CD-Box KLAUS TENNSTEDT „100th Anniversary“ mit Musik von Beethoven, Haydn, Mozart und Mahler in Aufnahmen von 1974-1980; hänssler
Hommage zum 100. Geburtstag des Dirigenten im Juni 2026 mit Gerti Zeumer-Peer, Georg Donderer, Dieter Klöcker, Eva Csapó, Brigitte Fassbaender, dem Pro Arte Streichtrio, dem Sinfonieorchester des Südwestfunks Baden-Baden und Freiburg sowie dem NDR-Sinfonieorchester

1926 in Merseburg in eine musizierende Familie mit einem für den Sohn gefährlich ehrgeizigen Vater hineingeboren, startete Klaus Tennstedt nach Studien in Leipzig u.a. bei Johann Nepomuk Hummel (Musiktheorie) seine musikalische Karriere als Geiger und Konzertmeister in Heidelberg und am Städtischen Orchester Halle. In den 50-er Jahren zwang ihn ein Problem mit der linken Hand dazu, sich auf eine Dirigentenlaufbahn zu konzentrieren. Erste Sporen am Pult verdiente sich der Rebell Tennstedt in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) und Schwerin, dazwischen wurde er nach Dresden-Radebeul strafversetzt. In der DDR dirigierte er ein breites Repertoire an Opern. Seine Spezialität waren jedoch Uraufführungen und die Konzentration auf damals moderne Opern wie Liebermanns „Penelope“, Einems „Dantons Tod“ oder Hindemiths „Cardillac“, die er in der DDR erstmals vorstellte.
Der Weg in die weite Welt war mit Fluchtversuchen (u.a. geplant mit einem Faltboot über die Ostsee nach Dänemark) gepflastert. 1968 gastierte er beim Mozarteumorchester Salzburg. 1971 nutzte Tennstedt einen künstlerischen Aufenthalt in Göteborg, um der politisch verhassten DDR ade zu sagen. Seine Frau Inge musste er erst einmal zurücklassen. 1972 bis 1979 wirkte Tennstedt schwerpunktmäßig an der Kieler Oper. Den von der New York Times als „the world´s most wanted guest conductor“ Betitelten führte es nach Toronto, Tanglewood, Chicago, Cleveland, Philadelphia, New York und immer wieder nach Japan.
Das Debüt beim London Symphony Orchestra gab der nunmehr der deutschen Klassik und Romantik verpflichtete Dirigent 1976. 1979 bis 1983 bekleidete Tennstedt die Funktion eines Principal Guest Conductor am Minnesota Orchestra. Das mit zwei Jahren nur sehr kurze Intermezzo als Chefdirigent beim NDR-Sinfonieorchester 1979 scheiterte bereits 1981 mit einem ad hoc Abgang während eines Gastspiels in Paris an der schwierigen Beziehung des hypersensibel überreagierenden und bisweilen kolportiert wenig geduldigen bis fahrig nervösen Dirigenten zu Teilen des Orchesters kombiniert mit einer ‚unfreundlichen‘ medialen und kulturpolitischen Einbettung. Erst 1991 kehrte der „Schwierige“ für ein Konzert zum NDR zurück. Musikhistorisch bedeutsam waren die Einladungen von den Berliner Philharmonikern, die auf die große Wertschätzung Herbert von Karajans zurückgingen. 25 gemeinsame Konzerte sollten es ab 1977 werden, etliche davon sind auf Tonträgern beim Label Testament verewigt. Sicher nicht grundlos schwärmten Größen wie Carlos Kleiber oder Sir Simon Rattle von Tennstedts Interpretationen.
Wer mehr Details über Tennstedts schicksalshafter Vita und wenig pfleglicher Lebensweise (ohne Alkohol und Zigaretten ging es wohl nicht) wissen will, dem sei das 2023 erschienene, ungeschönte Buch „Besessen von Musik“ des Regisseurs und Buchautors Georg Wübbolt empfohlen.
Die zweifellos bedeutsamste künstlerische Zusammenarbeit band Tennstedt an das London Philharmonic Orchestra (LPO), wo er die Positionen eines Guest Conductor, eines Principal Guest Conductor und schließlich 1983 als Nachfolger von Sir Georg Solti eines Chefdirigenten und Musikdirektors erklomm. Mehrere gesundheitlich bedingte Pausen gab es in den 80-Jahren. 1994 beendete der große, international höchst angesehene Musiker seine Dirigentenlaufbahn. Vier Jahre später starb er an einer Krebserkrankung.
Der mit dem LPO 1977 bis 1986 erarbeitete, bei EMI publizierte symphonische Mahler-Zyklus zählt zu den raueren, in jeder Hinsicht emotional zerklüfteten und hochdramatischen Interpretationen, gerade weil oder wenngleich der Streicherklang des Orchesters nicht in der ersten Liga spielte.
Auf der vorliegenden Box werden die Live-Mitschnitte der Mahler Symphonien Nr. 4 (Solistin Eva Csapó, die auf der Box auch mit den Wunderhorn-Liedern „Verspätung“, „Rheinlegendchen“ und „Wer hat dies Liedchen erdacht?“ vertreten ist) mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (4.9.1976), der „Fünften“ mit dem NDR-Sinfonieorchester aus der Laeiszhalle Hamburg (19.5.1980) und eine der atemberaubendsten Referenzen der „Kindertotenlieder“ mit Brigitte Fassbaender in Höchstform aus dem Kieler Schloss (11.11.1980) mit dem NDR-Sinfonieorchester publiziert. Der Verlag hänssler hatte fast alle dieser Aufnahmen bereits anlässlich der Veröffentlichung der 21 CD umfassenden „Gustav Mahler Edition“ 2015 vorgestellt.
Die Wiener Klassik ist auf der Box eindrücklich mit Mozarts „Sinfonia concertante“, KV 320e (1974) unter Mitwirkung des Pro Arte Streichtrios und von Dieter Klöcker (Klarinette), Haydns Symphonie Nr. 64 in A-Dur „Tempora mutantur“ (1976), Beethovens Symphony Nr. 3 in Es-Dur „Eroica“ (1979) sowie der „Coriolan Ouvertüre“ Op. 62 vertreten.
Eine besondere Begegnung erwartet den Hörer bei Mozarts Konzertarien „Bella mia fiamma, addio – Resta, o cara“, KV 528, und „Cor sincerum amore plenum“ in Es-Dur, KV 505. Nicht zuletzt deshalb, weil die im Oktober dieses Jahres 90 gewordene Sopranistin Gerti Zeumer-Peer,1970 bis 1983 Ensemblemitglied an der Deutschen Oper Berlin, in diesen anspruchsvollen Arien mit einem luxuriösen Timbre, einer differenzierten musikalischen Gestaltung (wunderbares Legato, packender Zugriff) und einer instrumental präzisen Stimmführung glänzt. Für Sammler schöner Stimmen ein Muss.
Tennstedts orchestralen Stil, fernab jeglicher Glätte und Sehnsucht nach Gefälligkeit (nicht Anerkennung, die er zeitlebens wie jeder vom Vater Gequälte angestrebt hat), würde ich in aller Knappheit als eine durch ein hohes Formbewusstsein leidlich gezähmte Wildheit und Faust’sche Zwei-Seelen Zerrissenheit charakterisieren. Er war kein Star in Glanzfolie. Glitzernder Glamour war dem leidenschaftlichen Segler und Flugscheininhaber fremd. Jegliche tiefschürfende und umfassende Auseinandersetzung mit Tennstedts akustischem Erbe ist heute mehr denn je zur persönlichen Urteilsschärfung alle Mühe wert. Insoweit leistet die nun vorliegende kleine Box einen unverzichtbaren Bestandteil der immer wieder neu notwendigen Aufmerksamkeit in Sachen Tennstedt-Rezeption. Fazit: Lebendige Historie der besten Art!
Dr. Ingobert Waltenberger

