CD: CARRÉ D’AS – Portraits musicaux de COUPERIN, FORQUERAY, MARAIS et RAMEAU; Château de Versailles Ensemble – Collection LA CHAMBRE DES ROIS, Nr. 16

Vier Asse in den Karten beim Poker, die Franzosen nennen das carré d’as, ist das Motto des vorliegenden Albums. Damit will man vier französischen Komponisten in kammermusikalischen Miniaturen näher zu Leibe rücken. Den vier der bedeutendsten Figuren des französischen Barocks – Couperin, Forqueray, Marais und Rameau werden aber nicht nur in Eigenkompositionen Kränze geflochten.
Das Ensemble „Les Timbres“ (Yoko Kawakubo Violine, Myriam Rignol Gambe und Julien Wolf Cembalo) befragten für ihre musikalischen Porträts auch die einschlägigen Partituren weniger bekannter Tonsetzer der Zeit, wie Louis de Caix d’Hervelois, François d’Agincourt, Louis-Antoine Dornel, Charles-Alexandre Jollage, Jacques Duphly oder Josse Boutmy. Sie begaben sich auf eine Spurensuche nach der Einzigartigkeit von Genies, die mit ihrer Ästhetik und Leidenschaft die Musikgeschichte nachhaltig beeinflusst haben.
Natürlich funktioniert so eine Zeitreise dann optimal, wenn sie kontrastreich geplant ist. Die vorbeiziehenden Klanglandschaften sollten womöglich so abwechslungsreich und an jeder Ecke und Wegmarke unerwartbar sein wie der South West Coast Path in Cornwall oder der Kalalau Trail auf der hawaiianischen Insel Kaua‘i.
Das kann das vorliegende, klanglich cembalodominante Album in dieser Vielfalt logischerweise nicht bieten. Es legt dafür spezifische Facetten des höfisch königlichen Musikbetriebs offen: Nämlich jene einer Galerie von musikalischen Selbstporträts („La Couperin“ aus dem ‚Quatrième livre de pièces de clavecin‘ von ‚François Couperin le Grand‘ oder die Sonate á la Maresienne aus‘„La Gamme et autres morceaux de simphonie pour le violon, la viole et le clavecin‘ von Marin Marais) und dazu huldigende Porträts der „vier Asse“ durch andere Komponisten.
Der Geigenvirtuose Antoine Forqueray hat einen musikalischen Fußabtritt seines Namens im zweiten Satz der ‚Pièces de Violes avec la Basse Continue‘ der ersten Suite in d-Moll hinterlassen. Das von Jean-Philippe Rameau stammende charakteristische Spiegelbild stammt aus dem ‚Quatrième Concert pour clavecin avec accompagnement de viole et de violon‘.
Um das Ganze noch ein wenig verwirrender und verwobener zu machen, haben die vier des „Carré d’As„ sich auch gegenseitig mit feinen Pinselstrichen verewigt: So haben u.a. Forqueray Couperin, Couperin Forqueray, Forqueray Rameau und Rameau Marais der jeweiligen Stilistik folgend, in raffinierten und wohl auch spaßigen musikalischen Bildern verewigt.Auf dem Album „Carré d’As“ finden sich insgesamt fünf Portraits von Couperin, acht von Forqueray, vier von Marais und drei von Rameau.
Seit bald 20 Jahren haben „Les Timbres“ durch oftmaliges Konzertieren intensive Beziehungen zu einzelnen der im Zeitraum 2013 bis 2023 aufgenommenen Stücke aufgebaut. Die daraus erwachsene Spontanität und Selbstverständlichkeit teilen sich in den durchwegs quicklebendigen und verzierungsfrohen Wiedergaben mit. Aber aufgepasst und Ohren gespitzt: Wer sich hier auf ein heimisches Ratespiel einlässt, sollte das nicht unvorbereitet tun. Denn die von den Temperamenten so verschiedenen Persönlichkeiten imitieren sich frech in so manchem Detail und treiben so ein sophisticated schlaues Vexierspiel.
Fazit: Ein Album für Fortgeschrittene in Sachen höfischer französischer Kammermusik des 18. Jahrhunderts, das in seiner Unmittelbarkeit und dem grandiosen artistisch-virtuosen Wagemut einfach auch musikalische Naschkatzen jeglicher Provenienz anlocken könnte.
Dr. Ingobert Waltenberger

