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CD: Chopin The complete Études Aaron Pilsan, Klavier Alpha Classics, Alpha1270

25.09.2026 | cd

CD: Chopin The complete Études Aaron Pilsan, Klavier Alpha Classics, Alpha1270

Aaron Pilsan zähmt Chopin im Geiste Bachs

chop

Ein Pianist, der sich der unerbittlichen Disziplin der 48 Präludien und Fugen des Wohltemperierten Klaviers unterworfen hat, blickt anders auf die Tastatur als ein virtuoser Hitzkopf. Wer Tausende von Stunden in den labyrinthischen Mittelstimmen Johann Sebastian Bachs verbracht hat, sucht selbst im dichtesten Notengetümmel der Romantik nach Ordnung, Klarheit und struktureller Transparenz. Der österreichische Pianist Aaron Pilsan hat nach zwei beeindruckenden Bach-Alben nun seinen zweiten großen Lebenstraum verwirklicht und für das Label Alpha Classics sämtliche Etüden Frédéric Chopins eingespielt. Neben den beiden berühmten Sammlungen Opus 10 und Opus 25 gesellen sich die drei posthumen Studien. Das Resultat ist ein Dokument erstaunlicher Selbstbeherrschung, das den Hörer allerdings vor eine eigenwillige ästhetische Frage stellt.

Wer bei den Etüden ein sprühendes Klangfeuerwerk, ungestüme Leidenschaft oder poetische Entrückung erwartet, wird überrascht, vielleicht sogar ernüchtert sein. Pilsan nähert sich diesem Gipfelwerk der Klavierliteratur nicht als stürmischer Romantiker, sondern als kühler Architekt. Er liest Chopin konsequent durch die Brille des Thomaskantors. Überall sucht und findet er Kontrapunkte, verborgene Bässe und architektonische Fundamente. Das gibt der Einspielung ein hohes Maß an intellektueller Dichte. Man meint beim Zuhören förmlich zu greifen, wie gründlich dieser junge Mann jedes Detail im Vorfeld durchdacht, analysiert und körperlich vorbereitet hat. Sogar ein akribisch ausgetüftelter Ernährungsplan und ausgedehnte Läufe in der Natur gehörten zur Vorbereitung auf dieses schwere Studioabenteuer.

Diese sportliche und geistige Akribie überträgt sich unmittelbar auf das Klavierspiel. Die Etüde C-Dur Opus 10 Nummer 1, sonst oft ein donnernder Orkan aus Arpeggien, wirkt hier wie eine fein säuberlich polierte Marmortreppe. Pilsan meidet die große Geste. Er verweigert dem Hörer das billige Spektakel. Auch bei der berühmten E-Dur-Etüde Opus 10 Nummer 3 verzichtet er auf süßlichen Schmelz oder klebriges Rubato. Die Melodie fließt nüchtern, fast beiläufig, frei von romantischem Ballast. In der A-Moll-Etüde Opus 10 Nummer 2 huschen die fingerbrecherischen Läufe der rechten Hand mit beeindruckender Gleichmäßigkeit über die Mechanik, während die linke Hand die Akkorde stoisch und diskret setzt. Das ist handwerklich makellos, staubfrei und von geradezu akademischer Präzision.

Doch exakte Kontrolle besitzt ihren Preis. Wo alles im Lot bleibt, wo kein Ton aus der Reihe tanzt und jede dynamische Spitze im Keim erstickt wird, da droht die Kunst zur sauberen Exerzierübung zu erstarren. Pilsan spielt Chopin extrem aus der Mitte heraus. Es gibt in diesem Vortrag keine echten Kanten, keine unerwarteten Abgründe, aber eben auch keine Höhenflüge. Das Etüdenhafte, das Pädagogische rückt unweigerlich in den Vordergrund. Chopin entwarf diese Stücke zweifellos für den Unterricht seiner Schüler, erhob sie jedoch gleichzeitig zu hochkarätigen Kunstwerken von gewaltiger emotionaler Spannweite. Bei Pilsan dominieren die Symmetrie und das Maß. Wenn die berüchtigte Revolutionsetüde Opus 10 Nummer 12 erklingt, behält er zwar jederzeit den vollen Überblick über das wilde Wogen der linken Hand, doch das Drama verpufft. Der Ausbruch bleibt kontrolliert, die Verzweiflung im Zaum gehalten.

Interessanterweise gelingen dem Pianisten die feinsinnigeren Stücke des zweiten Zyklus deutlich überzeugender. Opus 25 schildert Pilsan im Begleittext selbst als introspektiver und raffinierter. In der Cis-Moll-Etüde Opus 25 Nummer 7, in der die linke Hand die Kantilene übernimmt, zahlt sich seine Bach-Schulung spürbar aus. Hier entfaltet sich ein echter Dialog der Stimmen. Die Polyphonie blüht auf, ohne dass das Tempo verschleppt wird. Auch die drei posthumen Etüden mit ihren verzwickten Polyrhythmen profitieren von Pilsans geradezu mathematischem Verstand. Die drei gegen vier verschränkten Rhythmen fließen geschmeidig, ohne jemals ins Stolpern zu geraten. Hier zeigt sich die Stärke eines Geistes, der Komplexität spielerisch meistern kann.

Dennoch stellt sich im Verlauf der knapp siebzig Minuten eine merkwürdige Müdigkeit beim Zuhörer ein. Pilsans Wille zur Ausgewogenheit wirkt mitunter wie ein Panzer. Man wünscht sich vergebens einen Funken Spontaneität, einen Moment der Verführung oder das Risiko eines kühnen Gedankens. Alles klingt wie im Vorfeld drei Mal durchdacht und im Tonstudio verlässlich exekutiert. Ein kleiner Patzer oder ein unberechenbarer Wutausbruch über die letzten zwei Takte der C-Dur-Etüde Nummer 7 hätte diesem Vortrag vielleicht sogar etwas Menschliches verliehen. Im fertigen Take aber ist davon nichts mehr zu spüren. Die Makellosigkeit ist lückenlos, aber sie lässt den Hörer seltsam unberührt. Es entsteht der Eindruck einer akustischen Leistungsschau, die man höflich bewundert, aber rasch wieder vergisst.

Dazu passt das Klangbild der Produktion. Das Toningenieurteam liefert ein sauberes, klares und neutrales Abbild des Flügels. Jede Note ist klar ortbar, die Artikulation wird messerscharf eingefangen. Allerdings fehlt es dem Instrument an tiefem Nachhall und saftiger Resonanz. Dieser spröde Ton verstärkt den Eindruck einer akademischen Versuchsanordnung. Es mangelt an Wärme, an jenem samtenen Klangraum, den Chopin-Interpretationen so dringend benötigen, um nicht im Trockenen zu stranden.

Am Ende präsentiert Aaron Pilsan eine Chopin-Einspielung für die kühlen Analytiker unter den Musikliebhabern. Er demonstriert eindrucksvoll, was Disziplin, kluge Vorbereitung und eine profunde Beschäftigung mit den Altmeistern am Klavier bewirken können. Die Faszination der reinen Struktur wird hier virtuos ausgestellt. Wer jedoch das Sprunghafte und das Herzblut sucht, die diese Werke seit fast zwei Jahrhunderten unsterblich machen, wird sich nach anderen Einspielungen zurücksehnen. Pilsan liefert eine tadellose Architektur. Das Leben darin muss sich der Hörer selbst vorstellen.

 

Dirk Schauß, im September 2026

 

Chopin

The complete Études

Aaron Pilsan, Klavier

Alpha Classics, Alpha1270

 

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