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CD/-Buch: CHARLES SILVER: LA BELLE AU BOIS DORMANT – Weltersteinspielung mit dem Hungarian National Philharmonic Orchestra unter GYÖRGY VASHEGYI; Bru Zane

03.05.2026 | cd

CD-Buch CHARLES SILVER: LA BELLE AU BOIS DORMANT – Weltersteinspielung mit dem Hungarian National Philharmonic Orchestra unter GYÖRGY VASHEGYI; Bru Zane

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Viele mögen „Dornröschen“ aus den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm kennen. Da verflucht eine eifersüchtige böse Fee eine kleine Königstochter, nur weil sie nicht zur Geburtsfeier eingeladen wurde und daher kein Goldtellerchen übrig war. An ihrem 15. oder 16. Geburtstag (ja nach Fassung) wird sich La Belle mit einer Spindel stechen und sterben. Eine gute Fee verhindert das Schlimmste und wandelt den sicheren Tod in einen hundertjährigen Schlaf. Danach kommt ein schöner Prinz, durchbricht die schützende Dornenhecke und küsst die Holde wach. Happy End.

Den Grimms überliefert durch Marie Hassenpflug, stammt die wichtigste Vorlage von „La belle au bois dormant“ aus dem 17. Jahrhundert von Charles Perrault. Da bedienten sich auch die Librettisten der Oper bzw. „Féerie lyrique en quatre actes et neuf tableaux dont un prologue“ von Charles Silver, Michel Carré und Paul Collin.

In dem im Grand Théâtre de Marseille am 8.1.1902 uraufgeführten Stück ist es la Princesse Aurore, deren Schicksal von zwei Feen bestimmt wird. Der bösen fèe Urgèle und der guten fée Primevère. Allerdings lautet der Fluch hier anders. Aurore soll sterben, wenn sie sich vor ihrem 20. Geburtstag verliebt. Klar, dass ein Ritter der gerade noch 19-jährigen Schönheit im nächtlichen Garten begegnet und sie mit einem Kuss – wieder in der durch Primevère abgesofteteren Form – in einen hundertjährigen Schlaf sinken lässt.

100 Jahre sind vergangen. Der Jagdaufseher Éloi veranstaltet ein Fest (genau: Gelegenheit für ein Ballett), bei dem ein Prinz die Legende des im Wald schlafenden jungen Mädchens bestätigt findet. Er entschließt sich, sie zu befreien. Denselben Plan hegt, angestachelt von Urgèle, auch der ein Auge auf den Thron habende Bauer Barnabé gerade vor seiner Hochzeitsnacht. Dass Jacotte nicht amused ist, versteht sich von selbst, wiewohl der Trottel natürlich zu seiner Braut zurückkehren wird.

Weder Gnomen noch Monstergestalten rund um die Höhle der bösen Fee halten den Prinzen von seiner Mission ab. Er betritt das verwunschene Schloss und löst den Fluch. In der frühlingshaft erwachenden Natur spielt sich die Apotheose von Liebe und Heirat ab. Und eine neue Königin gibt es auch wieder.

Sicher ist, dass „Dornrösche“ keinen sonderlich beliebten Opernstoff abgab und abgibt. Für die Vergangenheit: Wer kennt schon „La belle au bois dormant“ von Michele Carafa, uraufgeführt am 2. März 1825 im Théâtre de l’Opéra Paris, das gleichnamige Ballett von Ferdinand Hérold oder die Version als Opéra-comique von Charles Lecocq (1900).

Zu breiterer Bekanntschaft haben es nur das Ballett von Tchaikovsky und der Disney Film gebracht. Kein Wunder: Der Stoff, der der Titelfigur gerade mal zu Beginn und am Ende Auftritte ermöglicht – den Rest verschläft sie – gibt dramaturgisch einiges zu lösen. Natürlich kann man, wie Richard Strauss in seiner „Die Frau ohne Schatten“ die Kaiserin auch mal im Schlaf stammeln lassen. Aber Generallösung stellt das keine dar, vor allem, weil wird davon auszugehen ist, dass Dornröschen fest schlief und ihren Freud nicht kannte.

Tatsächlich kommt Princesse Aurore auch im zweiten und dritten Akt bei Charles Silver nicht zu Wort. Dennoch scheint in dieser „Féerie“ nichts abzugehen, weil Silver aus der naturfolkloristischen Szenerie bei Éloi, und erst Recht mit der Höhle Urgèles, der Grotte d’Azur Primevères und dem Zauberwald wahrlich märchenhafte Klangstimmungsbilder zu malen verstand. Die musikalische Sprache Silvers ist ihrem Wesen nach spätromantisch. Neben den offenkundig laumalenden und weiterreichenden Einflüssen Massenets bezogen auf die Instrumentierung, einer für die französische Oper typischen Wortbezogenheit fällt mir ein starker Hang nicht nur zum chromatischen Universum des Richard Wagner und dessen subtilen Naturschilderungen auf. Wen erinnerte das Orchesterzwischenspiel „La Chasse“ nicht an „Die Walküre“ bzw. die Szene im dritten Akt, wo sich der Prinz einem feuerspeienden Monster Urgèles entgegenstellt, nicht an Siegfried?

Generell verfolgte Silver einen tragikomischen Ansatz, wovon schon die Einführung des Buffopaars Barnabé/Jacotte zeugt. Das zweite kaum verwunderliche Charakteristikum ist der enge Bezug zum Tanz, der sich in etlichen hochcharmanten höfischen wie Jagdszenen, einer Pantomime und dem ballet général der Wandlung der Höhle Urgèles in die Grotte d’Azur darstellt, manifestiert. Manche haben daher der „Belle au bois dormant“ die Eigenschaften einer opéra-ballet zugeschrieben, eine Einschätzung, die ich für ziemlich übertrieben halte.

Jetzt liegt die auch vorzüglich musizierte Weltersteinspielung vor, die ich nur empfehlen kann. Rein künstlerisch muss sich Silvers Wurf nicht vor vergleichbaren Opern wie Massenets „Cendrillon“ verstecken. Nur ausgefuchste Opernfreunde kannten bislang einzelne Nummern aus Silvers „La belle au bois dormant“, wie die Arie der Aurore, gesungen von Jodie Devos, arrangiert für Klavierquartett, auf dem Alpha Album „Il etait une fois“ aus dem Jahr 2016. Der Name Silver begegnet uns überdies auf dem Album „So Romantique!“ des französischen Tenors Cyrille Dubois, der darauf eine Nummer aus dem drame lyrique „Myriane“ vorstellt.

Dieser 1868 in Paris geborene Charles Silver, Sohn eines russischen Handlungsreisenden, machte nach Studien im Pariser Conservatoire in Harmonielehre bei Théodore Dubois und bei Jules Massenet in Komposition, musikalisch bald Furore. Den begehrten Prix de Rome sicherte er sich 1891 mit der Kantate „L’Interdit.“. Auf dem Gebiet der Oper sollte bald „La belle au bois dormant“ folgen, deren Titelpartie erstmals von Charles Silvers Frau, der Sopranistin Georgette Bréjean interpretiert wurde. Nach weiteren knappen Vorstellungen 1903 in Lyon und 1904 im La Monnaie de Bruxelles fiel „La Belle au bois dormant“ bis 2025 zu den konzertanten Aufführungen in der Béla Bartók Concert Hall des Müpa Budapest in einen tiefen Dornröschenschlaf. Di erste szenische Aufführung fand im April dieses Jahres im Grand Théâtre Massenet der Opéra Saint-Étienne statt.

Die musikalische Güte des Albums ist zuerst einmal dem Goldhändchen des von Bru Zane glücklicherweise vielbeschäftigten György Vashegyi zu verdanken, der mit den Kräften des erstklassigen Hungarian National Philharmonic Orchestra und des Hungarian National Choirs die atmosphärisch wunderbar ausgeleuchteten Grundlagen des Erfolgs der Wiederbelebung schaffte. Mit den in vielen Rollen mehrfach beschäftigen Solisten darf man auch mehr als zufrieden sein: Guylaine Girard gibt mit ihrem lyrisch einschmeichelnden Sopran eine charismatische Prinzessin Aurore und später La Reine. Der heldisch auftrumpfende Tenor des Julian Dran erweist sich in den Rollen des Prince sowie des Chevalier errant als gar treffliche und leidenschaftlich draufgängerische Besetzung. Großartig. Aber auch Kate Aldrich als Fée Urgèle vermag den abgründigen Charakter köstlich differenziert und mit Autorität zu gestalten, ohne dabei zu karikieren. In weiteren Rollen sind der dunkel granulierte Bass Thomas Dolié als König, der Bassbariton Matthieu Lécroart als wenig kluger, dafür umso ehrgeizigerer Barnabé, Clémence Tilquin als Jacotte, fée Primevère und Page sowie Adrien Fournaison als Éloi, Grand Sénéchal zu hören.

Fazit: Gelungene und keine Sekunde langweilige Märchenoper eines nach wie vor unbekannten französischen Komponisten russischen Ursprungs, der die hörbaren Rückgriffe auf die musikalischen Sprachen Wagners und Massenets zu einem großartig mundenden Gesamtkunstwerk zu formen wusste. Die künstlerische Umsetzung ist überwiegend als grandios erfreulich und stringent einzustufen. Eine der interessantesten Resultate der unermüdlich forschenden Stiftung Bru Zane.

Dr. Ingobert Waltenberger 

 

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