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CD: CÉSAR FRANCK: HULDA • Philharmonisches Orchester Freiburg, Fabrice Bollon

26.11.2021 | cd

CD: CÉSAR FRANCK: HULDA • Philharmonisches Orchester Freiburg, Fabrice Bollon

Hulda. Franck's neglected opera. Opera's forgotten heroine.

Eine interessante Rarität

Mit Unterstützung der Excellenz-Initiative der Theater-Freunde führt das Theater Freiburg im Breisgau immer wieder Raritäten auf. In der Saison 2018/2019 war es César Francks späte Oper «Hulda», die nun beim Label NAXOS als CD erschienen ist.

«Hulda» ist die dritte von vier Opern des belgischen Komponisten César Franck. 1882 bis 1885 komponiert, wurde sie am 4. März 1894 posthum in der Oper von Monte Carlo in stark gestrichener Fassung uraufgeführt. Nach nur drei Aufführungen abgesetzt gab es bis 1895 noch weitere, ähnlich kurze Aufführungsserien dergleichen Fassung in Den Haag und Toulouse. Seither wurde das Stück nicht mehr gespielt. Im Booklet zur CD wird vermutet, es möge am unangenehm aktuellen Thema gelegen haben. Dass die für die Spielplangestaltung Zuständigen die Oper tatsächlich als Kritik am Kolonialismus und der Berliner Afrika-Konferenz von 1884/1885 verstanden, kann durchaus bezweifelt werden. Die Vermutung, dass das grosse Publikum César Franck nicht mit Musiktheater in Verbindung brachte und die Intendanten das finanzielle Risiko scheuten, scheint doch wesentlich naheliegender.

Das Libretto zu «Hulda» beruht auf dem Drama «Halte-Hulda» (1858) des Norwegers Bjørnsterne Martinius Bjørnson (1832-1910), geschrieben hat es der Franzose Charles Jean Grandmougin (1850-1939). Bjørnson, der 1903 den Literatur-Nobelpreis erhielt, war auch politisch sehr vielfältig aktiv: er setzte sich für internationale Schiedsgerichte zur Schlichtung zwischenstaatlicher Konflikte ein, war Mitglied des für den Friedensnobelpreis zuständigen Komitees, mischte sich in die Dreyfus-Affäre ein und nahm dezidiert Stellung zum Nationalitätenkonflikt in der Habsburgermonarchie. «Halte-Hulda» ist ein frühes Werk Bjørnsons, in dem er sich als republikanischer Patriot (Dichtung der Nationalhymne, Einsatz für ein einheitliches Schrift-Norwegisch) mit der norwegischen Geschichte und der Unterdrückung der Norweger auseinandersetzt. Da Norwegen von 1380 bis 1814 dänisch war, musste er dazu tief zurück ins Mittelalter gehen, in die Zeit vor 1379 als mit der Kalmarer Union unter Führung Dänemarks Norwegen de facto feindlich übernommen wurde. Franck und Grandmougin liessen ihre Geschichte noch zwei Jahrhunderte früher, im 11. Jahrhundert zur Zeit der Christianisierung Norwegens, spielen und spitzten die Konflikte weiter zu.

Was mag nun César Franck bewogen haben dieses Stück als Vorlage seines Librettos auszuwählen?  Ende der 1870er-Jahre bemühte sich Franck als lebenslang um Anerkennung kämpfende Non-Konformist um die Stärkung seiner institutionellen Position (Professor der Orgelklasse am Konservatorium). Dazu wollte er sich in drei Bereichen bewusst mit einem neuen Werk profilieren: an der Orgel, in der Kammermusik und im Musiktheater. Franck, der tiefreligiös war und dem christlichen Humanismus (Hugues Felicite Robert de Lamennais; Verbindung des Katholizismus mit dem liberalen und progressiven Gedankengut der Aufklärung) anhing, wollte, entsprechend seinem Verständnis des Künstlers als Missionar und Prediger, zu Themen seiner Zeit Stellung beziehen: die gewaltsame Auseinandersetzung unter Nationen und die Folgen von Unterdrückung und Unterwerfung. Während der Kompositionszeit hatte, zudem das Interesse Europas an Afrika stark zugenommen:  von 1874 bis 1877 hatte der Engländer Henry Morton Stanley mit der Erforschung des Kongobeckens den letzten «weissen Fleck» Afrikas beseitigt und auf Berliner Afrika-Konferenz von 1884/1885 wurde der Kontinent unter den europäischen Grossmächten aufgeteilt.

Meagan Miller bestreitet die konditionell wie psychisch schwierige Partie der Hulda mit unglaublicher Kraft und begeistert mit ihrer hörbaren Leidenschaft. Anja Jung (Mutter Huldas) singt mit vollem, feurigen Mezzosopran ein herrliches Duett mit Miller. Jongsoo Yang als Arne, Roberto Gionfriddo als Eyric, Junbum Lee als Eynar, Seonghwan Koo als Thrond, John Charpenter als Gunnard und Juan Orozco als Gudleik geben mit prächtigen Stimmen die Söhne des Herrscher-Paares Gudrun (Katerina Hebelková) und Aslak (Jin Seok Lee). Joshua Kohl singt mit heldischem Einschlag den Ritter Eiolf, Irina Jae Eun Park eine etwas scharfe Schwanhilde. Inga Schäfer als Halgerde, Mateo Peñaloza Cecconi als Herold und Katharina Ruckgaber als Thordis ergänzen das engagierte Ensemble.

Das Philharmonische Orchester Freiburg folgt seinem GMD Fabrice Bollon klangschön und mit viel Energie, die stellenweise etwas überbordet. Die Chöre (Opernchor des Theaters Freiburg und Extrachor des Theaters Freiburg) wurden von Norbert Kleinschmidt vorbereitet.

Eine interessante Rarität.

25.11.2021, Jan Krobot/Zürich

 

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