Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD-Buch CAMILLE SAINT-SAËNS „LA PRINCESSE JAUNE“ Opéra comique in einem Akt; Bru Zane

Was hat Liebe mit Drogen zu tun? In dieser Oper erfahren Sie es!

21.08.2021 | cd

CD-Buch CAMILLE SAINT-SAËNS „LA PRINCESSE JAUNE“ Opéra comique in einem Akt; Bru Zane

Was hat Liebe mit Drogen zu tun? In dieser Oper erfahren Sie es!

8055776010007

Veröffentlichung: Anfang September

Ein „frühes“ Werk aus 1872 und dennoch harmonisch kühn und inhaltlich scharf gewürzt wie Chili con carne. Dementsprechend fulminant war der Misserfolg des auf eine Ouvertüre, drei Arien, zwei Duetten und einem Melodram beschränkten Werks des 37-jährigen Spätzünders Saint-Saëns. Die einzelnen Nummern sind durch kurze Dialoge verbunden. Basierend auf dem Japan-Taumel der damaligen Zeit geht die in Holland spielende Oper zwischen girlanden-flatternden Orientalismen und künstlich imaginierten Paradiesen so:

Léna (Judith van Wanroij Sopran) ist in ihren Cousin Kornélis (Mathias Vidal Tenor) verliebt. Letzterer lebt seit dem Tod seiner Eltern bei ihrer Familie. Der ziemlich abgedrehte Kornélis ist via Zeichnung in die japanische Prinzessin Ming verschossen. Mittels eines Zaubertranks glaubt er, die schöne Frau auf der Grafik zum Leben erwecken zu können. Die Drogen bewirken zwar, dass Kornélis in ein Liebesdelirium taumelt, was bewirkt, dass er die in sein Zimmer eintretende Léna in seinen Halluzinationen schlichtweg für die begehrte japanische Prinzessin hält. Léna kapiert ziemlich schnell, dass der ersehnte Kuss eigentlich nicht ihr, sondern der im Liebesgestammel angesprochenen Ming gilt. Also schleift sie ihn wutentbrannt und zur Ernüchterung vor das Bild. Und tatsächlich wirkt die Behandlung: Er erkennt selbst im Delirium, dass das verliebte Leuchten in den Augen seiner Cousine Léna besser ist als das tote Wesen im Bild auf der Wand. Happy End.

Rein musikalisch hielt Saint-Saëns die Duette des Einakters auch noch 40 Jahre nach deren Entstehung mit für das Beste, was er für das Theater komponiert hat. Natürlich spiegelt das Werk die zeitgebundene Vorliebe der französischen Romantik für Exotik und die Sehnsucht nach der Ferne wieder. Saint-Saëns hatte aus einem bloß ästhetischen Blickwinkel genügend Erfahrung mit außereuropäischer Musik anlässlich seiner Winter-Aufenthalte in Oran, Algier, Kairo oder Las Palmas gesammelt. In der Musik zu „La princesse jaune“ gibt sich Saint-Saëns nie mit vordergründiger Folklore zufrieden. Wir finden trotz gewisser klanglicher Assimilationen kein klischeehaftes Japan vor.

Wegen der Kürze der Oper hat man sich, um die CD zu füllen, dazu entschlossen, eine bislang unveröffentlichte Version der “Six Mélodies persanes“ dranzuhängen. Ursprünglich als sechsteiliger Zyklus mit Prélude und Interlude für Stimme und Klavier konzipiert, hat Saint-Saëns daraus anschließend unter dem Titel „Nuit persane“ eine riesige symphonische Ode mit Solisten, Chor und Orchester gebastelt. Aus Anlass der 100. Wiederkehr seines Todestages am 16. Dezember 2021, legt Bru Zane nun eine neue Version vor: Bereinigt um alle Chöre, wieder in die ursprüngliche Reihenfolge gebracht und mit der Instrumentierung grosso modo aus der Feder des Komponisten können wir nun einen Zyklus genießen, der es mit den besten seiner Art wie die „Nuits d’été“ von Berlioz aufnehmen kann.

Neben dem technisch vorzüglichen und atmosphärisch farbenprächtigen Orchestre National du Capitole de Toulouse unter der musikalischen Leitung von Leo Hussain sind die sechs Lieder auf eben so viel Solisten aufgeteilt: Philippe Estèphe Bariton, Jérôme Boutillier Bariton, Éléonore Pancrazi Mezzo, Artavazd Sargsyan Tenor, Anaïs Constans Sopran und Axelle Fanyo Sopran.

Die neue Edition von Bru Zane ist neben ihrer mustergültigen künstlerischen Qualität und der wie stets gediegenen Präsentation doppelt verdienstvoll: Erstens wirbt sie mit einem musikalisch hochinteressanten Werk nachdrücklich für eine Rehabilitierung der vielen im schlammigen Dickicht der Musikgeschichte versunkenen Operneinakter. Zweitens erreicht sie mittel der Erstaufführung einer logisch zwingenden Lesart der „Mélodies persanes“ die Erweiterung des Verständnisses der französischen Musik einer ganzen Epoche.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken