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CD CAVALLERIA RUSTICANA / PAGLIACCI – Live Mitschnitte aus der Oper Graz 2018/2019, OEHMS 

Erstaunlich, erstaunlich

09.02.2020 | cd

CD CAVALLERIA RUSTICANA / PAGLIACCI – Live Mitschnitte aus der Oper Graz 2018/2019, OEHMS 

 

Erstaunlich, erstaunlich

 

Am 7. Oktober 2018 hatte das unverwüstliche Verismo-Doppel „Cavalleria rusticana“ und „Pagliacci“ an der Oper Graz Premiere. Es dirigierte die Ukrainerin Oksana Lyniv, ehemals Assistentin von Kirill Petrenko an der Bayerischen Staatsoper und bis zu Ende der Spielzeit 2019/20 Chefdirigentin der Grazer Oper. Was für eine fantastische Musikerin. Unter ihrer Stabführung sind die altbekannten italienischen Eifersuchtsschinken wie neu zu erleben. Lyniv legt unzählige Details frei, setzt mit Erfolg auf die meisterhafte Instrumentierung, lässt explosive dramatische Akzente zu und gibt den Phrasen dort Zunder, wo dramatische Zuspitzung und Emotionen danach verlangen. Dazu kommt eine kontrastreiche Temporegie, wobei der Gang der Musik einem natürlichen Flusslauf zu folgen scheint. Lyrisches wird ohne Druck ausgekostet. Das Orchester und der erstklassige Chor der Grazer Oper (Bernhard Schneider macht hier offenbar einen hervorragenden Chorleiterjob) folgen den Intentionen der Chefin aufs Haar. Die Aufnahmen kommen aufnahmetechnisch fast an Studioproduktionen heran und können im Vergleich vor allem von Orchester, Chor und Dirigat mit nicht wenigen (sehr) prominenten und aufwändig produzierten CD-Veröffentlichungen dieser singulären Opern der Freaks Mascagni und Leoncavallo Schritt halten. 

 

Gesungen wird überwiegend anständig: Der temperamentvolle Aldo Toro als Turridu und Canio hat echtes Opernblut in den Adern. Sein robuster Spinto weist ein markantes Timbre auf, wird aber nicht immer sauber geführt. Einige typische Tenorunarten (Schleifer, Schluchzer) schmälern das Vergnügen an der an sich gut disponierten Stimme. Die türkische Mezzosopranistin Ezgi Kutlu gibt eine selbstbewusst moderne Santuzza und überzeugt auch in den gefährlichen hochdramatischen Augenblicken mit schlank und stets gut fokussiert geführter Stimme. Der norwegische Bariton Audun Iversen darf als Alfio und Tonio sein jung viriles Timbre in den Dienst dieser Testosteronmarker-Partien stellen. Mareike Jankowski ist ein laszive Lola, wie  sich das halt so gehört. Als Mamma Lucia gibt es einen soliden Auftritt von Cheryl Studer (ihr einstiges Luxustimbre ist allerdings nicht mehr erkennbar), einer einst jugendlich dramatischen Sopranistin, der ich in der ersten Hälfte ihrer großen Karriere so viele schöne Momente verdanke wie nur wenigen anderen Kolleginnen. Ich denke hier etwa an ihre legendären Elsa oder Chrysothemis-Auftritte an der Wiener Staatsoper.

 

In „Pagliacci“ ist die Rumänin Aurelia Florian als Nedda die einzige Besetzung von Weltrang. Vom dunkel verhangenen Timbre, den gut sitzenden Höhen und von der lyrischen Emphase her scheint sie in die Fußstapfen von Angela Gheorghiu zu treten. Martin Fournier reüssiert als Harlekin Beppo, der junge Bariton Neven Crnic gibt den unglücklichen Liebhaber Silvio.

 

Oehms Classics hat bereits drei hörenswerte Mitschnitte aus Graz veröffentlicht (Janaceks “Jenufa”, “Il Prigioniero” von Dallapiccola und “Die griechische Tragödie“ von Martinu). Hoffentlich kommen noch mehr Publikationen, die das offenbar glorreiche Wirken von Oksana Lyniv als musikalischer Chefin der Oper Graz verewigen. 

 

 

Dr. Ingobert Waltenberger 

 

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