CD CHRISTOPH WILLIBALD GLUCK: ÉCHO & NARCISSE – Aufnahme vom Oktober 2022 aus der Opéra Royal du Château de Versailles
Glucks Drama lyrique und Opernletztling als herzerquickende Klang(be)sinnlichkeit

Veröffentlichung: September 2023
Es wird wohl eine Oper für Spezialisten und Liebhaber bleiben. „Bei einem Werk, das weder in Paris noch in Wien Erfolg hatte, kann man denken, dass der große Komponist seine Inspiration und seine Genialität verloren hat. Diese Annahme stimmt jedoch keineswegs, es war nur eine Frage der Mode und der Direktheit. Alle erwarteten ein tragisches, aufwühlendes Werk von Gluck. Doch er schrieb eine prächtige Hommage an Frankreich und an das, was er an dieser Nation liebte. Zärtlichkeit, Eleganz, Verzierungen, Lokalität und naturalistische Orchestrierung enttäuschten ein Publikum, das für weitaus reißerische, blutigere Leidenschaften gekommen war.“ Soweit Dirigent Hervé Niquet in seinem Vorwort.
Was war geschehen? Die Oper nach einem Libretto von Jean-Baptiste-Louis-Théodore de Tschudi und einer Geschichte aus Ovids „Metamorphosen“ ging am Zeitgeschmack vorbei. Inwieweit zudem Besetzungsfragen eine Rolle für die Reserviertheit des Publikums verantwortlich waren, wie dies Benoît Dratwicki im Booklet anspricht, sei dahingestellt. Gluck setzte sich mit dem unentschieden zwischen Ekloge, Tragödie und Pastorale changierenden, etwa zeitgleich zu „Iphigenie auf Tauris“ komponierten Werk sozusagen zwischen die Stühle des reformwütigen Operngeistes. Auch eine Umarbeitung 1780 konnte die Oper nicht retten. Der Misserfolg kränkte den Komponisten so sehr, dass er nach Wien ging und dort schwor, nie mehr nach Frankreich zurückzukehren. Gesagt, getan.
Wir erkennen den typisch französischen Stil, i.e. im akademischen Tragödienton gefärbtes Nobel-Deklamatorisches der beiden Hauptrollen versus eine lyrisch-anmutige italienische Leichtigkeit in den Nebenrollen. Entzückt darf etwa den Tröstungsgesängen der vier Nymphen im Quartett „Ô chère et tendre amie“ oder dem Schlussquartett „Quel retour“ gelauscht werden. Gluck sah bedeutende Musik für Tanz/Pantomimisches und für erhabenen Chöre vor. Sonst blieb er seinen bewährten Ingredienzien deklamatorische Einfachheit, eigenartiges Ineinander von Melodie und deren Auflösung in Accompagnato-Rezitativen, rascher Wechsel kurzer Szenen und ausgiebige Eigenanleihen aus früheren Werken treu.
In der Instrumentierung und den orchestralen Farbabmischungen ist manch Originelles zu entdecken (Hören Sie etwa die rein instrumentale ‚Romance‘ und das forsch beschließende ‚Allegro‘ im dritten Akt). So kommt der Klarinette als musikalischem Liebesboten eine herausragende Rolle zu und Gluck verfeinert das Echo als Stilmittel. Auf CD sind die musikalischen Vorzüge des schicksalhaften Aufeinandertreffens von Écho, Nymphe über Wald und Wasser und dem Jäger Narcisse, Sohn des Cephisus, nun frei von historischen Diskursen und Überlegungen über eine allfällige Bühnentauglichkeit zu genießen.
Dazu tragen das mit den intimsten französischen Barock-Opernfinessen vertraute Originalklangensemble Le Concert Spirituel unter der lieblich pastoralen Leitung von Hervé Niquet ebenso bei wie eine stilsichere Besetzung. Rund um Adriana González als ihr Leben Amour anvertrauende Nymphe Écho und dem formidablen Cyrille Dubois als zuerst einmal der Hochzeit mit Écho fernbleibender und lieber sein Spiegelbild bewundernder Narcisse tummeln sich allerlei Waldwesen: Myriam Leblanc als Amour, Sahy Ratia als Cynire, Cécile Achille als Égloé, Adèle Carlier als Aglaé, Laura Jarrell als Thanais und Lucie Edel als Sylphie.
Die Geschichte rund um den Fluch des eifersüchtigen Apolls geht dank Amour nochmal gut aus. Er führt die Liebenden, also die aus Kummer dahin geschiedene Écho und den die Stimme seiner Geliebten als Klageecho vernehmenden Narcisse (berührend schön die Echo-Arie „Beaux lieux“), wieder glücklich zusammen, bevor er von Jupiter in den Donnerhall zurückgerufen wird. Uns bleibt die Verwunderung, was so geschehen kann, wenn die Götter auf die Schönheit eines Jünglings eifersüchtig sind. Amour siegt jedenfalls und lässt Narcisse am Ende mit den vorletzten Opernworten des formidablen Herrn Gluck begeistert ausrufen: “Quelle volupté je respire, ne respirons que pour aimer!“ (übersetzt in etwa „Welche Wollust atme ich ein, atmen wir nur, um zu lieben!“).
Dr. Ingobert Waltenberger

