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CD Box GIUSEPPE SINOPOLI & STAATSKAPELLE DRESDEN – Werke von Weber, Schumann, Liszt, Wagner, Strauss, Mahler und Sinopoli; Profil Hänssler

29.04.2020 | cd

CD Box GIUSEPPE SINOPOLI & STAATSKAPELLE DRESDEN – Werke von Weber, Schumann, Liszt, Wagner, Strauss, Mahler und Sinopoli; Profil Hänssler

„Du und diese Stadt…das Schicksal sei Euch gnädig, und im Wohlergehen erinnert Euch immer mit Freude an mich, wenn ich tot sein werde.“ Aus ‚Ödipus‘ von Sophokles – G. Sinopoli 20.4.2001

Giuseppe Sinopoli war für mich persönlich gemeinsam mit Herbert von Karajan, Sir Georg Solti und Claudio Abbado der aufregendste Verdi-Dirigent, der sich denken lässt – gemessen an unvergesslichen Live Erlebnissen an der Wiener Staatsoper. Die Premieren von „Attila“ und „Macbeth“ in der 80-er Jahren waren sängerische Großereignisse, aber auch das Orchester der Wiener Staatsoper (alias die Wiener Philharmoniker) schwelgte nicht nur in berauschendem Schönklang, sondern war in den sehnig-kämpferischen Chören und Strettas zu einem wild aufgerauten Klang in aller knallig rhythmischen Schärfe und bühnenblutigen Zuspitzung fähig. Aber auch für Opern wie „Manon Lescaut“ und „Die Frau ohne Schatten“ hatte Sinopoli ein Goldhändchen und wusste glühendes spätromantisches Musiktheater, besonders einen Rausch an satten Klangfarben bei beispielhafter orchestraler Transparenz zu entfachen.

Der venezianische Maestro und Komponist hatte neben seiner Begeisterung für Musik auch ein Medizin- und Archäologiestudium absolviert. Mit 25 Jahren schlug das berufliche Pendel jedoch stark hin zu einer internationalen Dirigentenkarriere aus. Führende Positionen bekleidete Sinopoli beim Orchester der Accademia Nazionale di Santa Cecilia Rom und beim Philharmonia Orchestra London. Den Bayreuther Festspielen blieb er von 1985 bis 2000 treu. Die wichtigste Zusammenarbeit jedoch verband ihn mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden. 1992 bis 2001 war Sinopoli deren Chefdirigent, ab 2003 sollte er Generalmusikdirektor werden. Dazu kam es tragischerweise nicht. Sinopoli starb am 20. April 2001 in Berlin im Alter von 56 Jahren, nachdem er an der Deutschen Oper während einer Götz Friedrich gewidmeten Vorstellung von „Aida“ einen Herzinfarkt erlitt.

Um sich ein Bild von der Vielfalt der künstlerischen Leistungen des Italieners als Dirigent von Symphonischem, aber auch als Komponist zu machen, hat das Label Profil Hänssler im Kooperation mit mdr Kultur die CD Box Giuseppe Sinopoli & Staatskapelle Dresden veröffentlicht. Die Aufnahmen stammen aus dem Zeitraum 1993 bis 2004. Außer Sinopoli kommen auch die Dirigenten Sylvain Cambreling (Sinopoli: „Tombeau d’Armor“ III für Violoncello und Orchester) und Peter Ruzicka (Sinopoli: Symphonisches Fragment aus „Lou Salome“ für großes Orchester) zum Zug. Diese Dresdner Konzerte fanden nach dem Tod Sinopolis statt.

Was sofort auffällt: Das Sinopoli so oft verpasste pauschale Charakteristikum seiner Interpretationen als „analytisch“ erweist sich als äußerst unzulänglich. Richtig ist vielmehr, dass Sinopoli mit durchaus unterschiedlichen stilistischen Ansätzen auf verschiedene Epochen und Partituren reagiert. Robert Schumanns Vierte Symphonie in d-Moll, Op. 120 (Aufnahme 1993, was für ein Finale!), ähnelt in ihrem hochromantischen Klangrausch und explosivem Ton weitaus eher den Aufnahmen Furtwänglers als den maschinell präzisen Schumann-Deutungen seines aus Parma stammenden Landsmanns Toscanini, der überspitzt auch als „menschliches Metronom“ bezeichnet wurde. Ähnlich auf klangliche Valeurs konzentriert und meilenweit von jeder Originalklangphrasierung entfernt legen auch die „Oberon“-Ouvertüre von Weber, Wagners „Rienzi“-Ouvertüre oder Liszts Sinfonische Dichtung Nr. 4 „Orpheus“ Zeugnis von der historischen Orchestertradition der Staatskapelle Dresden ab.

Bei den beiden auf der Box enthaltenen Tondichtungen von Richard Strauss „Das Heldenleben“ (Kai Vogler Solo-Violine) und „Tod und Verklärung“ liegen die Tugenden eher in der Durchhörbarkeit des Orchesters und der präzise ausgeloteten Balance der Orchesterstimmen. Dem Pathos der Partituren weiß Sinopoli subtil melancholische Streicherfarben entgegenzusetzen. Ich finde, dass Sinopoli bei Strauss einen ähnlichen durchgeistigten Stil pflegt wie Claudio Abbado das in der „Elektra“ vorexerziert hat.

Zu Gustav Mahlers symphonischen Welten hatte Sinopoli einen sehr spezifischen Zugang. Auf der Box sind die „Neunte“ und die „Vierte“ (Solistin Juliane Banse) zu hören. Als Bonus offenbart eine Einführung von Maestro Sinopoli samt Ausschnitten aus der Vierten einige seiner Gedanken. 

Mahler rechnet Sinopoli offenbar mehr der Moderne als der Spätromantik zu. Hier könnte einer mit Fug und Recht sagen, wir hören eine verkomponierte Psychoanalyse einer der herausragenden Persönlichkeiten einer schillernden Epoche. Dementsprechend individuell fällt die intensive Auseinandersetzung aus, einer gewiss mit Schweiß und völliger Verausgabung erkämpften und nachempfundenen. Die Staatskapelle Dresden folgt aufmerksam dem Konzept dieser musikalisch-philosophischen Sinnsuche und extremen, keinen Abgrund aussparenden Seelenschau. Allerdings war Sinopoli kein Musiker auf Neurosensuche, sondern vielmehr ein eleganter Neurosenkavalier. Der dunkel eigentimbrierte Luxusklangkörper erzielt gerade mit Mahler die bestechendsten Ergebnisse mit kammermusikalisch austarierten Wiedergaben, vielleicht auch streitbar breiten Tempi. Liegt darin nicht gerade die Faszination dieses großen gescheiten kettenrauchenden und kaffeeaffinen Musikers, der uns wegen seines frühen Tods vermutlich seinen definitiven Mahler Zyklus schuldig geblieben ist. Kann aber auch sein, dass uns gerade die neue Hänssler-Box eines Besseren belehrt? Jede/r lausche und entscheide selber.

Als Komponist gibt mir der Stockhausen-Schüler Sinopoli manche Nuss zu knacken. Nicht so sehr die kurze „Hommage a Costanzo Porta“, von Sinopoli selbst dirigiert, die einem klassizistischen post-Renaissance Ideal nachspürt. Der Zweiten Wiener Schule verhaftet, die ihre Wurzeln noch einmal im Jugendstilprunk der Jahrhundertwende ortet, ist dem instrumentalen Fragment aus der Oper „Lou Salome“ ebenso durchaus Genießerisches abzugewinnen. Das Cellokonzert nach einer Vorlage des frz. Lyrikers Tristan Corbière ist dem Symbolismus und Surrealismus verpflichtet. Ein konzeptuelles Werk, dessen musikalische Eingebung mit der literarisch-intellektuellen Vorlage kongruent scheint, sich mir aber wegen außermusikalischer Überfrachtung nicht erschließen will.

Die Aufnahmequalität der Aufnahmen, die aus schon erschienenen Einzel-CDs zusammengesetzt ist, erfüllt durchwegs mehr als ordentliche Rundfunkstandards. Insgesamt bietet die Box eine willkommene Gelegenheit, sich mit diesem wunderbaren Musiker wieder einmal eingehend auseinanderzusetzen und dabei manches Vorurteil der Rezeptionsgeschichte zurechtzurücken. Eines kann nach Abhören der Box zu Sinopolis letztem Wunsch sicher überzeugten Herzens gesagt werden: Ja, wir erinnern uns voll Freude!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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