CD CHRISTOPH WILLIBALD GLUCK: ORPHÉE ET EURYDICE – Drame héroique, Version de Paris; harmonia mundi
Haute-Contre REINOUD VAN MECHELEN als ungemein berührender Orphée

Der große Klagegesang des Orpheus „Ach, ich habe sie verloren, all mein Glück ist nun dahin!“ alias „Che farò senza Euridice“ zählt zu den ganz großen Opernhits des 18. Jahrhunderts. Gluck hat seine Azione Teatrale „Orfeo ed Euridice“ ursprünglich in italienischer Sprache auf ein Libretto von Ranieri de‘ Calzabigi geschrieben. Die Uraufführung fand im Burgtheater Wien am 5.10.1762 statt, damals mit dem Altkastraten Gaetano Guadagni in der Titelrolle. Stilistisch sprechen wir von einem Amalgam aus italienischer Opera seria und französischer tragédie en musique
Die herzzerreißende Geschichte des thrakischen Sängers, der aus Liebe zu seiner an einem Schlangenbiss gestorbenen Euridice mit seiner Hartnäckigkeit die Götter erweicht und schließlich die allerhöchste Erlaubnis erhält, in den Hades hinabzusteigen. Seine Geliebte ins Leben zurückzuführen, bedarf allerdings zweier Bedingungen: Erstens muss der Sänger mit seiner Stimme die Furien besänftigen und zweitens darf sich Orphée auf dem Weg retour nicht nach Eurydice umsehen. Natürlich kann Orphée sein Versprechen nicht halten, als Eurydice kurz vor Erreichen des Tageslichts völlig hysterisch lieber in die Unterwelt zurückkehren will, als einem Mann zu folgen, der sie nicht einmal ansieht (=vermeintlich nicht liebt). Bevor er sich selbst das Leben nehmen kann, erbarmt sich Amor der beiden und erweckt Euridice wieder zum Leben. Happy End.
Infolge der Heirat des Dauphin Louis Auguste mit der österreichischen Erzherzogin Marie-Antoinette 1770 verschlug es auch Gluck nach Paris. Konkreter Anlass war eine Einladung an die Pariser Oper, wo Glucks Oper „Iphigénie en Aulide“ am 19.4.1774 mit Riesenerfolg uraufgeführt wurde. Als sich Gluck unmittelbar danach an die Überarbeitung von „Orfeo ed Euridice“ machte, wählte er Pierre-Louis Moline als Librettisten. Die französische Fassung unterscheidet sich nicht nur in der Besetzung der Titelpartie mit einem Haute Contre und den damit verbundenen Transpositionen. Gluck ergänzte die Partitur um vier Arien (u.a. Ophée: ‚L’espoir renaît dans mon âme‘ sowie Euridices Szene ‚Cet asile aimable‘). Orchestereinlagen und Ballette (am markantesten vielleicht die mystische air pour flute seule im zweiten Akt) und überarbeitete die Rezitative in Richtung Accompagnato.
Um den Gewohnheiten des Pariser Publikums Genüge zu tun, fügte Gluck am Schluss das siebensätzige ‚Ballet du Triomphe et de l’Amour‘ ein. Insgesamt stellen in dieser Version von den etwas über zwei Stunden Spielzeit über 50 Minuten reine Orchesternummern dar. In der neuen Instrumentierung kamen überdies statt Zinken, Schalmeien und Englischhörnern Klarinetten zum Einsatz. Was grosso modo noch wesentlicher ist: Das Atmosphärische der Oper hat sich komplett gewandelt. Gluck scheint im Orchesterpart so etwas wie eine tiefenpsychologische Dimension zu den stets noblen Gesangslinien ge-/erfunden zu haben. Bloße barocke Virtuosität und formalisierten Affekten dienende Verzierungskünste weichen dramaturgisch zielgenauer und direkter apostrophierten Gefühlslagen. Gluck erreichte damit, wie es Denis Morrier in seinem Aufsatz „Opernreform“ auf den Punkt bringt, dass der Komponist so den „Weg zur ‚Zukunftsmusik‘ bereitete, den bald Beethoven, Weber und Berlioz durchpflügen sollten.“
Diese Pariser Fassung ist es, die Paul Agnew für seine exquisite Einspielung mit Chor und Orchester von Les Arts Florissants sowie Reinoud Van Mechelen (Orphée), Ana Vieira Leite (Eurydice) und Julie Roset (Amour) gewählt hat.
Die musikalische Umsetzung der Marie-Antoinette gewidmete Partitur könnte nicht besser und eindringlicher sein: Der Schotte Paul Agnew, selbst ein begnadeter Haute Contre mit umfangreicher Diskographie, dirigiert ab seinem Debüt 2007 und seit 2019 als musikalischer Co-Direktor die Ensembles von Les Arts Florissants. Er bringt das so schwierige Kunststück zustande, formale Präzision mit höfisch durchwirkter Empfindsamkeit, unendlichem Charme und tänzerischem Elan in Einklang zu bringen. Sowohl der Klangkörper von Les Arts Florissants als auch der professionelle Kammerchor tragen mit raren Höchstleistungen zum Gelingen des Albums bei.
Der belgische Haute-Contre Reinoud Van Mechelen ist ein aus tausend Klangfarben schöpfender Orphée. Antikische Kraft, emotionale Unmittelbarkeit, dramaturgische Wahrhaftigkeit und eine unbeschreibliche Eleganz markieren seinen technisch makellosen Vortrag. Ihm künstlerisch ebenbürtig gesellen sich die lyrischen, wunderschön timbrierten Sopranstimmen der Ana Vieira Leite und Julie Roset in den wesentlich kleiner dimensionierten Rollen von Eurydice und Amour dazu.
Fazit: Eine traumhafte Aufnahme wie aus einem Guss. Unter den Einspielungen mit Tenor als Orghée sicherlich die musikalisch aufregendste und klanglich berückendste. Empfehlung ohne Vorbehalt.
Dr. Ingobert Waltenberger

