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CD CHRISTIAN FINK „LIEDER und KLAVIERWERKE“; Hänssler  Classic

07.01.2022 | cd

CD CHRISTIAN FINK „LIEDER und KLAVIERWERKE“; Hänssler  Classic

 

„Die Nachtigall mit dem Finken“ – Von biographischer Unsichtbarkeit und wundersam romantischen Liedern

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Unscheinbar bis zur Unsichtbarkeit. So war er, unser hier zumindest musikalisch zu entdeckender Christian Fink, Organist, Chorleiter und Komponist. Jedenfalls nach den Maßstäben, die historisch einigermaßen aufsehenerregende Ereignisse als Träger von Überlieferung und kollektiv kulturellem Gedächtnis dringend braucht. Das brave und bescheidene Leben des Christian Fink war nämlich alles andere als spektakulär: Fink durchlief eine lokale musikalische Karriere im bürgerlichen Fräckchen mit Anstand und auch Erfolgen. Er strebte explizit nichts „Großes, die Mit- und Nachwelt Verblüffendes“ an. Kein Wunder, dass sich nicht einmal die Musikforschung bislang für den 1911 Verstorbenen interessierte, dessen Schaffenszeit immerhin die gesamte zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts bis hinein in die epochalen Umbrüche der Jahrhundertwende gerade in der Entwicklung der Musik durchmaß.  

 

Als Sohn des Schulmeisters 1831 in Dettingen an der Ems in der Region Neckar-Alb des Landes Baden-Württemberg in ärmliche Verhältnisse hineingeboren,  wurde er im Waisenhaus Stuttgart zum Volksschullehrer ausgebildet. Dann war der junge Fink erst einmal Musikgehilfe am Lehrerseminar in Esslingen. Fink studierte dank einer finanziellen Zuwendung der württembergischen Königin Olga zwei Jahre am Leipziger Konservatorium und in Dresden, u.a. bei Ignaz Moscheles. Dann kam sie, die von der Familie betriebene folgenschwere Entscheidung der Rückkehr nach Esslingen, in die damalige provinzielle Abgeschiedenheit und überregionale Verlorenheit. Seine Tochter Rosa sollte später von einer „stillen Tragik“ sprechen. Fink war in Esslingen ein wahrlich rühriger Geist (Musiktheoretiker, Musiklehrer am Esslinger Lehrerseminar und privat, Musikdirektor an der Stadtkirche, Organist, Chorleiter des Esslinger Liederkranzes, Leiter des Oratorienvereins), auf gut Wienerisch könnte man durchaus wohlmeinend von einem ,Gschaftlhuber‘ sprechen.  

 

Finks Werk umfasst knapp über 150 Stücke und besteht überwiegend aus Orgel, Vokal- und Klaviermusik. Auf dem vorliegenden Doppelalbum, die der Esslinger Pianist Robert Bärwald und die hoch talentierte Sopranistin Christine Reber mit spürbar liebevollem Einsatz erarbeitet haben, sind neben den zwei frühen Klaviersonaten fünf Liederzyklen (Op.3, 7, 12, 42 und 70), mehrere Einzellieder, zwei Duette für Sopran, Alt und Klavier sowie drei Lieder für vier Männerstimmen zu hören. Was die literarischen Vorlagen anlangt, so war Fink wie seine (früh)romantischen Vorgänger und wohl auch Vorbilder anspruchsvoll. Da finden sich Gedichte beispielsweise von Goethe, von Eichendorff, von Wilm oder von Fallersleben.

 

Die Qualität der grosso modo der Tradition der Frühromantik und von Brahms nahestehenden Musik besteht gerade darin, dass Fink seine in der Mehrzahl für seine Frau Rosa geschriebenen Lieder präzise und mit einer unglaublichen Einfühlung entlang des Textes schreibt. Es entstehen fein variierte Strophenlieder. Fink besaß bei aller sofort zugänglichen Einfachheit der musikalischen Substanz eine genialisch-melodische Erfindungsgabe, die es in den besten Momenten mit Schöpfungen etwa der frühromantischen Götter Weber, Mendelssohn oder Schumann aufnehmen kann. In der letzten Nummer der zweiten CD  „Der Abt von Bebenhausen“ (vorzüglich interpretiert vom Bariton Teru Yoshihara) erkennen wir zudem die Begabung Finks, geschickt und ausdrucksvoll Balladen zu erzählen. 

 

Eine gute Zeit für Liedsängerinnen: Das Album des Christian Fink ist auch deshalb so vergnüglich geworden, weil Christine Reber sich als eine profunde Liedgestalterin erweist. Textverständlichkeit, ein apartes Timbre, eine frische Herangehensweise, ist sie jetzt die Nachtigall, die den lange im Dornröschenschlaf erstarrten Liedern ihre süß werbende Auferweckungs-Stimme leiht. Manch Spitzentöne könnten freier kommen, aber insgesamt überwiegt die große Freude, wieder einmal einer jungen Sängerin zu begegnen, die erfasst hat, worauf es beim Liedgesang ankommt. Nach Tehoval Sheva und ihrem exzellenten, bei TYXart erschienen Richard Strauss-Album ist es das zweite Mal innerhalb kurzer Zeit, dass die im Konzertleben so vernachlässigte Form des Kunstliedes durch solch meisterliche Sängerinnen mit neuer Energie wieder in den Mittelpunkt des Interesses rückt.  

 

Großer Dank und Anerkennung gebührt dem Pianisten Robert Bärwald, der außer den hohen Qualitäten als Liedbegleiter vor allem in der Klaviersonate in A-Dur Op. 11 sein Temperament und seine musikantische Ader unter klingenden Beweis stellt. Es sollte doch ein gutes Omen sein, wenn mit solch einem höchst erfreulichen Album das Neue Jahr in eine hoffentlich interessante Tonträger-Zukunft startet!

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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