CD-Buch: CLÉMENCE DE GRANDVAL: MAZEPPA – Weltersteinspielung aus dem Prinzregententheater München 2025, Bru Zane

Sie war eine der meistgespielten französischen Komponistinnen zu Ende des 19. Jahrhunderts. Heute kennt sie (fast) niemand mehr. Clémence de Grandval, Jahrgang 1828, war Schülerin von Frédéric Chopin (Klavier), Friedrich von Flotow und Camille Saint-Saëns (Komposition). Sie schrieb, tatkräftig unterstützt von ihrem 15 Jahre älteren Ehemann Charles-Grégoire Vicomte de Grandval, Symphonisches, geistliche und weltliche Oratorien, Messen, Kantaten, Lieder, Chöre, Kammermusik und Opern.
Ihre Operetten, Vaudevilles oder Opéras comique veröffentlichte Clémence anfangs noch unter Pseudonymen wie Caroline Blangy, Clémence Valgrand, Maria Felicita de Reiset oder Maria de Reiset Tesier. Besonders Saint-Saëns schätzte die Begabung seiner Schülerin und verglich ihre Kreativität und kompositorische Gaben mit keinen geringeren als denjenigen von Gounod, Massenet, Bizet oder Delibes. Er widmete Grandval sein Weihnachtsoratorium. Sie engagierte sich in der Société nationale de musique. Ihr Salon war Anziehungspunkt für viele angesehene Schriftsteller, Musiker, Society-Größen und Gesangstars ihrer Zeit. So beehrten u.a. Auber, Pauline Viardot oder Meyerbeer ihre Soiréen.
Ihre letzte fünfaktige Oper „Mazeppa“, vom Anspruch her für die Opéra de Paris konzipiert, wurde in der französischen Hauptstadt mangels Interesses aber nur einmal, und zwar mit Klavierbegleitung, mit der Komponistin höchstpersönlich am Flügel, gegeben. Die szenische Uraufführung fand am 23. April 1892 in Bordeaux statt.
Die historische Legende rund um den ukrainischen Kosakenführer Mazeppe bezieht ihren Reiz schon aus der Vorgeschichte: Wegen eines unbedachten Liebesabenteuers zu einer Adligen aus seinem Land verbannt, band man Mazeppa nackt auf den Rücken seines Pferdes und hetzte das Tier in die Steppe. Halbtot wurde er neben dem verendeten Pferd von Kosaken errettet, die ihn in der Ukraine zu ihrem Hetman im Kampf gegen die Polen machten. Die daraus sich entwickelnden politischen Intrigen und eigentümlichen Liebeswirren inspirierten Lord Byron und Alexander Puschkin dichterisch, P. I. Tchaikovsky für eine Oper und Franz Liszt zu seiner gleichnamigen sinfonischen Dichtung.
Clémence de Grandvals große romantische Oper „Mazeppa“ wiederum folgt der Logik der französischen Grand Opera mit großem Ballett. Zum Zeitpunkt der Vollendung der Oper war diese Form jedoch schon veraltet. Grandvals Komposition reicht trotz manchen überaus reizvollen Szenen (Aktschlüsse I und IV) nicht über traditionelle Konventionen hinaus. Am ehesten lässt sich „Mazeppa“, was elegante Melodieführung, gekonntes Kompositionshandwerk, aber auch oratorienhafte Statik und behäbige Tableaus anlangt, mit Jules Massenets „Herodiade“ vergleichen.
Die Oper nach einem Libretto von Charles Grandmougin und Georges Hartmann spielt in der Ukraine zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Sie erzählt vom polnischen Adeligen Ivan Mazeppa und seiner Liebe zu Matréna, Tochter des Fürsten Kotchoubey. Das Salz der Geschichte bildet ein erbitterter Konflikt zwischen zwei Rivalen: Mazeppa wird mit Zustimmung Kotchoubeys zum ukrainischen Feldherrn ausgerufen. Der junge ukrainische Krieger und Verlobte Matrénas Iskra sinnt neiderfüllt auf Rache, zumal er von der schönen Braut Mazeppas wegen zurückgewiesen wird.
Was macht man operngeeicht in so einem Fall: Man verdächtigt den siegreichen Feldherrn des Hochverrats. Die Anschuldigung fällt bei Kotchoubey auf fruchtbaren Boden. Die Tötung des Revoltenführer Iskra wird von der politisch offenbar unbedarften Matréna gerade noch verhindert. Wie dumm. Denn jetzt stachelt Kotchoubey Iskra an, den Zaren über Mazeppas vermeintliches Bündnis mit den Schweden in Kenntnis zu setzen. Im vierten Akt schürzt sich der Knoten. Kotchubey wird zum Tode verurteilt, der Zar kanzelt Mazeppa als Verräter ab. Seiner Funktionen enthoben, werden er und Matréna von Kotchubey, Iskra und dem Volk verflucht. Matréna verfällt dem Wahnsinn und stirbt.
Clémence de Grandval stattet diese zwischen heroischer Gestik und poetischer Intimität gespannte Tragödie mit einer finalen Wahnsinnsszene, vor allem was die emotional doch sehr verworrenen Liebesbeziehungen angeht, musikalisch mit lyrisch selbstreflexiven Arien, Duetten, Terzetten und bombastischen Massenszenen aus. Dass Clémence selbst Sängerin war, wird insbesondere an den weiten, romantisch verträumten, jedoch kaum virtuosen Kantilenen für Matréna offenkundig. Die rein instrumentalen Passagen, wie die Prélude, der Entracte zum dritten Akt und das Divertissement/Ballett im vierten Akt sind durch wohldosierte folkloristische Beimischungen geprägt.
Der Mitschnitt aus München bietet ein Instrumental wie vokal überzeugendes Plädoyer für diese vergessene Oper, wenngleich man sich kein Wunder an besonders individuell markanten, harmonischen und melodischen Eingebungen erwarten darf. Die Besetzung mit dem Bru Zane erprobten Kräften des hier vielleicht zu samtigen griechischen Baritons Tassis Christoyannis (Mazeppa), der australischen Sopranistin mit hochkarätiger Höhe Nicole Car (Metréna), dem dramatisch durchschlagskräftigen Tenor Julien Dran (Iskra), dem kroatischen Bass Ante Jerkunica (Kotchoubey) und dem polnischen Bariton Pawel Trojak (Archimandrite) ist im Wesentlichen großartig und rollenadäquat gewählt. Obwohl mit Julien Dran nur ein einziger französischer Sänger zur Disposition stand, ist die französische Aussprache aller Beteiligten sehr gut.
Der kaum überbietbare Chor des Bayerischen Rundfunks sowie das exzellente Münchner Rundfunkorchester unter der mit breitem Pinselstrich lyrische Verinnerlichung wie dramatische Zuspitzung gleichermaßen feiernden musikalischen Leitung des estnischen Dirigenten Mihhail Gerts erfreuen auf ganzer Linie.
Hinweis: Die erste szenische Aufführung in Deutschland von Grandvals „Mazeppa“ wird am 15. März 2026 in Kooperation mit Palazzetto Bru Zane in Dortmund stattfinden.
Dr. Ingobert Waltenberger

