Reine Bläserharmonie rettet Webers bedrängtes Meisterwerk

Man reibt sich im deutschen Kulturbetrieb seit Jahrzehnten verwundert die Augen, wenn die Vorhänge zu Carl Maria von Webers Der Freischütz aufgehen. Was den Zuschauern auf vielen Opernbühnen zugemutet wird, spottet jeder Beschreibung und grenzt an szenischen Irrsinn: Das deutsche Urgestein der Romantik wird in Betonwüsten verlegt, der arme Max mutiert zum neurotischen Amokläufer, die Wolfsschlucht gleicht mal einem schmuddeligen Schlachthof, oder einer Ausgeburt dümmlicher Ideen. Webers geniale, urwüchsige und waldwunderbare Musik hat in solchen Regietheater-Alpträumen keine Chance.
Umso dankbarer horcht der geplagte Musikfreund auf, wenn das kleine belgische Label Ricercar nun ein Album vorlegt, das den Kern des Werkes radikal freilegt. Hier steht Der Freischütz als reine Harmoniemusik im Mittelpunkt – und man darf sofort ausrufen: Gott sei Dank, was für eine Wohltat!
Das Ensemble WOLF unter der Leitung von Jean-Philippe Poncin widmet sich einer historischen Bearbeitung von Karl Flachs aus dem Jahr 1822. Es ist eine Wiederentdeckung, die wie Balsam auf die Ohren wirkt für alle, die sich einfach an der reinen musikalischen Substanz erfreuen wollen, ohne von visuellem Schwachsinn abgelenkt zu werden.
Die Praxis, große Opern für Bläserensembles zu transkribieren, war zu Webers Zeit eine Selbstverständlichkeit. Man holte sich die Gassenhauer direkt aus dem Theater in die bürgerlichen Salons oder auf die städtischen Plätze. Das Bläseroktett – hier kongenial um eine Flöte und einen Kontrabass erweitert – fungierte als das Radio des frühen 19. Jahrhunderts. Karl Flachs, ein Berliner Musiker, der die triumphale Uraufführung von 1821 vermutlich noch im Ohr hatte, schuf mit seinem Arrangement ein kleines Meisterstück.
Die Aufgabe war gewaltig: Webers originale Partitur lebt von einer unerhört reichen Orchestrierung. Auf Trompeten und Pauken zu verzichten und die Wucht der Streicher auf nur neun Blasinstrumente zu verteilen, bedeutet, auf einem schmalen Grat zu wandeln. Flachs meistert diese Herausforderung mit stupender Brillanz – und das Ensemble WOLF lässt sie auf historischen Instrumenten leuchten.
Schon die Ouvertüre zieht den Hörer in ihren Bann. Durch die Reduktion auf reinen Bläserklang wirkt sie noch düsterer und geheimnisvoller. In den tiefen Registern grummelt und raunt es auf eine Weise, die eine wahre Pracht ist. Das Ensemble musiziert auf originalen Holzinstrumenten und Naturhörnern, was der Aufnahme eine wunderbare Wärme und Intimität verleiht. Man spürt den Atem, das Holz, die mechanischen Grenzen der historischen Nachbauten – kein steriler Studio-Klang, sondern lebendige, fordernde Musik.
Im Terzett stehen die dunklen Farben brütend und intensiv im Raum. Das derbe Lied des Kaspar wird durch die spitze, kecke Piccolo-Flöte zum Kabinettstückchen. Überhaupt verteilen die Musiker die Gesangsrollen meisterhaft: Ännchens Arie gerät zu einem mitreißenden Fest für die Holzbläser, bei dem man unwillkürlich mit dem Fuß wippt. Agathes Cavatine entfaltet sich als feines, edles Gebet, in dem Klarinette und Fagott ein melancholisches Zwiegespräch von berührender Zartheit führen. Selbst der berühmte Jägerchor verliert ohne großes Opernorchester nichts von seiner Wirkung – die schallenden Naturhörner jagen dem Hörer wohlige Schauer über den Rücken.
Dem Ensemble WOLF gebührt besonderer Dank, dass es sich dieser Partitur so akribisch angenommen hat. In den 1970er Jahren hatte das Consortium Classicum das Arrangement bereits versucht, aber vor der Ouvertüre die Segel gestrichen, weil sie als unspielbar galt. Jean-Philippe Poncin und seine Mitstreiter sind tief in die Archive gestiegen, haben zahllose Fehler der alten Drucke korrigiert und das Werk in Zusammenarbeit mit dem Experten Guy Van Waas gründlich rehabilitiert. Das Ergebnis rechtfertigt jede Mühe.
Als klugen Kontrast und wunderbare Ergänzung haben die Musiker originale Bläserstücke von Weber selbst hinzugefügt: ein wiederentdecktes Adagio und Rondo sowie einen mitreißenden Walzer mit Trio. Besonders dieser Walzer fungiert als beschwingter Rausschmeißer, der den Hörer frohen Herzens entlässt.
Diese CD ist ein absoluter Glücksfall für Bläserfreunde und eine hochwillkommene Zuflucht für alle Regiegeschädigten, die Webers Musik endlich wieder in ihrer reinsten Form genießen wollen.
Dirk Schauß, im Juni 2026
Carl Maria von Weber
Der Freischütz arrangiert in Harmoniemusik
WOLF
Jean-Philippe Poncin, musikalische Leitung
Ricercar, RIC489

