Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD-Buch: REYNALDO HAHN „L‘ÎLE DU RÊVE“ – Weltersteinspielung mit dem Münchner Rundfunkorchester und dem Choeur du Concert Spirituel unter Hervé Niquet; Edition Palazetto Bru Zane

26.10.2020 | cd

CD-Buch: REYNALDO HAHN „L‘ÎLE DU RÊVE“ – Weltersteinspielung mit dem Münchner Rundfunkorchester und dem Choeur du Concert Spirituel unter Hervé Niquet; Edition Palazetto Bru Zane

 

Nach Hören dieser einstündigen Oper in drei Episoden des 18 Jahre jungen Reynaldo Hahn gilt es die festgefahrene Meinung zu revidieren, wonach Hahn nur als Komponist charmanter Salonlieder und der Operette „Ciboulée“ etwas taugte. 1898 geschrieben, ist „L‘ile du rêve“ eine überbordend melodienselige Kurzoper in der Nachfolge der spätromantischen Schule seines Lehrers Jules Massenet. 

 

Eher lyrisch kontemplativ denn dramatisch, haben wir es mit einem damals beliebten exotischen Sujet (vgl. Lakmé) zu tun. Die zumindest für die junge polynesische Schönheit Mahénu unglückliche Liebesgeschichte mit dem französischen Marineoffizier Georges de Kerven erinnert vom Rahmen der Handlung her an „Madame Butterfly“. Auf dieser Trauminsel (Tahiti) legen offenbar gerne europäische Schiffe an. Die jungen Männer lassen sich dort taufen und verfallen dem Charme und der Erotik der dortigen Frauen. Dieses Schicksal ereilte offenbar vor einem Jahr auch dem Bruder des Leutnants Kerven, auf der Insel als Rouéri getauft. Eigentlich will Kerven der wahnsinnig gewordenen Téri, für kurze Zeit Ehefrau des Bruders, von dessen Tod berichten.

 

Der Marineoffizier verfällt dem Liebreiz der Mahénu, die ihn Loti nennt. Mahénus Vater spielt hier eine eigenartige Rolle als Täufer und Kuppler, mystisch die kurzen Verbindungen segnend. Wie es weiter geht, wissen wir von der berühmteren Puccini Oper. Loti muss wieder abreisen, der Dienst ruft. Seinem Versprechen, Mahénu mit nach Frankreich zu nehmen, stehen die kulturellen Unterschiede wie unüberwindbare Felswände entgegen. Also reist der junge Mann ohne Adieu ab, ein weiteres Frauenherz bleibt gebrochen zurück. Mahénu stirbt aus Kummer zwei Jahre nach der Abfahrt des Pierre Loti. 

 

Die musikalische Umsetzung aus dem Prinzregententheater vom Jänner 2020 ist exzellent. Der lyrische französische Tenor Cyrille Dubois als Georges de Kervel und die Kanadierin Hélène Guilmette als schicksalhaft hintergangene Mahénu harmonieren großartig in ihren Duetten und berühren mit wunderschön ineinander geflochtenen melodischen Bögen. 

 

Die jungen Stimmen machen das naiv unschuldige, traumverloren zarte und somit umso tragischere Hineinschlittern in die aussichtslose Affäre mit jedem Ton glaubhaft. In den kleineren Rollen reüssieren Stars der französischen Opernszene wie Anaïk Morel (Oréna), Artavazd Sargsyan (Tsen Lee, erster Offizier), Ludivine Gombert (Téria, Faimana) und Thomas Dolié (Tairapa, Henri, zweiter Offizier).

 

Das Münchner Rundfunkorchester unter der musikalischen Leitung von Hervé Niquet kann sowohl den überwältigend romantischen, üppig instrumentierten Exotismen, als auch den erzählerisch Genrehaften der Partitur voll gerecht werden. 

 

Palazetto Bru Zna will mit dieser gelungenen Ausgrabung damit beginnen, der „Gattung“ der von den Spielplänen weitgehend verschwundenen Kurzopern neues Interesse zu sichern. Nicht nur „La Princesse jaune„ von Saint-Saëns, „Djamileh“ von Bizet, oder „Le Toréador“ von Adam sind kaum noch bekannt, sondern eine Vielzahl anderer kleinerer Werke von Boieldieu, Méhul oder Dalayrac. Da werden wir Melomanen wohl noch einige angenehme Überraschungen erleben dürfen. 

 

Wie immer bei den Editionen Palazetto Bru Zane edelt ein über 100-seitiges informatives CD-Buch in englischer und französischer Sprache die klangtechnisch sublim aufgenommene Opernaufnahme.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken