CD „CHAOS“ – CHAOS STRING QUARTET spielt Musik von Haydn, J. S. Bach, Rebel, Ligeti, Schnittke und Beethoven; Solo Musica
Musikalische Visitenkarte als Zustandsortung der Welt

Das Chaos in der Musik als amorpher Beginn von Gottes Schöpfung oder Teil des Zyklus „Les Élements“ ist uns durch die Kompositionen von Joseph Haydn und Jean-Féry Rebel ein Begriff. Allerdings als Orchestermusik. In den Arrangements für Streichquartett gewinnen beide Klangwerdungen scheinbarer Unordnung an Kühnheit und messerscharfer Artikulation.
Aus gestaltlosen Urmassen formt sich das Universum. Chaos kann – durchaus auch politisch verstanden — einen Übergang zu neuen Ordnungen bedeuten. Es gibt Chaosforschung und sogenannte Schmetterlingseffekte: Geringste Änderungen von Anfangsbedingungen in deterministischen, nichtlinearen Systemen, die klaren mathematischen Regeln folgen, können äußerst empfindliche Konsequenzen für den Verlauf im System führen. Wetter- oder Kapitalmarktentwicklungen gehören etwa dazu. Das Quartett versteht Chaos „als Schöpfung selbst, als Ausgangspunkt von allem. Diese Idee prägt ihr musikalisches Schaffen, in dem raffiniertes Ensemblespiel auf feurige Energie und Abenteuerlust trifft.“
Das 2019 in Wien gegründete Chaos Quartet mit Susanne Schäfer (Violine), Eszter Kruchió (Violine), Sara Marzadori (Viola), und Bas Jongen (Cello) widmet sich in seinem Album „Chaos“ den Phänomenen der Musik aus mythischem Urgrund und in Zusammenhang mit allen Elementen in freiem Zusammenspiel. Dabei mischen sie Barockes (Bach, Haydn, Rebel, Rameau) mit Klassik (Beethoven) und klassischer Moderne (Ligeti, Schnittke), hochemotional wach auf die Spitze getrieben. Der zeitgenössische ungarische Komponist Samu Gryllus sorgt für die Grundlage zu improvisierten Interludien, welche die einzelnen Programmpunkte locker verbinden.
Experimentelles und Avantgardistisches reizen das Chaos String Quartet ebenso wie unerwartete, schrill aufeinanderprallende Klangvisionen und vielleicht als schräg empfundene musikalische Kombinationen. So sind kaum extremere Kontraste als zwischen György Ligetis karstig schroffem zweiten Streichquartett und Jean-Philippe Rameaus höfischer Ouvertüre zur Zauberoper „Zaïs“ (1748) denkbar. Bei ersterem flackern und knirschen Klangflächen aufeinander, scheinen Insekten ihre Antennen zu rupfen, zu flüstern und raunen, bevor sie im Nichts vergehen, während bei Rameau ein Geisterkönig märchenhaft die Unordnung besänftigt. Dazwischen interessieren sich die „Chaoten“ für die verstörend multiplen Wirkungen von Kontrapunktik am Beispiel von Bachs „Die Kunst der Fuge“ und Beethovens “Großer Fuge“.
Was wirklich anders ist und einen spannenden Einblick in Interpretationsmöglichkeiten je nach Lichteinfall und Annäherungswinkel erlaubt, ist die mit dem Begriff Chaos verwobene DNA-Programmatik des Quartetts, die uns Bach und vor allem Beethoven höchst faszinierend in völlig ungewohnter Umgebung begegnen lässt. Auch geht das Chaos Quartet im neuen Album bis an die Grenzen dessen und darüber hinaus, was klanglich mit einem Streichquartett assoziiert wird. Neben Vokalisen sind das Pfeiftöne, Quietschen und nicht näher zuordenbare kosmische Geräusche. Das vibratoarme Spiel, à la historisch informiert, verstärkt in den Transitions A bis E noch einen bisweilen Elektro imitierenden Sound.
Fazit: Ein hochgradig präzises und zartforsches Album von suchenden Formgebern und wagemutigen Klangbildhauern. Wenn man die skurrilen Fotomontagen im Booklet als offenkundig ironische Selbstsicht der Vier mit einbezieht, haben wir es zudem mit einem durchaus humorgewürzten Abenteuer zu tun.
Dr. Ingobert Waltenberger

