CD-Buch: LOUIS JOSEPH FERDINAND HÉROLD: ZAMPA ou La Fiancée de marbre; Palazzetto Bru Zane

Genau zehn Jahre ist es her, dass Bru Zane, die unermüdlich rührige Stiftung zur Erforschung und Edition vor allem vernachlässigter französischer Musik des erweiterten 19. Jahrhunderts, Louis Ferdinand Hérolds letzte und erfolgreichste Oper „Le Pré aux clercs“, 1832 an der komischen Oper in Paris uraufgeführt, als Deluxe Ausgabe herausbrachte.
Nun legt Bru Zane mit der Weltersteinspielung der Opéra-comique in drei Akten „Zampa ou la Fiancée de marbre“, basierend auf einem von Molières „Dom Juan“ inspirierten Libretto von Duveyrier de Mélesville in einer revidierten Fassung der Édition Lemoine nach. Nur ein Jahr vor „Le Pré aux clercs“ ebenso an der Pariser Opéra Comique aus der Taufe gehoben, hören wir einen Mitschnitt einer konzertanten Aufführung am Münchner Prinzregententheater vom November 2025.
Wie Alexandre Dratwicki in seinem Eingangsstatement „Au Plaisir! La folie“ erläutert, war diese Oper nicht nur höchst erfolgreich zu ihrer Zeit – fast 700 Aufführungen bis 1913 sind bezeugt – sondern markierte eine Wende in der Entwicklung des Genres zugunsten einer Intensivierung der Strukturen nicht zuletzt in Richtung tragischer Leidenschaften und Offenlegung dunklerer Seiten der menschlichen Existenz.
In französischer Sprache mit dem Begriff ‚demi-caractère‘ trefflich umrissen, geht es um eine sich vor allem in den Finali verdichtende Verflechtung von Komödie und Drama, Humor und Gothic, heroisch übernatürlichen Elementen und Klamauk. Stilistisch spielen hier die italienische Oper eines Rossini, Auber und die Einflüsse der deutschen Romantik à la Carl Maria von Weber eine Rolle. Das hatte zur Folge, dass die Figuren und deren komplexe vokalen Anforderungen zwischen tragischen und boulevardesken Zügen und die Qualität der Arien von Intimität, harter Attacke bis zur gewohnten virtuosen Artistik reicht.
Im Mittelpunkt der Geschichte standen beim bis dahin vor allem als erfolgreicher Autor von Ballettmusiken sich auszeichnenden Komponisten zwei damalige Startenöre, Chollet und Moreau-Sainti. Zampa charakterisiert Hérold mehr als erpresserisch berechnenden Korsaren und Gotteslästerer denn verführerisch dämonischen Kerl. Alphonse darf den gutherzigen, dennoch nicht harmlosen Verlobten der Camille mimen.
In der vorliegenden Aufnahme sind letzterer mit dem hinreißenden lyrischen Tenor Cyrille Dubois als Alphonse – allein sein jungenhaftes schmelzreiches Timbre bringt Melomanen zum Schwärmen – und dem baritoinal grundierten, dramatischeren, höhensicheren Julien Henric großartig besetzt. In der Dramaturgie Mozarts „Don Giovanni“ auf der Spur, versucht Zampa, Camille ihrem Verlobten Alphonse abspenstig zu machen und scheitert spektakulär an Eingreifen einer marmornen Frauenstatue…
Die Handlung spielt in Sizilien zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Der begüterte Händler Lugano will seine Tochter Camille dem florentinischen Offizier Alphonse de Monza zur Frau geben. Auf die hat es auch der brutale Zampa abgesehen, schillernd charismatische Figur mit Elementen von Faust, Don Giovanni, Ernani und Fliegendem Holländer. Zwar soll er gerade verhaftet worden sein.
Aber da gibt es eine marmorne Statue eines seiner Opfer, Alice Manfredi, die aus Gram an gebrochenen Herzen starb. Sie will an die Missetaten des höllischen Bösewichts erinnern. Alphonse realisiert, dass es sich bei Zampa um seinen älteren, verlotterten, seit Kindestagen verschwundenen Bruder handelt. Inzwischen hat Zampa Camilles Vater Lugano entführt und erpresst ihn und seine Tochter. Obwohl von Zampas Kumpel Daniel gewarnt, verpasst Zampa der Statue spöttisch einen Ring, deren Hand sich daraufhin fest schließt.
Wie das in so einer angespannten Konstellation klassischerweise vorkommt, schweigt sich die Tochter, um den gefangen gehaltenen Vater nicht zu gefährden, aus. Alphonse denkt, sie sei untreu. Die Interessen der Politik mischen das Drama noch einmal auf. Denn der Vizekönig will Zampa im Tausch um des Banditen Unterstützung gegen die türkische Armee begnadigen. Daher bleibt Camille nichts anderes übrig, als den sich in letzter Minute als Aristokraten outenden Piraten zu heiraten. Die Erlösung kommt von Seiten der Statue der heiligen Alice. Sie ist es, die im Finale Camille erlösend zu Hilfe eilt und Zampa in die Flammenhölle zieht, während effektvollerweise gleichzeitig der Ätna ausbricht.
Musikalisch hat Hérolds „Zampa“ wenig mit Mozarts „Don Giovanni“ zu tun. Die spritzige Ouvertüre gibt zwar ein rasantes Tempo vor, lässt aber kaum von den dramatischen Einbrüchen und der schauerromantischen Düsternis des Folgenden ahnen. Da klopfen schon Hector Berlioz mit seinen visionären Konzepten und vor allem Jacques Offenbachs „Les Contes d’Hoffmann“ an der Tür.
Mal erklingt die Musik des Mehul-Schülers Hérold buntscheckig wie Pfauenfedern, mal flott duftig vorwärtstürmend, mal dramatisch zugespitzt wie in den beeindruckenden Ensemble-Finales. Für die Sänger und Sängerinnen bietet sich eine reichhaltige Fülle an Gelegenheiten, ihr Können u.a. in Kavatinen und Strettas, Rondos, Balladen und Barcarolles unter Beweis zu stellen. Harmonisch ist die Oper durchdrungen von chromatischen Elementen. Zudem werden Dissonanzen als probate Ausdrucksmittel bemüht.
Obwohl formal eine typisch französische Spieloper mit geschlossenen Nummern, gesprochenen Dialogen und Ensembles, eint „Zampa“ als durchaus reizvolle Grand Opéra Melange italienische Koloraturenmanie, französisches Melos und das Hereinbrechen des Fantastischen. Klanglich ein wenig zwischen allen Stühlen situiert, schnurrt die Oper ganz nach französisch raffinierter Art, zu der Rossini und Auber am markantesten beigetragen haben und Meyerbeers „Robert le Diable“ als Zwilling im Geiste gelten darf.
Das französische Theater der umstürzlerischen 30-er Jahre des 19 Jahrhunderts besann sich auf dramatisch historische Stoffe, besonders die genialen Streiche der großen englischen und deutschen Stückeschreiber Shakespeare, Goethe und Schiller. Auf den Bühnen richtete sich alles gegen Konventionen, das Bürgertum sah seinen Aufstieg unaufhaltsam fortschreiten. Soziale Komödien, angerichtet mit den am hinreissendsten trillernden Goldkehlchen, üppigen Dekors und brillanten Lichteffekten waren angesagt wie nie zuvor. Das Fantastische eroberte die Szenerien der französischen Romantik. All die abergläubigen Ängste der Epoche vor der Aufklärung fanden Eingang in das Libretto zu „Zampa“. Man fürchtete im sizilianischen Dorf den Teufel und baute auf den Schutz einer Heiligen.
Glücklicherweise können wir heute wesentlich einfacher aus der zeitlichen Entfernung den Eklektizismus des Stücks nicht als Mangel an Originalität sehen, sondern als effektive Möglichkeit, das Publikum zu unterhalten, bei all den musikhistorischen Innovationen, die diese Oper eröffnete.
Besonders erfreulich an dieser in französischer und englischer Sprache erläuterten Edition ist, dass Erik Nielsen aus dem Münchner Rundfunkorchester, assistiert vom fabelhaften Chor des Bayerischen Rundfunks, die heißen Funken der Partitur rhythmisch scharf zu zünden und gleichzeitig den atmosphärischen Kontrasten orchestrale Kontur zu verleihen weiß. Im Klang kammermusikalisch elegant bzw. großzügig pastos in den großen Szenen, erweist sich Nielsen als ein behutsamer Sängerbegleiter
Die aufgrund der vokalen Anforderungen von beweglicher Italianità, lyrisch-heroischer Anmutung, enormem Tonumfang bei üppig glänzender Mittellage schwer darstellbare Titelfigur ist bei Julien Henric in den besten Händen. Ist da etwa ein weiterer Baritenor à la Michael Spyres auf dem Weg? Seine Arie „Camille est là!“ samt Stretta „Il faut céder á mes lois“ geben davon jedenfalls einen Vorgeschmack.
Cyrill Dubois ist aktuell soundso der beste Vertreter des lyrisch französischen Fachs. Alphonse wird von ihm stimmlich charakterlich feingezeichnet als auch mit unnachahmlicher Delikatesse angerichtet.
Die angebetete Camille wird von Hélène Carpentier mit Hingabe und lyrischer Emphase interpretiert. Einige Schärfen in der extremen Höhe mindern den insgesamt positiven Gesamteindruck nur marginal.
Besonders gut gefallen die exzellente Mezzosopranistin Héloïse Mas als Ritta, François Rougier als Daniel, Pierre Derhet als Dandolo und Lukas Mayr als Corsaire.
Fazit: Hérolds „Zampa“ ist zwar keine genuine Neuentdeckung. William Christie hat sie etwa 2008 an der Opéra-comique Paris dirigiert. Zuvor gab es schon versuchte Wiederbelebungen beim Wexford Festival 1993 und am Stadttheater Gießen 2005. Die populäre Ouvertüre war beispielsweise schon in einer Aufnahme mit dem London Philharmonic Orchestra unter Jean Martinon (DECCA) zu hören.
Die nun erstmals auf Tonträgern offiziell erhältliche Gesamtausgabe der Oper ist hoch willkommen, nicht zuletzt, weil sie instrumental und vokal packend und mitreißend musiziert ist. Sie vermittelt darüber hinaus dank des energischen Zugriffs Erik Nielsens, jenen Zunder, der einen vom Hocker reißt. Absolute Empfehlung!
Dr. Ingobert Waltenberger

