CD CAMILLE SAINT-SAENS: Sämtliche sinfonische Dichtungen – François-Xavier Roth dirigiert LES SIÈCLES; harmonia mundi

Inspiriert von den sinfonischen Dichtungen eines Franz Liszt, verpasste Camille Saint-Saëns in den 1870-er Jahren mit gleich vier Spitzenschöpfungen dieser freien musikalischen Gattung eine stolze Krone. Ganz im Stil der französischen Romantik gehalten, orientieren sich „Rouet d’Omphale“, „Phaéton“, „Danse macabre“ und „La Jeunesse d’Hercule“ an antiken oder poetischen Programmen, die der Musik ihre deskriptive Bildhaftigkeit und zugleich erzählerische Dichte verleihen.
François-Xavier Roth legt nun mit seinem Orchester Les Siècles, das alle Werke mit Instrumenten aus der Entstehungszeit so klangauthentisch wie möglich aufführt, eine exquisite Einspielung aller sinfonischen Dichtungen, angereichert um das humorvoll kecke Hühnergackern, Elefantentrampeln, Kuckuckshämmern & Co des „Carnaval des animaux“ sowie der Filmmusik zu „L’Assassinat du duc de Guise“, vor. So artikulatorisch klar, in espritzündender Klangredenmanier, wie sie Harnoncourt gepredigt hat, hat das viehische, uns Menschen spöttisch auf die Schaufel nehmende Happening kaum je geklungen. Die Besonderheit der Aufnahme besteht nicht zuletzt darin, dass ein Piano vis à vis von Pleyel (1928) aus der collection du Musée national de la musique (fantastisch gespielt von Jean Sugitami & Michael Ertzcheid) zum Einsatz kommt.
Roth, der in der „Salome“ an der Staatsoper Unter den Linden zu Saisonende 2022/23 die Staatskapelle Berlin vielleicht allzu pompös lärmend aufrauschen ließ, ist bei den großen Orchesterstücken des Programms ganz in seinem Element: Wir erleben französisch-romantische Klangkultur vom Feinsten. Da einen sich die Stimmen der einzelnen Orchestergruppen – flirrende Streicher, dunkles Holz und die riesige, eher kupferfarben denn stählern schmetternde Blechsektion (Hörner, Trompeten, Posaunen, Tuba) im Miteinander zu duftig transparent gewebten seidig glänzenden Klanggemälden. Präzise in Tempo, Rhythmus und virtuos dynamischer Gestik, steht noch das kleinste Ornament und die letzte instrumentale Verästelung in den Diensten der klanglich rhapsodischen Deutung der Themen.
In „Rouet d’Omphale“ Op. 31 geht es um eine anzügliche Geschichte aus der griechischen Mythologie. Herkules, von Jupiter für seinen Mord an Iphitos mit dem Abstieg zum Sklaven bestraft, wird an Omphale, Königin von Lydien, verkauft. Sie zwingt ihn dazu, in Frauenkleidern Wolle zu spinnen und andere, damals nur Frauen vorbehaltene Tätigkeiten auszuführen. Dafür schmückt sich die offensichtlich dominante Herrscherin in sexueller Fetischmanier/lustvollem Rollentausch mit der Keule und dem Löwenfell des Helden. Der Komponist wird selbst ganz klar in der Deutung seines Opus, als er in der Inhaltsangabe zur Partitur erklärt, dass es ihm vor allem um die volupté (=Wollust) ging, die dieses Sujet ausstrahlt. Die Verführung durch die Frau und den Triumph des vermeintlich schwachen Geschlechts gegen jegliche männliche Übermacht. Zum titelgebenden Spinnrad meinte Saint-Saëns, es hätte nur als Vorwand gedient, um der Musik in den Fußstapfen eines Berlioz Rhythmus, Schwung und Charakter zu geben. Ursprünglich als „Scherzo für zwei Klaviere“ angelegt, das der Komponistin Augusta Holmés gewidmet war, orchestriert Saint-Saëns das Stück im März 1872.
In umgekehrter Manier hat Camille Saint-Saëns “Phaéton“ Op. 39 ursprünglich als Orchesterkomposition konzipiert und erst später eine Fassung für zwei Klaviere erstellt. Hier scheint der Einfluss der symphonischen Dichtung „Mazeppa“ von Franz Liszt unüberhörbar. Ist es in „Mazeppa“ der wilde Steppenritt des Pferdes, auf das der fesche Jüngling Masepa als Strafe für seine amourösen Abenteuer mit einer Magnatengattin gebunden ward, den Liszt in ein rauschendes Orchesterfresko zu fassen wusste, so setzte Saint-Saëns den hitzigen Irrlauf des Sonnenwagens am Firmament in glühende Töne. Phaéton, den Gott Sol nach einer komplizierten Vaterschaftsgeschichte schließlich als Sohn anerkennt, hat einen Wunsch frei. Also verspricht er dem Buben, ein Geschenk zu machen. Heute würde sich so ein schnöseliger Wicht den Porsche des Vaters ausleihen, im Mythos verlangt er – alle Warnungen in den Wind schlagend – den vierspännigen Sonnenwagen für einen Tag lenken zu dürfen. Natürlich entgleitet dem Anmaßenden bald nach Sonnenaufgang die Kontrolle über die Zügel. Mit dem von seiner Laufbahn abweichenden Sonnenwagen löst Phaéton eine unvorstellbare Katastrophe in irdischen Regionen aus. Wälder brennen, Städte liegen in Asche, das ganze Universum erliegt dem Feuer. Jupiter schleudert gezielt einen Blitz auf den Unvorsichtigen. Aus mit dem Rennfahrertraum. Die Musik des Phaéton will sich nach den Schriften des Tonsetzers jedoch nicht „exklusiv deskriptiv“ gerieren, sondern das Seelenporträt eines „Hochmütigen“ malen.
Mit „Danse macabre“ Op. 40 hat Saint-Saëns kein Sujet aus der griechischen Mythologie, sondern das Gedicht „Égalité, Fraternité“ von Henri Cazalis vertont. Der Tod, der auf seiner Geige umgeben von auf ihren Leichentüchern wild tobenden weißen Skeletten ein Tanzlied spielt, bevor der erste Hahnenschrei der gespenstischen Sarabande ein Ende bereitet, ist ein dankbares Vehikel künstlerischer Metamorphose. Das Stück vom August 1872 beginnt mit den zwölf mitternächtlichen Glocken, von der Harfe intoniert, und kulminiert in einem schaurigen Dies irae. Franz Liszt hat später aus Begeisterung für die Musik den Orchestersatz für Klavier solo arrangiert, nicht ohne sich beim Komponisten für seine „inhabilité“ zu entschuldigen, die wunderbare Farbigkeit der Partitur aufs Klavier reduziert zu haben.
Im Winter 1876 entsteht mit „La Jeunesse d’Hercule“ Op. 50 die letzte sinfonische Dichtung von Saint-Saëns. Sokrates erörtert mit seinen Schülern die grundlegende Entscheidung zwischen dem Streben nach irdischen Freuden oder nach Tugend. Für den Held Herkules eine klare Sache: Er lässt die verführerischen Avancen der Nymphen und Bacchanten links liegen und widmet sich dem Kampf (für die gerechte Sache würden wir heute sagen). Als Lohn erntet er Unsterblichkeit. Mit beinahe 20 Minuten Spielzeit oder 509 Takten Musik handelt es sich um die längste und schillerndste der vier symphonischen Dichtungen, die die Faszination ihres Schöpfers für Wagner (Tristan 3. Akt) nicht leugnen kann.
Auf einer zweiten CD folgen wir mit dem von Saint-Saëns als Gelegenheitsgag gedachten „Karneval der Tiere“, dieser „grande fantaisie zoologique“ in 14 Nummern, für den Faschingsdienstag 1886 geschrieben, und der so spezifisch mit Klavier, Harmonium, Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, Horn und Streichern instrumentierten Filmmusik „L’Assassinat du duc de Guise“ Op 128 aus dem Jahr 1908, den Spuren weiterer Facetten aus dem Riesenwerk dieses faszinierenden Komponisten.
Mein Tipp: Lassen Sie sich diesen etwas verspäteten Gruß zum 100. Todestag (19.12.2021) des nach wie vor nicht in allen Facetten seines Schaffens hinreichend gewürdigten großen französischen Romantikers auf keinen Fall entgehen.
Anm.: Im Booklet ist, die Streicher einmal abgesehen, jedes einzelne Instrument nach Erbauer und Entstehungszeit detailliert beschrieben. Dazu gibt es neben Erläuterungen zu den Werken in französischer und englischer Sprache eine vorzügliche Beschreibung des Piano vis à vis Pleyel des Konservators Thierry Maniguet.
Dr. Ingobert Waltenberger

