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CD BRAHMS/BERG „VIOLINKONZERTE“ – CHRISTIAN TETZLAFF und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Robin Ticciati; Ondine

08.11.2022 | cd

CD BRAHMS/BERG „VIOLINKONZERTE“ – CHRISTIAN TETZLAFF und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Robin Ticciati; Ondine

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Beide sind Brahms geeicht. Robin Ticciati hat 2017 als letztes Heldenstück seiner Funktion als Chefdirigent des Scottish Chamber Orchestra bei Linn eine lichtdurchflutete Gesamtaufnahme aller vier Brahms-Symphonien vorgelegt. Da ist so viel Sauerstoff drin, dass einem ganz schwindlig werden könnte. Christian Tetzlaff wiederum spielt das Brahms Violinkonzert in D-Dur Op 77 seit vierzig Jahren. Auf Tonträgern hat er es mit Thomas Dausgaard und dem Danish National Symphony Orchestra 2008 erstmals bei Virgin herausgebracht.

Tetzlaff hat aber erst mit dieser neuen, maßstabsetzenden Einspielung ein Höchstmaß an Differenzierung im Ausdruck erreicht. Brahms Musik leuchtet hier bei beweglicher Dynamik wie ein prunkendes Brokatkleid mit filigranen Silberfäden locker bestickt. Ungemein beweglich hebelt Tetzlaff das organische Atmen der Phrasen, das emotionale Auf und Ab, das ständig Rastlose in Brahms symphonischer Anlage des Konzerts mit expressiver Intuition in ein kosmisches Welttheater.

Der technische Anspruch ist olympisch. Alle Doppelgriffe, Triller, Skalen und rhythmischen Vertracktheiten, die vielen Varianten an Vibrato, das kecke Spiel mit der Sonorität und Bogenführung, all das scheint Tetzlaff nicht die geringste Mühe zu kosten. Dennoch geht Tetzlaff voller Risiko und einer natürlichen Spontaneität ans Werk. Wie aus einem Zauberhut zieht Tetzlaff auf seiner hurtigen Wanderschaft durch südliche Klanglandschaften die verblüffendsten Lautmalereien: Das Wellengekräusel des smaragdgrünen Wörthersees, aber auch seine unergründlichen Tiefen, die der 45-jährige Komponist bei der Niederschrift des ersten Satzes vor Augen hatte, die Fallwinde und Adriaströmungen, die Baumharze und schroffen Kalkgipfel der Karawanken, allesamt bildhafte Metaphern für die Bewegtheiten der Seele und Wechselfälle des Schicksals. Im Adagio wird so viel imaginierte Schönheit erinnert, dass es traurig stimmt.

Tetzlaff ortet in diesem Violinkonzert existenzielle menschliche Zustände zwischen Ekstase, Wildheit und totaler Vereinsamung. Gefühle wie abgründige Verzweiflung und Schmerz interessieren den großen Geiger in seiner Interpretation, aber auch das „eigene Erleben von Situationen, die denen der Gefühls- und Ideenwelt des Komponisten ähneln, die Sicht auf sie vertiefen.

Dass hier bloßes Virtuosentum und das Bizeps-bepackte Antreten gegen die orchestralen Fluten zu wenig sind, versteht sich von selbst. So erweist sich die künstlerische Partnerschaft mit Robin Ticciati als Glücksfall. Beide wissen ganz genau, wo Orchester und Soloinstrument eins werden, miteinander verschmelzen, bevor sich die Geigenstimme wieder löst und ihre Höhenflüge antritt, um sofort wieder dunklere Räume zu erkunden. Chiaroscuro. Geiger und Dirigent finden dazwischen kleine Inseln der Ruhe im aufschäumenden Meer des Lebens.

Mit einem solchen namenlosen Einverständnis gehen Tetzlaff und Ticciati auch an das Violinkonzert von Alban Berg, dem „Andenken eines Engels gewidmet“, heran. Tetzlaff will die Musik nicht auf die Geschichte des Todes der 18-jährigen Manon Gropius reduziert wissen. Hinter den extremen Emotionen des Violinkonzerts steht Bergs Liebe zu Hanna Fuchs und zu seiner Tochter Albine, die er schon mit 17 Jahren mit dem Hausmädchen Mizzi in Kärnten gezeugt hatte. Den Schlüssel für die exakte Dechiffrierung dieser nicht ausgelebten amour fou zu Hanna Fuchs finden wir in der „Lyrischen Suite“ wo Alban Berg „über fast jedem Takt einzeichnete, was er eigentlich meint.“

Kenntnisreich weiß Tetzlaff von der Nummer 10 für Hanna und die 23 für Alba zu berichten, Zeugen des esoterischen und kabbalistischen Wiens in den Dreißiger-Jahren. Aber letztlich ist Bergs Violinkonzert ein „Lebensrückblick und auch ein Requiem im Zusammenhang mit seinem Tod kurz nach Vollendung des Werks.“

Tetzlaff erweist sich auch bei Bergs Violinkonzert als ein großer Geschichtenerzähler, als einer, dem nichts Menschliches fremd ist, der die biographischen Konnotationen im Blick hat, sie dennoch ins Allgemeingültige transponiert.

Orchester und der Dirigent erreichen bei Berg nicht genau denselben Identifikationsgrad wie beim Brahms-Konzert. Es fehlt ein wenig das wienerische Idiom, das Bad in Morbidität und gleichzeitig die hinterhältige Brutalität dieser ganzen Welt von Liebe und Tod.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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