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CD: Conrado del Campo Streichquartett Nr. 10 und Scherzo Seikilos Quartet MarchVivo, MV015

23.11.2025 | cd

CD: Conrado del Campo Streichquartett Nr. 10 und Scherzo Seikilos Quartet MarchVivo, MV015

Weite, Licht und ein vergessener Schatz

vkl

Es passiert selten, dass man Musik hört und sich fragt, wie ein Komponist mit solcher Ausdruckskraft fast vollständig aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden konnte. Bei Conrado del Campo stellt sich diese Frage sofort. Sein Streichquartett Nr. 10 und das frühe Scherzo für Quartett zeigen eine Handschrift, die eigenständig ist, farbig, formal klar und reich an Fantasie. Dass diese Werke hier erstmals in einer Veröffentlichung auftauchen, macht die CD doppelt wertvoll. Sie dokumentiert das Konzert des Seikilos Quartet vom 28. Mai 2025 in der Fundación Juan March in Madrid und ist gleichzeitig ein weiterer Baustein des 2021 gestarteten Proyecto Conrado, das erstmals das gesamte Quartettwerk dieses zu Unrecht vergessenen Komponisten erschließt.

Das Seikilos Quartet begegnet dieser Musik mit einer Überzeugung, als gehöre sie längst zum Kernrepertoire. Die vier Musiker agieren wie ein einziger Atemkörper. Jede Stimme ist präzise, jede Geste sitzt, und selbst in dichten Passagen bleibt die Transparenz erhalten. Dazu kommt ein Klangbild, das die Live-Situation spürbar macht. Direkt, nah, ohne Störungen. Man hört die Intensität des Moments, und genau das verleiht der Aufnahme ihren besonderen Reiz.

Das F-Dur-Quartett Nr. 10 trägt den Beinamen „Castilian“ und entstand 1945. Die programmatischen Satzüberschriften sind keine bloßen poetischen Etiketten, sondern Schlüssel zum Verständnis. Der erste Satz „Campos dilatados. Horizontes sin término“ – Weite Felder. Endlose Horizonte – beginnt mit einer innigen Kantilene der ersten Violine. Unter ihr legen die anderen Stimmen einen dichten, aber nie schwer wirkenden Untergrund. Das Gefühl weiter Landschaften, die sich öffnen und ausbreiten, zieht sich durch den gesamten Satz. Die Musik atmet in langen Melodiebögen, dann wieder mit deutlicher Struktur. Das Seikilos Quartet hält die Spannung, ohne jemals aufzuzeigen. Alles wirkt organisch gewachsen.

Der zweite Satz „Danzas y evocación del romancero“ – Tänze und Erinnerung an die Romancero-Tradition – bringt Licht und Bewegung. Ein Scherzo voller Rhythmus, Optimismus und klarem Puls. Die Solo-Violine führt mit geschmeidiger Phrasierung, ohne folkloristisch zu klingen. Stattdessen entsteht ein Echo jener erzählenden Tradition, die in Spanien tief verwurzelt ist. Feine Pizzicati setzen kleine ironische Funken. Der Satz ist frisch, lebendig und zeigt, wie virtuos del Campo Tanzformen in Kammermusik verwandelt.

Der dritte Satz trägt die lange, beinahe filmische Überschrift „La hora mística al atardecer. Idilio. Sentimiento del paisaje del llano al atardecer“ – Die mystische Stunde bei Sonnenuntergang. Idyll. Empfindung der Ebene im Abendlicht. Die Musik beginnt tastend. Die erste Violine sucht den Ton, findet ihn, und der Satz öffnet sich wie ein ruhiger Blick über flache Landschaften im letzten Licht. Die Farben sind reich, aber nie grell. Das Seikilos Quartet lässt den Klang schweben, formt ein stilles, mystisches Gefüge, das in feinen Nuancen leuchtet. Der flexible, atmende Satzfluss trägt diese Szene mühelos.

Der vierte Satz „Firmeza, tenacidad, heroísmo!… y reconcentrada pasión“ – Festigkeit, Beharrlichkeit, Heldentum und gebündelte Leidenschaft – fordert die Spieler mit entschlossenem Ton. Es ist ein Finale voller Energie, aber nicht brachial. Das Ensemble setzt klare Akzente, bleibt aber beweglich genug, um die spontanen Ruhepunkte zu gestalten, die del Campo vorsah. Diese Wechsel verleihen dem Schluss seine Wirkung. Ein Satz, der Überzeugung zeigt und zugleich dramatischen Ausdruck entfaltet.

Nach diesem breit angelegten Werk wirkt das frühe Scherzo in e-Moll aus dem Jahr 1911 wie ein kompaktes Gegenstück. Hier zieht die Musik sofort nach vorn. Vital, leidenschaftlich, mit dem Gefühl, mehr sagen zu wollen, als in knapp zwölf Minuten passt. Das Seikilos Quartet spielt mit Präzision und Verve. Die Stimmen greifen fest ineinander, bleiben transparent und formen ein lebendiges Klangbild. Man erkennt schon hier, wie früh del Campo zu einer eigenen Stimme fand.

Die Aufnahme überzeugt nicht nur musikalisch, sondern auch klanglich. Die Nähe der Live-Situation erhöht die Präsenz. Die Instrumente stehen klar im Raum, jede Nuance ist hörbar. Nichts wirkt verhüllt oder nachbearbeitet.

Nach dieser CD stellt sich nicht mehr die Frage, ob Conrado del Campo wiederentdeckt werden sollte. Sie stellt sich nur noch, wie es möglich war, ihn so lange zu übersehen.

Dirk Schauß, im November 2025

 

Conrado del Campo
Streichquartett Nr. 10 und Scherzo
Seikilos Quartet
MarchVivo, MV015

 

 

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