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CD: „Chanticleer Joy to the world“ Zwischen Sternenglanz und Klangmagie – Chanticleer feiert Weihnachten bei Delos. Delos, DE3623

30.11.2025 | cd

Zwischen Sternenglanz und Klangmagie – Chanticleer feiert Weihnachten bei Delos

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Wenn ein Ensemble wie Chanticleer eine Weihnachts-CD aufnimmt, darf man Großes erwarten – und genau das bietet dieses Debütalbum für das Label Delos. Schon in den ersten Takten wird deutlich: Hier singt kein Chor im herkömmlichen Sinn, sondern ein Organismus aus Stimmen, der Grenzen zwischen Stil, Epoche und Emotion mühelos überschreitet. Die Aufnahme selbst – luftig, von feiner Transparenz und mit einem sanften Raumhall versehen – schafft jenen Klangraum, in dem Vokalmusik zu atmen beginnt und ihre Wärme entfaltet, ohne an Präzision zu verlieren.

Das GRAMMY-prämierte Ensemble verbindet auf dieser CD Renaissance-Motetten, klassische Weihnachtslieder und zeitgenössische Werke zu einem Programm, das gleichermaßen Verwurzelung und Neugier ausstrahlt. Schon das eröffnende „Joy to the World“ in Adam Brett Wards Arrangement überrascht: Statt jubilierender Festlichkeit erklingt zunächst ein beinahe meditativer Beginn, der sich allmählich zu lebendiger Bewegung steigert. Es ist ein Auftakt, der nicht prunkt, sondern erzählt – mit wachsender innerer Leuchtkraft.

Sarah Quartels „This Endris Night“ entfaltet sich in einem homogenen Unisono, das sich wellenartig hebt und senkt – ein Gesang, der mehr haucht als behauptet. In Praetorius’ „Rorate caeli“ erwächst aus der Solostimme ein fein abgestimmtes Wechselspiel, das den Dialog von Licht und Schatten hörbar werden lässt.

Zwei Motetten von Palestrina – „O magnum mysterium“ und „Quem vidistis pastores“ – führen mitten hinein in den Kern der vokalen Polyphonie. Hier glänzt Chanticleer mit jener Reinheit und Balance, die zu seinem Markenzeichen geworden sind: Phrasierungen von makelloser Intonation, getragen von jener inneren Ruhe, die nicht vergeistigt, sondern leuchtet. „Ecce virgo concipiet“ von Cristóbal de Morales zeigt die Kehrseite dieser Kontemplation: Stimmen, die in beweglichem Wechsel miteinander korrespondieren – ein Chorklang, der gleichsam atmet und tänzelt.

Mit „Once in Royal David’s City“ wendet sich das Programm der englischen Tradition zu. Eine Solostimme eröffnet den Satz zart, bevor sich die übrigen Stimmen wie leise Lichtspuren hinzugesellen. „I Wonder as I Wander“, das bekannte Lied von John Jacob Niles, erhält in dieser Interpretation eine neue Aussage: Solist und Chor treten in einen rhythmisch feinsinnigen Dialog, der die Schlichtheit des Liedes in poetische Spannung verwandelt.

Die „Christmas Fanfare (Angelus ad virginem)“ leuchtet in jubelnder Klarheit – ein freudiger Ruf, der wie eine festliche Brise durch den Raum zieht. In „Ding Dong Merrily on High“ gelingt dem Ensemble eine kleine vokale Akrobatik: Glockenklänge werden imitiert, Linien funkeln in präzisen Koloraturen, und doch bleibt alles durchsichtig, hell, beinahe schwerelos.

„Good King Wenceslas / Little Girl Blue“ eröffnet einen nach innen gerichteten Moment. Zunächst erklingen reine Vokalisen, schwebend, kaum fassbar; erst später tritt der Text hinzu. Die melancholische Eleganz dieses Arrangements ist bemerkenswert – hier begegnen sich Volkslied und Jazz-Reflex in einer filmischen Atmosphäre. Auch „And the Trees Do Moan“ trägt diese feierliche Ruhe in sich: Musik, die leise spricht, doch nie sentimental wird.

Ein besonderer Höhepunkt ist Joanna Marshs dreiteilige Suite „Winter’s Garland“, eigens für Chanticleer komponiert. „Hands and the Hour“ wirkt wie ein feiner Atemzug aus Klang, von zarter Bewegung durchzogen. „Arrival at the Lantern Festival“ strahlt tänzerische Leichtigkeit aus – als würden ferne Laternen in winterlicher Nacht aufleuchten. Und „In Winter’s House“ schließlich birgt jene Wärme, die nichts mit Pathos zu tun hat, sondern mit Nähe. Marsh verwebt moderne Harmonik mit einem Hauch von Mystik, und Chanticleer lässt diese Musik erblühen, als sei sie ihnen auf den Leib geschrieben.

Zum Abschluss die beiden Klassiker: „O Come, All Ye Faithful“ – getragen, von feierlicher Würde – und „Silent Night“, das Herzstück jedes Weihnachtsalbums. Hier jedoch wirkt es wie neu geboren: Eine Solostimme, zart und klar, antwortet dem Chor, der sich mit sanfter Rundung anschmiegt. Kein Zuckerguss, keine Effekte – nur reine, ehrliche Musik. Eine Interpretation von schlichter Schönheit, deren Zauber lange nachklingt.

Was dieses Album auszeichnet, ist die Unaufdringlichkeit. Alles klingt organisch, selbstverständlich, von innen her beleuchtet. Die leicht hallige, atmende Akustik verleiht dem Ensemble Raum, der Stimmen leuchten lässt, ohne sie zu verklären. Chanticleer feiert hier Weihnachten, nicht als Spektakel, sondern als innere Erfahrung: als ein leises, leuchtendes Staunen über das, was Musik vermag – wenn sie mit Herz, Geist und Atem zugleich entsteht.

Dirk Schauß, im November 2025

Chanticleer

Joy to the world

Delos, DE3623

 

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