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CD-Buch: ROBERT SCHUMANN: DAS PARADIES UND DIE PERI für Solostimmen, Chor und Orchester, op. 50; AliaVox

08.09.2026 | cd

CD-Buch: ROBERT SCHUMANN: DAS PARADIES UND DIE PERI für Solostimmen, Chor und Orchester, op. 50; AliaVox

Romantisch exotische Klangwelten: JORDI SAVALL betont die Poesie des Stück mittels einer optimalen Solistenriege, dem Chor La Capella Nacional de Catalunya und seinem Orchester Le Concert des Nations

 

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„Von meiner Unterkunft blickt man rechts auf die Nervenanstalt und links auf die katholische Kirche, so dass ich mich frage, ob man wahnsinnig werden sollte oder besser katholisch.“ Zitat Schumann aus Peter Oswald: Schumann: „Music and Madness“, London, V. Gollancz, 1985, S. 51

In dieser Aufnahme aus der Collégiale de Sant Vicente de Cardona vom Mai 2025 beweist der nun 85-jährige Meister Alter Musik und einer der weltbesten Gambisten Jordi Savall, dass er ein nicht minder goldenes Händchen für romantische deutsche Musik hat.

Inspiriert von einer Erzählung aus Thomas Moores Orient-Epos „Lalla Rookh“ und Heinrich Marschners „Klänge aus Osten“ machte sich Robert Schumann 1843 an die Vertonung des persischen Liebes-Erlösungsoratoriums. Das Libretto zur orientalischen Romanze entwarf der Komponist selbst unter Mitwirkung Adolf Böttgers.

Auf historischen Instrumenten gespielt, legt Jordi Savall Schumanns „Das Paradies und die Peri“ als „Höhepunkt der Chor- und Sinfoniekunst des 19. Jahrhunderts von unschätzbarem musikalischem Wert“ an. Die Einspielung übertrifft die meisten ihrer Vorgängerinnen an romantischen Exuberanzen, zauberhaften Klangwebereien sowie vokaler Hingabe. Da mag die eingehende Probenarbeit im Rahmen des musikpädagogischen Projekts „Youth Orchestra and Choir Professional Academies“, eine Meister-Akademie für junge Musiker, die bestrebt ist, einem „ursprünglichen Klang“ auf die Sprünge zu helfen, eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben.

Inhaltlich geht es um die Lichtgestalt Peri, Tochter eines gefallenen Engels und einer Sterblichen, die erst wieder die ersehnte Aufnahme ins Paradies findet, wenn sie Erbarmen als Opfergabe bringt. So macht sie sich auf, der göttlichen Forderung entsprechen zu können. Es verschlägt dieses feenhafte Wesen zuerst nach Indien, wo sie den letzten Blutstropfen eines für die Freiheit gestorbenen Soldaten auffängt. In Ägypten wird sie bewahrende Zeugin des letzten Seufzers einer ihrem pestkranken Geliebten treuen junger Frau. Aber erst als sie die Träne eines reuigen syrischen Sünders beim Anblick eines betenden Kindes einsammelt und darbietet, öffnen sich die Himmelspforten für Peri.

Uraufgeführt am 4.12.1843 im Leipziger Gewandhaus mit Robert Schumann selbst als Debütanten am Pult, haben wir es mit einem durchkomponierten Stück in 26 Nummern grosso modo ohne Rezitative zu tun. Vor allem von Mendelssohn in den Chören und manch Solo vom Lied beeinflusst, überschwemmt die vor hinreißenden melodischen Einfällen durchtränkte, auf ein sinfonisches Orchester bauende Partitur die Hörerschaft förmlich mit lyrischer Emphase und harmonischer Filigrankunst. Soli (Sopran, Mezzosopran, Alt, Tenor, Bariton, Bass), Soloquartette in wechselnder Besetzung, drei- bis sechsstimmig gemischte Chöre und Orchester geben einander in intim schwelgender, frei-fließender Form ihr Stelldichein.

Jordi Savall legt das Augenmerk von der ersten Sekunde an auf einen ätherischen, freudvollen Tonfall. Eine rhythmisch eindringliche Artikulation und erzählerische Deklamation treten in den Hintergrund.

Mit der Besetzung hat der Dirigent diesmal ins Schwarze getroffen. Vor allem Lina Johnsons entzückt unter Einsatz ihres lyrischen, in den Höhen mühelos schwebenden Soprans als Peri mit einer Art rührender kämpferischer Naivität.

Genau so erfüllen Johanna Rosa Falkinger als Jungfrau sowie die Mezzosopranistin Marianne Beate Kielland in der Rolle des Engels mit Jubel und Einfühlung ihre Parts. Mir haben es vor allem der Deutsch-Brite Kieran Carrel und der Katalane Ferran Mitjans als Tenöre I und II mit ihrer vorzüglichen Stimmkultur und ihren charakterstark timbrierten Stimmen angetan. Der Bariton Martin Walser (Mamm) und der Bass Nicolas Brooysmans (Gazna) vervollständigen ein musikalisches Septett, das vor allem in den raffinierten Ensembles unter Beweis stellt, welch feine Klangabmischungen Schumann ersonnen hat.

Der Chor La Capella Nacional de Catalunya reüssiert mit jungen, unverbrauchten Stimmen und einer ausbalancierten, stilistisch einwandfreien Klangkultur. Savalls Orchester Le Concert des Nations vermag die vielfältigen atmosphärischen Nuancen und das paradiesische Finale in Begleitung von Peris apotheotischem Schlussgesang „Freud‘, ew’ge Freude, mein Werk ist getan“ samt dem Chor der Seligen „Willkommen, willkommen“ zu einem wahren musikalischen Fest an Hoffnungstrunkenheit zu steigern.

Fazit: Aus meiner Sicht die gesamthaft nunmehr überzeugendste Einspielung des Katalogs nach Anhörung verschiedener hochkarätiger Vergleichseinspielungen von Czyz, Harnoncourt, Gardiner, Rattle, Albrecht und Sinopoli.

Man darf schon gespannt sein auf die künftigen Projekte Savalls im Oktober 2026 (Brahms Ein deutsches Requiem), Frühjahr 2027 (4 Sinfonien von Robert Schumann) und Oktober 2027 (Zyklus „Beethoven Revolution mit der Oper „Fidelio“).

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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