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CD CHOPIN Klavierkonzert Nr.2, Scherzi, SEONG-JIN CHO, London Symphony Orchestra unter Gianandrea Noseda; Deutsche Grammophon

22.12.2021 | cd

CD CHOPIN Klavierkonzert Nr.2, Scherzi, SEONG-JIN CHO, London Symphony Orchestra unter Gianandrea Noseda; Deutsche Grammophon

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2016 hat der koreanische Pianist und Wahlberliner Seong-Jin Cho in genau der Konstellation LSO/Noseda für die Deutsche Grammophon das Erste Klavierkonzert von Chopin in den Londoner Abbey Road Studios aufgenommen. Das Album war angereichert um die vier Balladen, die in der Hamburger Friedrich-Ebert Halle auf „Band“ gebannt wurden. Nun liegt als logische Nachfolge-CD das zweite Klavierkonzert in f-Moll samt den vier Scherzi vor.

Wieder ist der Hörer verblüfft: Die CD ist ebenso brillant und musikalisch anspruchsvoll wie die Vorgängerin. Der Pianist erweist sich als auf eine fast schon freche Art unbekümmert perfekt, er scheint auf jeden Fall energetisch kaum Grenzen zu kennen. Das Ergebnis klingt jedoch weniger romantisch als etwa die Chopin-Aufnahmen des diesjährigen 18. Chopin-Wettbewerbssiegers Bruce Liu. Nicht dem melodiösen Aufblühen schenkt der Koreaner das Hauptaugenmerk, sondern den kompositorischen Strukturen und einer fast „unerträglichen Leichtigkeit“ artistischer Tastenfertigkeit.

Seong-Jin Cho hat als erster Koreaner im Jahr 2015 den Chopin-Wettbewerb gewonnen. Seine künstlich um ihn gebaute PR mit Attributen wie populärster Klavierspieler oder Popstar mag er nicht. Ich finde, Cho hat sich selbst eine Eigenmarke geschaffen und das mit rein künstlerischen Mitteln. Musikalisch ist er eher ein Unsentimentaler, wie Gulda es waren. Aber Cho ist auch ein unverwechselbar moderner Künstler, der die Musik nicht als alleinseligmachendes Allerheiligstes sieht, sondern das Leben als Ganzes begreift und dies auch von Ausdruck und Substanz her durchaus vital spürbar macht. Cho ist mehr lebenserfahrener Meister im Handwerklichen, als charismatischer Messias.

Alles pianistische Geheimnis liegt in der Anschlagskunst und im Timing: Wie die zehn Finger die Tastatur tonerzeugend berühren, ist ja letztlich für die Emotionen verantwortlich, die die Musik auslöst. Frappant ist hier bei Cho eine Art erregter Wildheit am oberen Ende der dynamischen Mittel, am anderen Ende der Skala entzücken die feinchirurgische Detailarbeit und unwirklich schwebende Piani. Aber Cho besitzt vor allem das richtige Gefühl für Maß und Proportionen innerhalb des Konzerts oder der Scherzi, die Cho als kleinen Zyklus begreift. Ein Profi im besten Sinne des Wortes halt.

Eine ganz klein wenig Distanz zur Musik empfinde ich persönlich für den nachschöpfenden Solisten nicht unbedingt als Nachteil.

Fazit: Chopin verträgt weit mehr als nur die eine gültige Interpretation, wie aus den unterschiedlichen künstlerischen Profilen der beiden letzten Gewinner des Chopin Wettbewerbs 2015 und 2021, aber auch aus der Vielfalt an Lesarten auf anderen jüngeren Chopin-Spitzenalben, wie denjenigen von Jan Lisiecki, Anna Vinnitskaya oder Beatrice Rana in faszinierender Weise nachvollzogen werden kann.

Wir haben die Wahl und Cho ist unbestreitbar eine der besten.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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