Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD Concerto Copenhagen – „Champagne! The Sound of Lumbye and his Idols“; Dacapo Records

25.08.2023 | cd

CD Concerto Copenhagen – „Champagne! The Sound of Lumbye and his Idols“; Dacapo Records

Champagner oder Soda Zitron?

tiv4

Alles Walzer! Auf Bällen, in Neujahrskonzerten oder gleich nach dem Einläuten des Neuen Jahrs durch die Pummerin vom Wiener Stephansdom im Radio, sind sie verlässlich zu hören: Elegante Walzer und urwüchsige Tänze, die das Tanzbein kitzeln und Lebenslust atmen.

Seit 1966 gibt es in Wien ein Orchester, benannt nach Johann Strauss, das instrumentale Unterhaltungsmusik ganz nach Wiener Art dar- und feilbietet und mit einem eigenen Konzertzyklus im Goldenen Saal des Musikvereins wirbt. Es besteht in der Regel aus 42 Musikern und geht auf die 1846 von Johann Strauss Vater gegründete Strauss-Kapelle zurück. Als  „Walzerkönig“ gilt freilich der sogenannte Sohn, der als kreatives Genie, aber auch als höchst angenehmer Zeitgenosse die Kollegenschaft wie Publikum gleichermaßen entzückte. Brahms, Verdi, Wagner, Richard Strauss, aber auch von Bülow, Felix Weingartner oder Mariss Jansons übten sich in Superlativen.

Einem gewissen Hans Christian Lumbye, gebürtigem Kopenhagener, gelerntem Geiger und Militärtrompeter, bestimmte ein Konzerterlebnis mit Stücken von Joseph Lanner und Johann Strauss Vater fortan das musikalische Leben. Er machte sich auf privaten Festen und im Vergnügungspark Tivoli bald einen Namen als origineller Tanzmusikerfinder und Dirigent eines unerschrockenen Orchesters. So begeisterte Lumbye in beschwingter Manier tanzwütige Landsleute, auf Tourneen u.a. nach Paris, Wien und Berlin riss er auch ein internationales Publikum vom Hocker. Wie später der Wiener Willi Boskovsky leitete er das Orchester von der Violine aus. 

Mehr als 700 Stücke des H.C. Lumbye sind überliefert, darunter Polkas, Walzer, Galoppe, Mazurken, auch Fantasien, Ballett- und Schauspielmusiken. in Lumbye’s Orchester stand eine kleinere Streichergruppe einer gut ausgestatteten Bläserfraktion gegenüber. Geräuschimitierende Perkussionsinstrumente taten das Ihrige, um Kopenhagener Dampflokomotiven schnaufen, rasseln und pfeifen zu lassen. Mal dürfen auch Champagnerkorken im Galopp ploppen. Tsching Tsching und Champagner, oder darf es auch ein grober perlendes Sodawasser sein? 

Lumbye hielt seinen Einstand bei einem Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2020, als Andris Nelsons dessen „Postillon-Galopp“ dirigierte. Die Münchner Symphoniker setzten bei ihrem Neujahrskonzert 2023 Lumbye’s „Tivolis Rutschbahn“ sowie den „Champagner- und den Pegasus-Galopp“ auf ihr Programm. Lumbye ist spät, aber doch auch in unseren Breiten à la mode geworden.

Mit dem „Champagner-Galopp“ startet die neue CD des auf historischen Instrumenten aufspielenden Concerto Copenhagen unter der künstlerischen Leitung von Lars Ulrik Mortensen. Mortensen, einigen sicher als ehemaliger Cembalist des Ensembles London Baroque ein Begriff, leitet das ‚Coco‘ seit 1999. In Sachen Lumbye ist er kein CD-Pionier, weil etwa das Tivoli Symphonieorchester (in der Nachfolge des 33 Musiker umfassenden Tivoli Gardens concert hall Orchestra des Komponisten) oder das Odense Symphony Orchestra  schon mit zahlreichen Alben erfolgreich auf das Schaffen des dänischen Strauss aufmerksam gemacht haben. Das Label Marco Polo hat bereits Ende der 90-er Jahre einen Zyklus – ebenfalls mit dem Tivoli SO – mit den kompletten Orchesterwerken von Lumbye gestartet. 

Dennoch ist das neue Album, das ausgewählte bekannte und rare Werke („Andante cantabile und Tarantella“,  „Silberhochzeitswalzer“), darunter drei Weltersteinspielungen, direkt Hits von Johann Strauss I („Champagner Walzer“), Joseph Lanner („Die Mozartisten“) und dem Lumbye-Arrangement „Bellman’s Fest von Djurgarden“ des schwedischen Liederdichters und Komponisten Carl Michael Bellman gegenüberstellt, eine einzigartige Sache. Mit authentischer Klangsuche und intensivem Quellenstudium will man dem originären Lumbye auf der Spur sein. Und der hat es in sich. Vergessen Sie den mandelblütenduftigen Wiener Philharmoniker-Sound mit dem silberelfigen Streicherflirren. Auch Harnoncourts Strauss-Interpretationen erweisen sich im direkten Vergleich als sanft schnurrende Kätzchen. 

Beim Concerto Copenhagen sind es ruppig vorlaute Bläser, eine militärisch zackige Artikulation und das tuschige Schlagzeug, die Hörgewohnheiten ordentlich durcheinander wirbeln. So einen Tschingderassabum haben Sie garantiert noch nie vernommen. Das kann je nach Stück als witzig und rasant bis zu schrill quiekend empfunden werden. Sie werden auf jeden Fall den Zauber der Bretter, die an Kirtagen unter dem derben Stampfen der Beine knarzen, das (fast) jedem Wetter trotzende bierselige Aufspielen, die Begeisterung für eine deftige wie unterhaltsame Musikkost in diesen nach landläufigen Begriffen auch unschöne Töne  nicht scheuenden Klangwelten nacherleben können. Besonders griffig wie spassig klingen meiner Meinung nach die Titel „Echo der alten Götter auf der Insel Tivoli“, der „Figarowalzer“ (gemeint ist der Figaro aus Rossini ‚Il Barbiere di Siviglia‘) und die „Tivoli-Basar Tsching-Tsching-Polka“

Wagemutigen wird dieser „dänische Johann Strauss“ so dargeboten durchaus die eine oder andere Überraschung bzw. launigen Schmunzler bescheren. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken