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CD “CELLO 360“ – CHRISTIAN-PIERRE LA MARCA spielt Werke für Cello solo von der Renaissance bis heute; Naïve

Schaut her, was ich bin – Hört, was ich fühle! - Ein Geschichtenerzähler und musikalisch Zeitreisender spielt auf.

15.01.2021 | cd

CD “CELLO 360“ – CHRISTIAN-PIERRE LA MARCA spielt Werke für Cello solo von der Renaissance bis heute; Naïve

 

Schaut her, was ich bin – Hört, was ich fühle! – Ein Geschichtenerzähler und musikalisch Zeitreisender spielt auf.

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Eigentlich sind Alben – zumal schon renommierter Künstler – in denen Mikrokostproben der Musikgeschichte den Kantinen-Speiseplan darstellen, in ihrem stilistischen Mischmasch und der Readers Digest Kürze der Stücke schwer erträglich. In solchen „Samplern“ geht es oft um eine musikalische Visitenkarte als PR-Booster und sonst wenig. Natürlich ist das legitim, aber nicht attraktiv für einen Teil des Publikums. Als ausgewiesener Verächter solcher meist als „Encore-Alben“ getarnter Ego-Trips erstaunt jedoch bei „Cello 360“ das – bei näherer Zuwendung – überaus gescheite Konzept und vor allem das in brillanter Tontechnik eingefangene umwerfende Cellospiel des Künstlers.

 

Der französische Cellist Christian-Pierre La Marca stellt Kompositionen, ursprünglich für die Cello-Vorläuferin Viola da Gamba konzipiert, vorwiegend Tonschöpfungen der klassischen Moderne für Cello solo gegenüber. Also Dowland, Marais, Purcell oder Rameau über Telemann versus Ligeti, Dutilleux, Escaich („Cantus“ als CD-Premiere), Solima, oder sogar Chaplin und John Lennon. Im 18. Jahrhundert waren Werke für Viola da Gamba/Cello solo en vogue, in der Romantik wird man hier kaum fündig (die Bearbeitung des „Chansons der Solveig“ von Edvard Grieg bildet die einzige Ausnahme auf der Einspielung), während im 20. Jahrhundert die Tradition auch wegen Kompositionsaufträgen großer Solisten wieder rasant an Fahrt aufnahm.

 

Die zweite Spur, der La Marca folgt, sind die polyphonen Möglichkeiten seines Instruments. Hier faszinieren den Cellisten vor allem die vielstimmigen Werke für Violenconsort und die berückende Kantabilität der polyphonen Vokalmusik als Grundidee. Damit und der Einbeziehung von Pop- und Filmmusik war das Konzept eines multi-modalen Cello 360 im Sack. Als letzte Etappe der CD dient die eigens dafür erdachte Elektro-Kreation „timeless“, entstanden während des Lockdowns mit den Partnern des Cellisten Marie-Amélie Seigner und Rayann vom Collectif 1163.

 

Natürlich zeugt die Zusammenstellung des Programms von einem autobiographischen und damit sehr persönlichen Zugang, weil sie besonders auf Stücke abzielt, die den Cellisten während seiner Karriere treu begleitet haben. Dieses individuelle Licht auf das Instrument ist es, das die Spiegelung von alter in und mit neuer Musik auch für den Hörer spannend erscheinen lässt.

 

La Marca spielt das gesamte Programm auf einem Instrument, wobei er allerdings entsprechend der Entstehungszeit der Musik jeweils einen anderen Bogen einsetzt – die Kopie eines Barockmodells von Francois-Xavier Tourte und einen seltenen Bogen aus dem 19. Jahrhundert von Jacob Eury (1825). In der „Lamentatio“ von Giovanni Solima kommt der Cellist auch vokal zum Einsatz. Wie überhaupt vom Ausdrucksreichtum der menschlichen Stimme begeistert, versucht Christian-Pierre La Marca, die sängerischen Grundsäulen der Freiheit im Vortrag, der Fluidität und die besonders das organische Atmen auf sein Spiel zu übertragen.

 

Die virtuelle (gibt es überhaupt noch was anderes?) Celloreise durch vor allem Europa und sechs Jahrhunderte Musikgeschichte führt uns spanischen Wahnsinn, sieben Tränen, frühbarockes französisches Temperament und Vogelsang vor. La Marca lässt sein Cello bei den Adaptionen von „Didos Klage“ (Purcell) und „Solveigs Lied“ schwermütig, jedoch mit heißem Blut, schnurren. Als exquisites Gustostückerl erweisen sich die „trois strophes sur le nom de SACHER“ von Henri Dutilleux, die von der sonoren Klangpracht und der kantablen Phrasierung ungemein profitieren. Bloße Virtuosität interessiert La Marca weniger denn seelenvolle Introspektion und die Schönheit des Tons selbst im unwegig schwierigen Gelände: Wer mag die „Sonate für Cello solo“ von György Ligeti je sinnlicher empfunden haben? Dass dem Solisten die Weltersteinspielung von Thierry Escaich„Cantus“ als fernes Echo der „Großen Passacaglia für Orgel in c-Moll“ von J.S. Bach ein glühendes Bedürfnis ist, ist von der ersten Note an spürbar. 

 

Ja und Charles Chaplin? Auf dem Album ist das Liebesthema aus dem Film „Modern Times“ (1936) zu hören. Tongebend für Chaplins und Paulette Goddards Romanze, haben diese Melodie u.a. Nat King Cole, Judy Garland, Michael Jackson und Diana Ross für ihre Zwecke arrangiert. Als Versprechen für künftiges Glück und bessere Zeiten. Darauf wollen wir auch heute hoffen und andächtig dem grandiosen Spiel von La Marca lauschen.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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