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CD CÉSAR FRANCK: LIEDER und DUETTE Gesamtaufnahme – TASSIS CHRISTOYANNIS, VÉRONIQUE GENS; BRU ZANE

04.04.2022 | cd

CD CÉSAR FRANCK: LIEDER und DUETTE Gesamtaufnahme – TASSIS CHRISTOYANNIS, VÉRONIQUE GENS; BRU ZANE

frank

 

Vokale Raritäten zum 200. Geburtstag des Komponisten 

 

Über fünfzig Jahre hinweg schrieb Franck Vokalwerke, „von der charmanten Romanze als Erbe der Restauration bis zu der von den Salons losgelösten Orchesterkantate und ihrer dichten lebendigen Klavierübertragung.“ Im Schatten des Liedschaffens von Debussy, Fauré oder Duparc gibt es nun die Gelegenheit, die Qualität der nach Länge, Atmosphäre oder Schaffensphase so unterschiedlichen in Musik gesetzten Gedichte einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Oder sich in diese so elegant wie raffiniert ersonnene Musik voller Charme, wehmütiger Erinnerungen samt wenigen dramatischen Aufschwüngen über Rosen und Schmetterlinge, zerbrochene Liebe oder Schutzengel einfach fallen zu lassen.

 

Das Centre de musique romantique française im Palazzetto Bru Zane hat jedenfalls wieder hervorragende Künstler verpflichtet: Den Griechen Tassis Christoyannis mit seinem balsamisch einschmeichelnden Bariton und die von der Schönheit des Timbres und stilistisch in den Fußstapfen von Regine Crespin wandelnde Diva Véronique Gens. Jeff Cohen begleitet die beiden am Klavier. Die Aufnahmen, die der im Februar 2020 publizierten kritischen Edition von Jean-Philippe Navarre folgen,  entstanden im April und Oktober 2021 in Venedig. Wir hören 28 Nummern auf 2 CDs, davon sechs Duette. Der Löwenanteil der Lieder wird von Tassis Christoyannis bestritten. 

 

César Franck ist vor allem für seine Sonate in A-Dur für Violine und Klavier sowie seine Orgelwerke bekannt. Aber auch die Vokalwerke sind eine nähere Beschäftigung wert, zeigen sie doch idealtypisch die Entstehung der romantischen Melodie aus der Romanze heraus, einer in Strophenform gehaltenen Vertonung von Geschichten, meist mit einfachen Melodien unterlegt. Solche Romanzen finden sich in Opern etwa von Gounod oder Boieldieu wieder. Bei Franck zeigte sich allmählich der Einfluss des deutschen Liedes und insbesondere von Schubert, woraus eine subtilere Textbehandlung entstand. Nach Zyklen wird man bei Franck vergeblich suchen, auch die sechs Duette stellen keine inhaltlich geschlossene poetische Einheit dar, wenngleich sie auf eine einzige Bestellung des Verlegers Enoch 1887 zurückgehen.

 

Zwei der vorgestellten Stücke sind keine eigentlichen Lieder. „Paris“ und „Patria“ gehören dem Genre der Kantate an. „Beide Stücke zeigen einen kunstvollen Umgang mit der Variation sehr einfacher melodischer Motive, wie er ähnlich auch bei Wagner zu finden ist.“ (Navarre). 

 

Uns soll hier nicht weiter interessieren, ob die Texte von Franck gut oder schlecht gewählt waren, immerhin finden sich unter den vertonten Gedichten Eingebungen von Dumas, Hugo, Mousset oder Sully Prudhomme. Viel entscheidender ist doch die Qualität der melodischen Invention und die Dramaturgie der Lieder, und damit deren in Noten gegossene erzählerische Überzeugungskraft. Und über beides verfügte Franck in hohem Maße. 

 

Jean Philipp Navarre trItt in seinem umfangreichen Forschungstext der Behauptung entgegen, Francks Prosodie sei „schwach“ oder „nachlässig“. Die Vortragsart der Texte sei vielmehr „sachgemäß und zweckvoll.“ Navarre hat zu jedem einzelnen Lied einen ausführlichen Kommentar verfasst. Alle sind im ausgezeichnet gestalteten Booklet abgedruckt.

 

Christoyannis, Gens und Cohen gelingen hochkonzentrierte und gleichzeitig locker dahin fließende Interpretationen mit weit gespannten Bögen. Besonders Christoyannis und Cohen sind ein eingespieltes Team, haben sie doch schon für die Labels Aparte und Bru Zane maßgebliche Einspielungen von Liedern und Melodien von La Tombelle, Gounod, David, Saint-Säens, Godard, Lalo und Hahn (von letzteren beiden jeweils Gesamteinspielungen) vorgelegt. Die gemeinsamen Erfahrungen und das Einverständnis der beiden Künstler kommen auch den Aufnahmen der Lieder von César Franck zugute. Véronique Gens ist für diese Edition das, was man auf französisch so schön als „la cerise sur le gâteau“ bezeichnet.

 

Empfehlung!

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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