konzertbetrieb, selten als Zentrum großer Aussagen. Das Ensemble Ouranos widerlegt dieses Vorurteil mit jeder neuen Aufnahme – und ganz besonders mit dieser. Das vor zehn Jahren gegründete französische Quintett zählt heute nicht ohne Grund zu den besten seiner Art weltweit. Was hier zu hören ist, ist nicht nur exzellentes Zusammenspiel, sondern ein tiefes Verständnis dafür, wie Musik erzählen kann, auch ohne Worte.
Für ihre erste Aufnahme bei Alpha Classics haben Mathilde (Flöte), Amaury (Klarinette), Philibert (Oboe), Rafael (Fagott) und Nicolas (Horn) ein Programm zusammengestellt, das auf den ersten Blick heterogen wirkt, sich beim Hören aber als klug komponiertes Ganzes erweist. Es geht um Erinnerung, um Trauer und Trost, aber auch um Leichtigkeit und Sommer. Vor allem aber geht es um Klangfarben, um Dialoge, um das gemeinsame Atmen eines Ensembles, das hörbar als Einheit denkt.
Den Auftakt bildet Maurice Ravels „Le tombeau de Couperin“, in einer Fassung für Bläserquintett. Schon das Prélude zeigt, warum diese Bearbeitung so überzeugend funktioniert. Die Bläser treten in einen intensiven Dialog, weich im Klang, nah am Ohr und doch weit im Raum. Nichts wird forciert, alles wirkt organisch. Die Phrasen gehen ineinander über, als hätten sie nie für etwas anderes als diese Besetzung existiert. Bezaubernd ist das richtige Wort.
In der Fugue übernimmt die Flöte spielerisch das Wort, bald antworten Oboe und Klarinette, tastend, fragend, scheu. Ouranos gelingt es, die kontrapunktische Struktur transparent zu halten, ohne sie trocken auszuleuchten. Diese Musik lebt vom Austausch, vom gegenseitigen Zuhören, und genau das hört man. Das Menuett schreitet ausgewogen voran, ein fein austarierter Tanz, der Eleganz und Zurückhaltung verbindet. Im abschließenden Rigaudon schließlich wird es lebhafter. Enthusiasmus kommt auf, das Tempo zieht an, und besonders beeindruckend ist, wie fein sich das Horn in das Gesamtgefüge einpasst, präsent, aber nie dominant.
Ravels Musik ist hier mehr als nur französische Klangkultur. Sie ist, wie bekannt, auch ein stilles Denkmal für im Krieg gefallene Freunde. Diese Dimension schwingt mit, ohne schwer zu wiegen. Ouranos spielt diese Sätze nicht als Trauermusik, sondern als Erinnerung voller Respekt und Wärme.
Mit der „Pavane pour une infante défunte“ bleibt das Ensemble bei Ravel, schlägt aber einen noch innigeren Ton an. Berührend ist, wie klagend das Horn die trauernde Melodie vorträgt. Der Klang ist rund, warm, getragen. Die übrigen Bläser umhüllen diese Linie behutsam, wie ein atmender Raum. Hier zeigt sich die große Kunst des Ensembles: Zurückhaltung als Ausdrucksmittel.
Einen deutlichen Stimmungswechsel bringt Samuel Barbers „Summer Music“, das einzige Originalwerk für Bläserquintett auf diesem Album. Schon der erste Satz öffnet eine ganz andere Welt. Diese Musik sucht und fragt, sie scheint in der Hitze des Tages zu schweifen, ohne klares Ziel. Ouranos kostet diese Offenheit aus, lässt Pausen sprechen, lässt Klänge stehen.
Im zweiten Satz ziehen Tempo und Energie spürbar an. Die Bläser spielen wie mit feinen Nadelstichen, präzise, wach, hellhörig. Das Zusammenspiel ist bestechend.
Der dritte Satz wirkt wie ein kurzes, schnelles Intermezzo, als wolle niemand Zeit verlieren. Ein Aufblitzen, ein Vorüberziehen.
Im abschließenden Satz endet das Werk verspielt und doch unentschieden. Freude und Fragilität liegen dicht beieinander. Ouranos trifft diesen schwebenden Zustand genau, ohne ihn festzunageln.
Den emotionalen Kern des Albums bildet Dmitri Schostakowitschs Streichquartett Nr. 8 c-Moll, op. 110, in einer Transkription von David Walter. Dieses Werk erstmals in dieser Fassung aufzunehmen, stand für das Ensemble ganz oben auf der Wunschliste – und man versteht sofort, warum. Die berühmten Anfangsakkorde des ersten Largo wiegen schwer. In der Bläserfassung gewinnen sie körperliche Präsenz. Die Tonsprache Schostakowitschs bleibt unverkennbar, doch die Farben verschieben sich, werden rauer, direkter.
Im Allegro molto des zweiten Satzes stürmen die Bläser aggressiv voran, eine Hetzjagd, die kaum Luft zum Atmen lässt. Hier wird nicht geschönt, hier wird angeklagt. Der dritte Satz, Allegretto, bringt Ironie und Sarkasmus ins Spiel. Besonders die kichernde Piccoloflöte verleiht diesem Abschnitt eine schneidende Bitterkeit, die unter die Haut geht. Das folgende Largo führt in einen Abgrund. Die Musik wird zum Protest, verstärkt durch die wiederkehrenden, eindringlichen Einwürfe des Horns. Im letzten Largo schließlich scheint sich etwas zu lösen. Aufgabe, Beruhigung, vielleicht auch Erschöpfung. Ouranos hält diese Spannung aus, ohne falsche Erlösung.
Schostakowitschs Quartett ist eine Erinnerung an die Opfer des zweiten Weltkriegs, aber auch ein sehr persönliches Selbstporträt. In dieser Bläserfassung gewinnt es eine neue, schon unerbittliche Direktheit. Das Ensemble spielt mit großer Ernsthaftigkeit und hörbarer Identifikation.
Den Abschluss bildet eine weitere Bearbeitung: die Élégie aus „Lady Macbeth von Mzensk“, eingerichtet von Nicolas Ramez. Es ist die Arie der Katerina aus dem ersten Akt, in welcher sie ihre Einsamkeit und sexuelle Vernachlässigung beklagt, hier instrumental umgesetzt. Eine ergreifende Version, sehr direkt vorgetragen, ohne Operngestus, ohne Pathos. Die Melodie spricht für sich, getragen von einem warmen, atmenden Ensembleklang. Ein stiller, intensiver Ausklang.
Diese Aufnahme überzeugt klanglich auf ganzer Linie. Der Klang ist sehr natürlich, warm, mit Weite und doch nah am Ohr. Man hat das Gefühl, mitten im Ensemble zu sitzen, jede Stimme klar zu hören, ohne dass das Gesamtbild auseinanderfällt.
Der Vortrag schließlich ist das, was diese CD besonders macht: bestens aufeinander eingespielte Virtuosen, die sich hörbar als Ensemble verstehen. Hier will niemand glänzen um des Glanzes willen. Alles dient dem gemeinsamen Ausdruck. Eine fabelhafte Einspielung, die zeigt, wie viel erzählerische Kraft im Bläserquintett stecken kann, wenn fünf Musiker wirklich zusammen sprechen.
Dirk Schauß, im Januar 2026
Constellations
Ravel, Barber, Schostakowitsch
Ensemble Ouranos
Alpha-Classics, ALPHA1183

