Das Trio Les Heures Bleues lässt die Sonne über Albinoni aufgehen

Das belgische Label Cypres hat sich seit jeher einen Namen damit gemacht, das Repertoire nicht bloß zu verwalten, sondern es durch kluge Konzeptionen in Schwingung zu versetzen. Mit der Neuerscheinung „Circa Diem“ gelingt dem Trio Les Heures Bleues ein solches Kunststück, das weit über die üblichen Anthologien barocker Triosonaten hinausweist. Das Ensemble, bestehend aus Flöte, Akkordeon und Violoncello, wählt einen programmatischen Ansatz, der den Hörer durch den vierteiligen Zyklus eines Lichttages führt. Es ist eine musikalische Freske, die den Rhythmus der Gestirne aufgreift und dabei das Frühwerk von Tomaso Albinoni als ordnendes Zentrum nutzt. Albinonis Opus 1, jene 1694 in Venedig veröffentlichten Sonate da chiesa, dient hier als Fundament für eine Reise, die von der dunkelsten Nacht bis zum schwindenden Zwielicht reicht. Die Wahl des Akkordeons anstelle eines Cembalos oder einer Orgel erweist sich dabei nicht als modischer Anachronismus, sondern als innovative Idee einer besonderen Klangfarbe.
Die Reise beginnt in der vollkommenen Finsternis mit Virginie Tassets „Nuit profonde“. Suchende Klänge bauen sich hier wie eine undurchdringliche Nebelwand auf, in der die Konturen der Instrumente erst allmählich greifbar werden. Besonders faszinierend gerät der Dialog zwischen dem Akkordeon und der Flöte; das eine atmend und schwellend, die andere linear und klar. Es entsteht ein Spannungsfeld, bevor der Übergang zu Albinoni die Szenerie klärt. In den Triosonaten Nr. 1, 6, 7 und 8 offenbart das Trio Les Heures Bleues ein blindes Verständnis für die barocke Architektur. Die Flöte agiert zwar oft als Primus inter Pares im Zentrum des Geschehens, doch das Akkordeon entpuppt sich als ein erstaunlich selbstbewusster Partner, der weit mehr liefert als nur ein harmonisches Gerüst. Das Violoncello wiederum fungiert als die ordnende Instanz im Hintergrund, die das musikalische Geschehen mit einer hintersinnigen Kontrolle lenkt und erdet.
Wenn Max Charue in „L’Aube“ den Anbruch des Tages vertont, geschieht dies ganz aus der Stille heraus. Die Klänge erwachsen in einer Art Zeitlupe, stehen beinahe unbeweglich im Raum und beschwören eine surreale, mystische Atmosphäre. Es ist der Moment vor dem Erwachen, in dem die Welt noch unentschieden scheint. In der darauf folgenden Triosonate Nr. 6 demonstrieren die drei Musiker einen beeindruckenden Gleichklang. Ob in den perlenden Läufen der schnellen Sätze oder in der getragenen Melancholie der Adagios, die Phrasierungen wirken wie aus einem Guss. Man spürt, dass hier nicht drei Solisten nebeneinanderher spielen, sondern ein verschworenes Kollektiv am Werk ist, das die barocken Affekte mit einer modernen Unmittelbarkeit auflädt.
Den strahlenden Höhepunkt bildet Patrick Letermes „Zenith“. Diese Komposition bricht die vorherige Zurückhaltung auf, sie wirkt auflockernd und ist buchstäblich von Licht durchflutet. Es ist eine passionierte Musik, die raunt und kündet, die den Raum mit einer Energie füllt, die man in dieser Besetzung selten erlebt hat. Wenn danach die Triosonate Nr. 7 erklingt, stellt sich ein Gefühl von Selbstverständlichkeit ein. Man beginnt zu glauben, Albinoni habe diese Werke genau für diese instrumentale Kombination geschrieben. Die Wärme des Akkordeons verleiht der Musik eine Bodenhaftung, die auf herkömmlichen Continuo-Instrumenten oft verloren geht.
Mit Jimmy Bonessos „Pinkas“ wird die Heure Dorée erreicht, jene goldene Stunde, in der die Schatten länger werden. Das Akkordeon eröffnet hier mit einer ausgedehnten Tonreihe, einem einsamen Ruf gleich, der nach Gesellschaft sucht. Mit einer wunderbaren Vorsicht treten Flöte und Cello hinzu, als wollten sie den Raum erst vorsichtig sondieren, bevor sie sich ganz dem Klangstrom hingeben. In der abschließenden Triosonate Nr. 8 zeigt das Trio noch einmal seine ganze Bandbreite: Intensität in der motivischen Arbeit trifft auf virtuose Spielfreude. Den Schlusspunkt setzt Muhiddin Dürrüoğlu mit „To Dusk and beyond“. Die Mystik kehrt zurück, diesmal jedoch in einer herberen Gestalt. Sehnige Celloklänge reiben sich an den tiefen Registern des Akkordeons, während der Tag langsam in die Nacht zurücksinkt. Circa Diem ist ein Album, das den Hörer nicht nur unterhält, sondern ihn dazu zwingt, die Zeit anders wahrzunehmen. Es ist eine intelligente Verbeugung vor der Tradition und gleichzeitig ein mutiger Schritt in die Gegenwart.
Dirk Schauß, im März 2026

