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CD: Camille Saint-Saëns Klavierkonzerte Nr. 2 und Nr. 4 Simon Trpčeski, Klavier Royal Scottish National Orchestra Thomas Søndergård, musikalische Leitung Linn Records, CKD770

27.08.2026 | cd

Simon Trpčeski seziert die musikalische Mechanik von Camille Saint-Saëns mit schneidender Schärfe

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Camille Saint-Saëns hatte ein unschlagbares Händchen für musikalische Eleganz, gepaart mit jener leicht unterkühlten Routine, die man in Paris zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts so sehr schätzte. Wer seine Klavierkonzerte ins Aufnahmestudio trägt, gerät schnell in die Versuchung, die spritzigen Arpeggien als edle Salongefälligkeit misszuverstehen oder sie mit romantischem Schmelz zu überzuckern. Genau diese Klippe umschifft der mazedonische Pianist Simon Trpčeski auf seiner neuesten Veröffentlichung beim Label Linn Records mit erstaunlicher Konsequenz. Gemeinsam mit dem Royal Scottish National Orchestra unter der Leitung von Thomas Søndergård widmet er sich live aus der Glasgow Royal Concert Hall dem zweiten Konzert in g-Moll sowie dem Fünften in F-Dur, dem sogenannten Ägyptischen.

Das Resultat dieser schottischen Konzertabende liegt nun auf Tonträger vor und präsentiert ein klares Klangbild. Ein wenig trocken kommt das Klanggewand daher, keineswegs aber mager. Saint-Saëns war kein Grübler im deutschen Sinne. Er verabscheute die monumentale Schwere, die aus dem Osten über den Rhein drängte. Stattdessen verließ er sich auf architektonische Ausgewogenheit, mathematische Präzision und jenen feinen Spott, der erst bei genauerer Betrachtung sichtbar wird.

Man muss sich die Entstehung des g-Moll-Konzerts ins Gedächtnis rufen. Siebzehn Tage blieben dem Komponisten im Frühjahr 1868, um das Stück zu Papier zu bringen und mit dem Dirigenten Anton Rubinstein für die Uraufführung einzustudieren. Das Werk beginnt bekanntlich mit einer kühnen, gänzlich solistischen Improvisation des Klaviers. Eine Orgel-Hommage an Johann Sebastian Bach, angereichert mit melodischem Material, das sich Saint-Saëns kurzerhand bei seinem Schüler Gabriel Fauré entliehen hatte.

Trpčeski geht dieses einleitende Andante sostenuto nicht etwa sentimental an. Er packt das Thema mit fester Hand, konturiert die polyphonen Linien und verweigert dem Zuhörer jegliche billige Melancholie. Wo andere Solisten ins Träumen geraten, behält der Mazedonier die kühle Übersicht. Der Übergang zum Allegro scherzando gelingt wendig. Hier hüpfen die Akkorde keck, schelmisch, stakkatohaft durch den Raum. Man hört deutlich, wie sehr Saint-Saëns das spritzige Scherzo aus Henry Litolffs Concerto symphonique vor Augen stand. Trpčeski zeigt Ausdauer, feilt jede Tonleiter spitz zu und überlässt keinen einzigen Triller dem Zufall. Das RSNO unter Søndergård bleibt ihm dabei dicht auf den Fersen – rhythmisch prägnant, transparent in den Holzbläsern und nie zudeckend. Das abschließende Presto gerät schließlich zur wilden Jagd. Eine rasende Tarantella, in der Klavier und Orchester um die Wette laufen. Das klingt nicht nach heiterem Plaudern, sondern nach einer tour de force, die Rubinsteins eher hemdsärmeligem Pianismus gewidmet war.

Ganz andere Herausforderungen hält das fünfte Klavierkonzert bereit, das ein knappes halbes Jahrhundert später im Jahr 1896 das Licht der Welt erblickte. Die Pariser Musikwelt zitterte damals vor den gigantischen Wogen des Bayreuther Meisters, während Debussy gerade die Moderne einläutete. Saint-Saëns, von vielen bereits als überholt abgetan, trat vor das Publikum der Salle Pleyel, zupfte seinen Zwicker zurecht und demonstrierte der Welt, dass französischer Geist weder Wagner noch der Unschärfe bedarf, um Größe zu entfalten.

Der erste Satz empfängt den Solisten mit sanft wiegenden Holzbläserakkorden. Das klingt flüchtig betrachtet schlicht wie ein Kinderlied. Doch die scheinbare Einfachheit täuscht. Trpčeski entfaltet die variierten Durchführungen mit Sachlichkeit. Wenn die Klavierpartie im Mittelteil dunkler, schwerer wird und deutliche Anleihen bei Franz Liszt nimmt, lässt Søndergård das schottische Orchester in deutlicheren Farben aufleuchten.

Das Herzstück dieser Aufnahme bildet jedoch der zweite Satz, das Andante. Saint-Saëns verarbeitete darin seine Reiseeindrücke aus Ägypten. Das Orchester setzt überraschend energisch ein, weit eher im Tempo eines Allegro als im vorgeschriebenen Andante. Dann schlägt die Stunde des Exotismus. Man hört das Quaken der Frösche am Nilufer, nachgeahmt durch bizarre Tonsprünge, gefolgt von einem nubischen Liebeslied, das der Komponist den einheimischen Bootsleuten abgehorcht hatte. Trpčeski serviert diese folkloristischen Fundstücke ohne Kitsch. Er behandelt die arabischen Skalen und fremdartigen Rhythmen wie kostbare, mechanische Spielzeuge. Das hat Stil. Es verblüfft durch eine Trockenheit, die den Hörer schmunzeln lässt.

Im abschließenden Molto allegro übernimmt das Klavier in den tiefsten Regionen das Regiment. Ein grummelnder Motor setzt sich in Bewegung. Saint-Saëns behauptete stets, die regelmäßigen Schläge der linken Hand bildeten das Stampfen von Schiffsschrauben nach. Man mag darin ebenso die Vorboten eines frühen Ragtimes vermuten. Trpčeski treibt diesen virtuosen Ozeandampfer mit Durchschlagskraft durch die Fluten. Seine Zielorientierung im Spiel ist omnipräsent. Selbst in den dichtesten Kaskaden verliert er nie die Balance zwischen virtuosem Muskelspiel und intellektueller Steuerung.

Was bleibt nach fünfzig Minuten intensiven Hörens? Die Erkenntnis, dass Camille Saint-Saëns einer der am meisten unterschätzten Architekturmeister der Klavierliteratur bleibt, wenn man ihn falsch anpackt. Thomas Søndergård erweist sich als ordentlicher Begleiter, der das Royal Scottish National Orchestra gediegen aufspielen lässt. Simon Trpčeski wiederum hingegen beweist einmal mehr, dass er zur Spitze jener Zunft gehört, die nicht auf Schauwerte setzt, sondern die Dinge von der Architektur her denkt. Eine CD für Kenner, die das Geistreiche in der Musik schätzen und auf billigen Zauber mühelos verzichten können.

Dirk Schauß, im August 2026

Camille Saint-Saëns

Klavierkonzerte Nr. 2 und Nr. 4

Simon Trpčeski, Klavier

Royal Scottish National Orchestra

Thomas Søndergård, musikalische Leitung

Linn Records, CKD770

 

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