CD-Buch LÉO DELIBES: JEAN DE NIVELLE – Gesamteinspielung aus der Béla Bartók National Concert Hall Budapest vom Jänner 2026; Bru Zane
Éditions Heugel in einer von Bru Zane revidierten Fassung mit gesungenen Rezitativen statt gesprochener Dialoge

Am 8. März 1880, drei Jahre vor seiner einzigen bekannten Oper „Lakmé“ und nach „Le Roi l’a dit“ entstanden, kann Léo Delibes‘ „Jean de Nivelle“ als eine Opéra-Comique mit Zügen der Grand Opéra à la Meyerbeer oder Massenet und vokal stark kontrastierenden Rollenprofilen in virtuosem Glanz verstanden werden. Die Uraufführung war ein durchschlagender Erfolg, alleine im Folgejahr nach der Premiere wurde die Oper 100-mal aufgeführt. Was hingegen einer zugewandten und nachhaltigen Rezeption durch das Publikum entgegen wirkte, war das Fehlen großer Liebesszenen und einer einfach nachvollziehbaren Handlung. Dauernd sind die Protagonisten mit Intrigen, Racheplänen und Feldzügen, wechselnden Loyalitäten und am meisten mit ihren eigenen unbefriedigten Sehnsüchten bzw. skurrilen Lebensentwürfen beschäftigt.
Aber da ist noch die Musik von Léo Delibes, des Schöpfers des galanten Balletts „Coppélia“ oder „La Fille aux yeux d’émail“. Der versprüht auch in „Jean Nivelle“ einen bezaubernden Charme, wartet mit einem Füllhorn an melodischen Eingebungen auf und überrascht hybrid-vielarmig mit großen dramatischen (Chor) Tableaus.
Worum geht es in diesem nach einem Poème von Edmond Gondinet und Philippe Gilles komponierten, in Burgund des 15. Jahrhunderts angesiedelten Stück?
Die alte Simone preist in ihrer Mandragora Ballade die Vorzüge der Alraune, die jungen Mädchen dabei helfen soll, dass sich erwählte Burschen in sie verlieben. Sie spitzt darauf, dass ihre Nichte Arlette, ein liebreizendes Landgewächs, ihren Nichtsnutz von Sohn Thibaut heiratet, der im Gefängnis wegen Diebstahls einsitzt. Arlette will aber den Hirten Jean. Dieser Jean ist in Wahrheit der dem Hochadel entsprossene Sire von Montmorency Jean de Nivelle, der vom Hof Ludwigs XI. geflohen ist, um sich der Heirat mit Mlle de Malicorne, der buckeligen Isabeau, zu entziehen. Dieser Identitätswechsel des Frauenschwarms passt natürlich der angeblich mit Zauberkräften ausgestatteten Simone nicht, die Jean beim Grafen Charolais denunziert.
Am Hofe Herzogs Philipps III., genannt der Gute, von Burgund ist Arlette Hofdame der Diane de Beautreillis geworden. Auch Madame hat sich in den am Hofe weilenden, gegenüber seinen Verpflichtungen, nachlässigen, attraktiven Abenteurer Jean verliebt. Arlette weist die Avancen des Höflings Saladin zurück, der im Zweikampf von Jean de Nivelle besiegt wird. Jetzt bekennt der des Mordes Bezichtigte seine Identität. Unter der Bedingung, dass Jean sich an die Spitze einer Kompanie im Krieg gegen den König von Frankreich setzt, will der Graf von Charolais Jean verzeihen.
Der dritte Akt ist auf der Ebene von Monthéry angesiedelt, wo französische und burgundische Truppen aufeinanderstoßen. Der ruhmreiche Jean gerät beim Anblick des französischen Banners in einen Gewissenskonflikt. Gegen seine eigenen Leute und Herkunft kämpfen? Nein. Der König begnadigt ihn. Während Malicorne und Beautreillis schmollen, Simone weiter über Racheplänen brütet, kann die Hochzeit von Jean de Nivelle mit Arlette stattfinden, die sich ab sofort Madame de Montmorency nennen darf. Und die Moral von der Geschichte: Persönliche Freiheit statt Fesselung in politischen und Standeszwängen.
Es ist immer wieder verwunderlich, wie ein dramaturgisch so seltsames und unübersichtliches Libretto mit zwar sicher nicht hölzernen, aber dennoch psychologisch suboptimalen Charakteren (abrupter patriotischer Schwenk Jeans im dritten Akt) und allerlei mittelalterlichem Hokuspokus einen Komponisten zu struktureller Klarheit, melodischen Höchstleistungen, orchestral kommentierender Finesse und ironisch-höfisch verbrämten Ritterpathos beflügeln kann.
Denn das Hören der stilistisch im Nirwana (Pastorale, mittelalterliches Politdrama, dämonische Ritterliebestragikomödie?) herumtastenden, im Endeffekt hochromantischen Nummernoper mit Romanzen, Balladen, Couplets, Duetten Ensembles und mächtigen Chören bietet, nicht zuletzt wegen der hochkarätigen Besetzung, ein exquisites Vergnügen. Melomanen werden sich besonders an der mit extremen Höhen und heroischer Emphase nicht geizenden Tenortitelpartie sowie an der lyrischen Verzückung sowie der Koloraturvirtuosität der Arlette erfreuen. Aber auch das imitatorische „Vogelduett“ zwischen Arlette und Simone, das hochdramatische Finale des zweiten Akts und die herzzerreißende Bannière-Szene Jeans im dritten Akt sind Nummern, die sich ins Gedächtnis prägen und emotional aufwühlen.
Die Besetzung der zwischen lyrisch und heldisch sich bewegenden Titelpartie mit dem als Haute-Contre französischer Barockmusik und Liedsänger international bewunderten Cyrille Dubois ist ein Wagnis. Denn die dramatischen Passagen mit schlagkräftig besetztem Orchester verlangen eigentlich einen veritablen Spinto vom Kaliber eines Roberto Alagna. Ich finde dennoch, dass die Wahl Cyrille Dubois‘ eine faszinierend kluge ist, weil er zarteste Lyrismen, eine ausdifferenzierte Textgestaltung und noble Phrasierung mit gut sitzenden, hell leuchtenden Spitzentönen zu verbinden weiß. Mögen sich auch die Grenzen des Sängers sich ab und an minimal bemerkbar machen, ist das vorliegende Set alleine wegen seiner stupenden Gesangskunst ein Muss.
Hinzu kommt die hinreißende Mélissa Petit, die mit einer der klanglich edelsten, innigsten, samtigsten lyrischen Sopranstimmen der Gegenwart begeistert. Mit karamelligen Pastelltönen und einer bis in höchste Höhen (hohes E in der Fabliau Szene im 2. Akt) frei schwingenden elastischen Tongebung bringt sie jeden Melomanen zum Schmelzen. Als Dritte im Bunde der tragenden Rollen ist die Mezzosopranistin Marie-Andrée Bouchard-Lesieur in der Rolle der abergläubigen Volksfigur Simone zu nennen. Eine „komische Alte“ par excellence, stattet sie ihre freibeuterische Natur gesanglich aus dem Vollen schöpfend mit torfig-kontraaltorgelnden Kantilenen aus.
Der aus Produktionen von Bru Zane nicht wegzudenkende Bariton Tassis Christoyannis als Le Comte de Charolais, Juliette Mey als Diane / Le Page Isolin, Adrien Fournaison als Saladin, François Rougier als Malicorne und Jean-Philippe Mc Clish als Beautreillis ergänzen ein fabelhaftes Ensemble, das dieser Partitur Vitalität, ein floral-elegantes französisches Parfüm und so ein weiteres starkes Argument verleiht.
Das Hungarian National Philharmonic Orchestra sowie der Hungarian National Choir werden von dem in französischen Barockopern und romantischer Musik gleichermaßen kompetenten György Vashegyi geleitet. Dieser musikalisch so versierte Dirigent lässt die französische Musik in aller Duftigkeit aufblühen, setzt aber in den Finali genügend Temperament und Dampf frei, um die multiplen Ebenen des fin-de -siècle Stücks bewusst Kontur zu geben.
Fazit: Wer Gounod oder Massenet liebt, wird auch in Delibes „Jean de Nivelle“ schatzfündig werden. Dank einer idiomatisch optimalen Besetzung und einem genüsslich schwelgerischen Orchester ohne Fehl und Tadel unter der lautmalenden, musiktheatralisch spannungsvollen Leitung von Vasheegyi ist diese Ausgrabung von Bru Zane ein weiteres Fest im ständig wachsenden Katalog der Stiftung!
Dr. Ingobert Waltenberger

