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CD CHARLES-HUBERT GERVAIS: HYPERMNESTRE – Tragédie en musique in der Version von 1717,  Ersteinspielung – Glossa

18.08.2019 | cd

CD CHARLES-HUBERT GERVAIS: HYPERMNESTRE – Tragédie en musique in der Version von 1717,  Ersteinspielung – Glossa

Veröffentlichung: 6.9. 2019

Im Barock, wo Musik genau so rasch verschwand wie sie entstand, recycelt und wiederverwertet wurde wie heute Glas oder Plastik, gab es auch überaus erfolgreiche Dauerrenner, die erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Vergessenheit gerieten. Genauso einen Fall bildete Gervais‘ „Hypermnestre“, die ein halbes Jahrhundert lang zum Standardrepertoire der Pariser Oper gehörte. 1716 uraufgeführt, stand das Werk mit Unterbrechungen noch 1766 auf dem Spielplan und hielt sich damit fast über die gesamte Regierungszeit Ludwig XV., ohne von zeitgenössischen Werken etwa des genialen Rameau verdrängt zu werden. Und das, obwohl das Genre der tragédie en musique bereits Ende des 17. Jahrhunderts aus der Mode gekommen war.  250 Jahre sind nun seit der letzten Aufführung vergangen. Zeit also für die im September 2018 aufgenommene Produktion aus der akustisch so hervorragenden Béla Bartók Konzerthalle in Budapest mit dem Orfeo Orchester und dem Purcell Chor unter der elastisch federnden und akzentuiert animierten musikalischen Leitung von György Vashegyi.

In pathetisch klassischem Ton in fünfstimmiger Schreibweise für Streicher und Chöre gehalten, wird auf ein hochgepriesenes Libretto des LaFont die Geschichte der Danaiden erzählt. In der Oper – auf die drei Hauptfiguren Hypermnestre, Danaüs und ihren Geliebten Lyncée konzentriert – fliegen zwar keine Gottheiten im Himmel herum oder von diesem herab, sie enthält zur Freude des sensationsgierigen Publikums jedoch auch genügend prunkvolle Divertissements, wie ein Fest der Seefahrer, eine Hochzeit, einen nächtlichen Festzug und einen Kampf auf Leben und Tod zwischen den Leuten aus Argos und den Ägyptern.

Die komplex kontrapunktische Musik, wie im 17. Jahrhundert in Frankreich üblich, aus französischen und italienischen Traditionen gespeist, ist gespickt mit feinen kleinen virtuosen Arietten und durchzogen von langen ausdrucksstarken, bisweilen düsteren Accompagnato-Rezitativen. Laut Benoît Dratwicki, Centre de Musique Baroque de Versailles, gibt es „nichts Bewegenderes und Beängstigenderes in der Partitur als den Chor der Söhne des Égyptus hinter den Kulissen, als sie von ihren frisch angetrauten Gattinnen erstochen werden sollen.“ Tänze wie Tambourin, Sarabande und Passacaglia lockern den dramatischen Ernst der Sache wieder auf und spielen als unterhaltendes Element eine konstituierende Rolle in der Partitur.

Die gründlich erforschte und restaurierte Oper wird in der Fassung der ersten Wiederaufnahme aus dem Jahr 1717 gespielt. Zusätzlich sind einige Abschnitte aus 1716 bzw. Hinzufügungen aus dem Jahr 1728 enthalten. Der fünfte Akt aus dem Jahr 1716 ist als Anhang zugefügt. Das heißt, der Hörer kann beide Versionen vergleichen und hat zugleich die Wahl zwischen einem tragischen und einem Happy End.

Die Besetzung mit Katherine Watson (Hypermnestre), Matthias Vidal (Lyncée), Thomas Dolié (Danaüs), in den Hauptrollen und Chantal Santon-Jeffery, Manuel Núñez Camelino, Juliette Mars und Philippe-Nicolas Martin in verschiedenen Rollen vermag die Oper dramatisch profiliert und deklamatorisch punktgenau zum Leben zu erwecken. Wer wissen will, wer dem Exzentriker Rameau kompositorisch den Weg geebnet hat, wird hier ebenso spektakulär fündig.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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