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CD: Clavecin XX Justin Taylor, Cembalo Alpha Classics, Alpha1041

22.05.2026 | cd

Justin Taylor befreit das Cembalo

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Musik für Cembalo? Da denkt man sofort an gepuderte Perücken, staubige Schlossmuseen und das monotone Klimpern steifrockiger Kammerzofen. Weit gefehlt.

Der französische Tastenvirtuose Justin Taylor fegt den barocken Staub gründlich beiseite und holt das oft totgesagte Instrument mitten ins turbulente 20. Jahrhundert. Mit seiner neuen Aufnahme bei Alpha Classics beweist er, dass dieser vermeintliche Oldtimer mühelos im modernen Verkehr mitschwimmen kann. Das gesamte Programm funkelt vor Lebendigkeit – eine Qualität, die man dem vermeintlich starren Kasten kaum zugetraut hätte.

Taylor folgt den Spuren großer Vorkämpferinnen wie Wanda Landowska und Elisabeth Chojnacka, die das Cembalo schon vor Jahrzehnten aus der musealen Vitrine holen wollten. Sein besonderes Werkzeug ist ein Hybrid-Instrument, das Anthony Sidey in den 1970er Jahren baute: Es verbindet die robuste Kraft der legendären Pleyel-Cembali mit den Vorzügen historischer Vorbilder. Dank raffinierter Pedaltechnik und variabler Register entfaltet es eine erstaunliche Farbpalette – von zarten, fast regenbogenartigen Nuancen bis zu resoluten, harten Schlägen.

Den Auftakt macht ein winziger Gruß von Béla Bartók: seine nur knapp einminütige Hommage an Johann Sebastian Bach aus dem Mikrokosmos. Mit kristallklarer Artikulation setzt Taylor sofort das qualitative Fundament für alles, was folgt. Dann öffnet sich der Vorhang für Jean Françaix’ Konzert für Cembalo und Instrumentalensemble. Hier herrscht pure Spielfreude: ein fröhliches Wechselspiel im ersten Satz, pointierte Pizzicati, ein wehmütiges Andantino und schließlich ein neckisches, keckes Finale – ein virtuoses Katz-und-Maus-Spiel, das dem Hörer ein breites Grinsen ins Gesicht zaubert.

Kontrast bietet die Uraufführung von Stéphane Gassots Bluesinuum. Das Stück verneigt sich vor Ligeti, bringt aber eine unverkennbar bluesige Färbung mit. Dass Taylor und Gassot seit zwanzig Jahren befreundet sind, hört man deutlich: Hier wird keine Musik verwaltet, sondern eine lebendige künstlerische Freundschaft zelebriert.

Henryk Górecki zeigt anschließend die dunkle, unheimliche Seite des Cembalos. Sein Konzert op. 40 konfrontiert das Soloinstrument mit schweren, unerbittlichen Streicherakkorden, gegen die Taylor mit rhythmischen Ostinati ankämpft. Das folgende Vivace marcatissimo verlangt allen Beteiligten Höchstleistungen ab und wirkt wie eine perfekt geölte, bezwingend magnetische Maschine.

Francis Poulencs Concert champêtre führt zurück in lichte, heitere Gefilde. Feierliche Holzbläser und ein charmantes Cembalo schaffen eine einladende Aura. Das Werk atmet großen Solokonzert-Geist, greift barocke Elemente auf und überführt sie mit einem augenzwinkernden Lächeln in die Moderne. Nach einem zutiefst berührenden Andante folgt ein stürmisches, virtuoses Finale.

Den Abschluss der Reise bilden ein wirbelndes Impromptu von Bohuslav Martinů sowie Manuel de Fallas erstes Cembalokonzert des 20. Jahrhunderts – ein hitziges, kammermusikalisches Gespräch auf Augenhöhe mit Flöte, Oboe, Klarinette, Violine und Cello. Chloé Dufresne leitet das Orchestre National de Lille mit enormem Elan und sorgt für eine optimale Balance.

Und als wäre damit noch nicht genug gesagt: Zum Kehraus serviert Taylor eine wunderbare Unverschämtheit – Scott Joplins Maple Leaf Rag. Was sonst den Pianisten vorbehalten bleibt, klingt auf den historischen Doppelmanualen verblüffend natürlich. Das metallische Knistern des Cembalos verleiht dem Ragtime einen ganz eigenen, festlichen Glanz.

Ein rundum kurzweiliges, intelligentes und hochmusikalisches Vergnügen – dank hervorragender Aufnahmetechnik, engagierter Mitwirkender und der ansteckenden Begeisterung Justin Taylors und als kurzes Fazit: Das Cembalo ist definitiv kein Museumsstück mehr!

Dirk Schauß, im Mai 2026

 

Clavecin XX

Justin Taylor, Cembalo

Alpha Classics, Alpha1041

 

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