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CD: Claudio Monteverdi Vespro della Beata Vergine InALTO Lambert Colson, musikalische Leitung Ricercar, RIC492

06.10.2026 | cd

CD: Claudio Monteverdi Vespro della Beata Vergine InALTO Lambert Colson, musikalische Leitung Ricercar, RIC492

Lambert Colson befreit Claudio Monteverdi von den Sünden des Prunks

comp

Man hat sich über Jahrzehnte daran gewöhnt, Claudio Monteverdis Marienvesper von 1610 als prachtvolles Monument des Barock zu hören: als musikalische Machtdemonstration für große Kathedralräume, mit ausladenden Chören, verdoppelten Bläsern und einem Continuo, das ganze Kirchenräume füllt. Das Label Ricercar legt nun mit dem Ensemble InALTO unter Lambert Colson eine Einspielung vor, die gründlich mit dieser venezianisch geprägten Monumentalität aufräumt. Colson blickt nicht auf die Kuppeln von San Marco, sondern zurück nach Mantua – in die Räume des herzoglichen Hofes und die Akustik der Basilica Palatina di Santa Barbara. Hier entstand 1610 eine Musik, die Monteverdi nicht für die Masse schrieb, sondern als Empfehlung an Papst und Fürstenwelt: subtil, virtuos, kammermusikalisch und für Intimität gedacht.

Colson versteht das Werk nicht als restauriertes Museumstück, sondern als lebendiges liturgisches Gefüge. Gemeinsam mit der Cappella di San Petronio di Bologna unter Michele Vannelli bettet er die Musik wieder in die Ordnung der Marienvesper zur Festlichkeit der Aufnahme Mariens in den Himmel ein. Antiphonen und gregorianische Gesänge aus mantuanischen Quellen des späten 16. Jahrhunderts bilden das Fundament, auf dem sich Psalmen und Motetten entfalten. Umrahmt wird alles von Orgel-Toccaten und Canzonen von Merulo, Gabrieli und Palestrina, die den tonalen Rahmen im ersten Ton sichern. Wer befürchtet, dass diese historische Genauigkeit in Trockenheit endet, wird rasch eines Besseren belehrt.

Schon die einleitende Toccata seconda von Merulo zieht den Hörer in die Akustik der Mantuaner Palastkirche. Das eröffnende Deus in adiutorium kommt ohne die sonst üblichen Bläserkaskaden aus. Stattdessen ertönt eine straffe Toccata, deren Rhythmus den historischen Proportionsregeln folgt. Die Tempi wirken frisch und frei von künstlich gedehntem Pathos. Colson besetzt die Partitur konsequent solistisch – eine Stimme pro Part. Das Ergebnis ist eine Transparenz, die man bei diesem Werk selten hört. Jede Stimmführung bleibt nachvollziehbar, kein Kontrapunkt geht im Nachhall unter.

In den fünf Psalmen zeigt das Ensemble eine bemerkenswerte Durchhörbarkeit. Im Dixit Dominus verbinden sich die Soprane von Maïlys de Villoutreys, Alice Foccroulle und Carine Tinney mit einer Leichtigkeit, die ohne jede vordergründige Virtuosität auskommt. Die Intonation ist von seltener Sauberkeit; Dissonanzen werden nicht kaschiert, sondern klar offengelegt. Das Laudate pueri besticht durch federnde Rhythmik, in der die Bässe Geoffroy Buffière und Guillaume Olry das Fundament liefern, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Historische Aufführungspraxis wirkt hier nicht wie ein Korsett, sondern wie eine Befreiung von angehäuftem Ballast.

Besonders gelungen sind die solistischen Concerti. Im Nigra sum entfaltet Tenor Massimo Altieri eine schlichte, elegante Rhetorik. Kein übertriebenes Pathos stört den Fluss der Monodie; die Verzierungen, die Monteverdi im Notentext festhielt, werden mit beiläufiger Selbstverständlichkeit ausgeführt. Das Pulchra es der beiden Sopranistinnen gerät zu einem leuchtenden Zwiegespräch von schwebender Anmut. Wo andere Aufnahmen auf Effekt setzen, entstehen hier Momente von beinahe privater Vertrautheit. Im Duo Seraphim steigern Massimo Altieri, Luca Cervoni und Riccardo Pisani die Echo-Effekte zu einer klanglichen Farbenpracht, die den Raum ausleuchtet.

Auch instrumentalseitig setzt die Aufnahme Maßstäbe. Die Zinken unter Lambert Colson und Friederike Otto sowie die Posaunen intonieren mit einer Weichheit, die dem menschlichen Atem nahekommt. In der Sonata sopra Sancta Maria liefern die Bläser ein virtuoses, aber nie auftrumpfendes Feuerwerk. Dass die Musiker nicht nur auf der Empore, sondern auch im Kirchenraum positioniert wurden, erweist sich als kluge Entscheidung der Tonregie: Der Klang wirkt nah und greifbar, bewahrt aber den Raumcharakter von Santa Barbara. Die historischen Antegnati- und Cipri-Orgeln geben dem Continuo eine erdig-warme Grundierung, die von Theorbe und Theorbe feinsinnig rhythmisiert wird.

Zum Höhepunkt gerät das Magnificat auf der zweiten CD. In Versen wie Quia respexit oder Deposuit potentes greifen Monteverdis vorgeschriebene Instrumentations- und Registrieranweisungen nahtlos ineinander. Die Bläsersoli schweben durch den Raum, die Solisten gestalten ihre Partien mit stilsicherer Gelassenheit. Colson widersteht der Versuchung, die Tempowechsel zu dramatisieren; alles folgt dem natürlichen Pulsschlag des Tactus.

Den schlüssigen Abschluss bildet nicht der gewohnte donnernde Schlussakkord, sondern Palestrinas Salve Regina à 5. Das Ensemble entlässt den Hörer mit einer schlichten, reinen Polyphonie in die Stille. Lambert Colson und InALTO haben mit dieser Doppel-CD eine Einspielung vorgelegt, die der Monteverdi-Diskographie einen echten Dienst erweist. Sie zeigt die Vespern von 1610 nicht als Barockprunk, sondern als vielschichtiges, intellektuell anspruchsvolles und zutiefst menschliches Werk der Übergangszeit. Wer bereit ist, auf gewohnte Monumentalität zu verzichten, wird mit musikalischer Klarheit und Wahrheit belohnt.

 

Dirk Schauß, im September 2026

 

Claudio Monteverdi

Vespro della Beata Vergine

InALTO

Lambert Colson, musikalische Leitung

Ricercar, RIC492

 

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