CD: CEREMONY – EMMANUEL PAHUD mit Werken des 20. und 21. Jahrhunderts für Flöte und Orchester von PROKOFIEV, ROUSE und HOSOKAWA; Warner

Sergej Prokofievs Sonate in D-Dur, op. 94 zuerst für Flöte und Klavier, sodann vom Komponisten für Violine und Klavier eingerichtet, wurde von Pahuds Orchesterkollegen Stephan Koncz orchestriert. Das 1943 während des Zweiten Weltkriegs entstandene Werk verweigert sich jeglichem Statement zu den Grausamkeiten am Schlachtfeld. Vielmehr handelt es sich bei der fluide dahinwirbelnden, durch die Instrumentierung nochmals softer flauschende Musik um ein eskapistisches Meisterstück gehobener Salon-Unterhaltung. Nostalgisch flitzt das Moderato, einem kühl moussierenden Sommerdrink gleich lässt das Scherzo/Presto an idyllische Klanggärten im impressionistischen Ungefähr denken. Das Andante gibt sich larmoyant verträumt, das abschließende Allegro con brio tobt wie ein übermütiger Welpe über den gepflegten, emotional kurz getrimmten Rasen. Manch Schabernack in der Instrumentierung betont das übermütige Treiben und lässt vei viel Phantasie ein Heraufdämmern des Unheimlichen erahnen.
Der technisch untadelige Soloflötist der Berliner Philharmoniker, Emmanuel Pahud, seit Jahrzehnten der unumstrittene Star vieler kammermusikalischer Höhenflüge wie solistischer Abende, stets rührig in der Tonträger-Produktion, legt mit „Ceremony“ ein klanglich vielschichtiges Album vor. Dabei hat Pahud in den letzten Jahren eine erstaunliche Wandlung durchgemacht. Von makellos ästhetischer, stets schlank sehniger Tongebung, ist Pahuds Spiel wandelbarer, expressiver, bisweilen kantiger mit artikulatorisch markanterer Pranke geworden.
Mit den Interpretationen des 1993 im Auftrag für die Flötistin Carol Wincenc und das Detroit Symphony Orchestra komponierten Flötenkonzerts von Christopher Rouse sowie der dem Album titelgebenden „Ceremony“ für Flöte und Orchester von Toshio Hosokawa stehen Stationen zeitgenössischen Zuschnitts auf dem Programm.
Die thematisch dramatischere, im Mittelteil ‚Elegie‘ als Erinnerung apostrophierte Trauermusik im Stück des US-amerikanischen Komponisten Rouse, und zwar über das Ableben eines von einem zehn Jahre alten Jugendlichen ermordeten zweijährigen Jungen namens James Bulger, bildet im fürchterlichen Absturz (mit harmonischen Wendungen, die das Ende des zweiten Akts von Richard Wagners „Parsifal“ evozieren) und dem elegischen Ausklang das Epizentrum und den emotionalen Gegenpol zu Prokofievs Flötensonate.
Im kontrastreich, fünfstufig-symmetrischen Konzert gibt es über die Anmutung eines klingenden Denkmals hinaus die Rahmensätze Amhrán (=gälisches Wort für Gesang), bei der die Flöte sanft von Streichern getragen auf typisch keltisch-irische Art dahin mäandert. Die beiden parallelen Sätze sollen Assoziationen an die irische New-Age-Musikerin, Sängerin und Songwriterin Enya erwecken. Die rhythmisch in archaischer Weise eine Auseinandersetzung simulierenden Sätze Alla marcia und Scherzo sind spiegelgleich angelegt. Dem moderat modernistischen, rhythmisch aufgepeitschten Attacca Aufbegehren des zweiten Satzes steht der schillernde vierte Satz gegenüber, der – tänzerisch ein Jig – dissonanzenreich vorwärtstürmend nahtlos in das tröstliche Amhrán des Finales übergeht.
In „Ceremony“ des nunmehr 70-jährigen japanischen Komponisten Toshio Hosokawa schlüpft die Flöte in das Gewand eines Schamanen, dessen magische Kräfte Universum, Natur und Geister erwachend beschwören wollen. Wir werden Zeugen einer animistischen Zeremonie, die den Ton der Flöte, aufbauend auf Atem, Luftbewegungen und Wind transzendiert und in einer geheimnisvollen Beschwörung zu hochdramatisch sich wild hinziehenden Wolken des die Natur symbolisierenden Orchesters kulminiert.
Bei „Ceremony“ handelt es sich um das musikalisch Extreme ausreizende und für mich persönlich interessanteste Stück dees Albums, das der Flöte unendlich viel an Ausdruck abverlangt und sie in Grenzbereiche von Tonumfang und Kantabilität führt. Wer ein dem Thema stereotyp assoziierenden esoterischen Wohlfühlsound erwartet, der irrt gewaltig. Das Helle und das Dunkle, durch die menschliche Wahrnehmung gefiltert, bilden die zwei Seiten derselben Medaille. Pahud, dem der Komponist das Werk gewidmet hat, bedient zur Schärfung der motivischen Individualisierung verschiedene Instrumente, wie Altflöte, Flöte in C und Piccolo.
Emmanuel Pahud beweist mit diesem Album, welch vielseitiger Musiker und virtuoser Könner er ist. Er trotzt seinem Instrument die vielfältigsten Nuancen, meilenweit entfernt vom Selbstzweck einer bloßen Gefälligkeit, ab. Final erweist sich „Ceremony“ als ein Soundspektakel so eindrücklich wie die eruptiven Naturgewalten, denen es gewidmet ist.
Die fabelhafte Dresdner Philharmonie, musikalisch geleitet von Jonathan Stockhammer (seine Interpretation von Philip Glass‘ „Akhnaten“ an der Komischen Oper Berlin im Schiller Theater ist mir unvergesslich) erweisen sich als hochsensible, den Klang gleichsam von innen zum Leuchten bringende und reaktiv bestens aufeinander abgestimmte Partner.
Dr. Ingobert Waltenberger

