CD-BOX „BACH – DIE GEHEIMNISSE DER HARMONIE“ – Eine Hörbiografie von Jörg Handstein, gelesen von UDO WACHTVEITL und ALBRECHT SCHUCH; BR-Klassik

„Gott predigt sein Wort auch durch die Musik, sie vertreibt den Teufel und macht die Menschen selig.“
„Es ist nicht zuletzt das Anliegen dieser Hörbiografie, die faszinierende Entfaltung von Bachs Lebenswerk, klingend und kontrapunktisch verflochten mit seinem Alltagsleben erlebbar zu machen.“ Jörg Handstein
Wie schon bei Komponisten wie Schubert, Mozart, Schumann, Strauss oder Tchaikovsky angewandt, funktioniert auch die Hörbiografie von Johann Sebastian Bach nach Handsteins Erfolgsrezept: Ausschließlich dokumentarisch bezeugte biografische Fakten werden mit Verständlichem aus Musiktheorie, Religion und Politik großzügig gemischt. Unzählige Details werden in neun Kapitel gegliedert vielstimmig vorgetragen, mit vielen Musikbeispielen untergelegt und das Ganze flott geschnitten.
Am spannendsten ist natürlich, wie der infolge der Vollkommenheit der Kompositionen verabsolutierte Bach mit allen menschlichen Stärken und Schwächen, in familiären als auch höfischen Umfeldern und im berufsmäßigen Kompetenz- und Postenringen dargestellt wird.
Urvater Vitus Bach – ein der Gegenreformation ausweichender Flüchtling aus Ungarn – war der Urvater des deutschen Bach-Clans. 53 Mitglieder der Familie sind 1735 bezeugt. Schon Großonkel Johann Christoph Bach war ein Komponist, dessen Vetter Johann Ambrosius Johann Sebastians Vater, seinerseits Stadtpfeiffer in Eisenach, Hochburg der lutherischen Religion. Der kleine Bub lernt schnell, singt im Kirchenchor und wird zu Hause auf der Geige unterrichtet. Mit der Schule hat er es nicht so. In nur drei Jahren soll er an 285 Tagen gefehlt haben. Vielleicht um zu üben, vielleicht aber auch nicht. Dem rasant Heranwachsenden wird nachgesagt, er habe vielschichtige Polyphonie im Kopf, er sei ein „Überflieger“.
Vorschriften und Hindernisse stören J.S. Bach nicht, er ignoriert oder umgeht sie allenthalben, wenn es um höhere Ziele geht. Mit 10 Jahren schon Waise, wird er fünf Jahre später 350 km zu Fuß nach Lüneburg gehen, um dort auf die berühmte Michaelisschule zu gehen. In der Kirche spielt Georg Böhm an der Orgel, bei ihm lernt er neben dem Orgelspiel auch französische Musik kennen, deren Formen und Tänze ihn zeitlebens begleiten werden.
Zeitsprung nach Hamburg, wo er Johan Adam Reincken an der Katharinenorgel erlebt, Bachs prägende musikalische Initiation.
Als 18-jähriger wird Bach Organist im thüringischen Arnstadt, dem Geburtsort der berühmten Bratwurst. Dass Bach kein braver, harmloser Stubenhocker war, bezeugt eine Anekdote, die ihn zumindest als wenig schüchtern und durchaus wehrfähig ausweist. Ein aufmüpfiger Schüler, den Bach mangelnden Talentes wegen als „Zippelfagottist“ bezeichnet, lauert dem Lehrer nächtens mit Knüppel und fünf anderen Halbstarken auf. Bach zieht beherzt den Degen und vertreibt die Bande. Denn Rüffel dafür erntet er selbst.
Wiederum präzise zielstrebig, wandert Bach später 380 km nach Lübeck, um Dietrich Buxtehude an der Orgel zu hören. Und wieder einmal pfeift Johann Sebastian auf Vereinbarungen, aus den 4 Wochen Urlaub werden 4 Monate, der Disziplinarausschuss is not amused. In Arnstadt wird es Bach schnell langweilig, seine Experimente mit Tonarten behagen der konservativen Gemeinde nicht. Also bewirbt er sich in der Freien Reichsstadt Mühlhausen als Organist an der Divi-Blasii-Kirche und heiratet seine Cousine zweiten Grades Maria Barbara.
Wie fokussiert Bach beruflich agierte, aber auch, was Honorare, Titel, karrieremäßiges Weiterkommen als auch Prestige anlangt, ein wie gutes Händchen Bach hatte, zeigt die rasche Abfolge seiner Engagements. Schon im nächsten Jahr sieht Bach Weimar wieder, Wilhelm Ernst, Herzog von Sachsen-Weimar, stellt den einstigen Laqueyen, wieder an, weil er dringend einen Organisten und Cammer-Musicus braucht. In der „Himmelsburg“, auf der über dem legendären Saal liegenden Orgel, entstehen die meisten bewegten Klangarchitekturen für das Instrument.
Geschäftstüchtig war Bach nicht zu knapp. Neben der wachsenden Kinderschar nahm Bach noch etliche Schüler bei sich zu Hause auf, gegen ein geschmalzenes Honorar, versteht sich. Auch scheute er sich als geschickter Pokerspieler des Lebens nicht davor, eine Bewerbung in Halle halbherzig zu betreiben, um eine Gehaltserhöhung und eine titelmäßige Beförderung zu erwirken…. Der Preis für die Ernennung zum Concert-Meister: Bach musste fortan eine Kantate pro Monat abliefern.
Neugierig und aufgeschlossen war Bach aber mindestens ebenso wie materiell geschickt: So ließ sich Bach fasziniert von Antonio Vivaldis „L’Estro Armonico“ inspirieren. Also mit allen Finessen der Kompositionskunst ausstaffiert, schrieb Bach Musik für höfische Zwecke der Weimarer Tafel. Schließlich wollte die illustre Gesellschaft nach dem „Kapaun mit Austern und Biberschwänzen“ beim Verdauen unterhalten sein. Der edlen Jagd gewidmet, schreibt er eine Kantate für den Herzog von Sachsen-Weißenfels.
Ein Angebot, nach Köthen zu gehen, nimmt Bach an, ohne auf die herzogliche Genehmigung zu warten. Das wird dem ungestümen Karrieristen 26 Tage Haft bescheren, die der unermüdliche Musiker dazu nutzt, um mit dem „Wohltemperierten Klavier“ zu beginnen. Als Bach endlich die Demission erhält, nichts wie auf nach Anhalt-Köthen oder „Kuhköthen“ genannt. Dort fühlt sich Bach mit 32 Jahren als Hofkapellmeister eines exquisiten Ensembles fürs Erste angekommen. Mit der vorhandenen Qualität an Musikern nimmt er launig und forsch nach dem Vorbild Dresdens Concerti con multi strumenti in Angriff.
Zu Bachs weniger sublimen Aufgaben gehört es, den Fürsten Leopold sechs Wochen lang auf Kur ins ferne Karlsbad zu begleiten, das Cembalo mit im Gepäck. Bei seiner Rückkehr erwartet ihn ohne Vorwarnung die traurige Nachricht vom Tod seiner Frau Maria Barbara.
Trost findet Bach wie stets im Schöpferischen. 1721 schickt er ein Päckchen mit sechs Konzerten an Markgraf Christian von Brandenburg, wo alle Instrumente – sogar dem Cembalo solistische Glanzrollen zukommen. Kurz darauf heiratet Bach die Hofsängerin Anna Maria Wilcke. Bei der Liebes-Hochzeit sollen 300 Liter Rheinwein geflossen sein. So gestärkt, kann Bach das „Wohltemperierte Klavier“ in allen 12 Tonarten „zum Nutzen und Gebrauch der lernbegierigen musikalischen Jugend“ fertigstellen.
Kein Halten, kein Verweilen: Leipzig ruft, wo Bach 1723 Thomaskantor und „Director Chori Musici“ wird. Bach war zwar nach Telemann und Graupner nur dritte Wahl, aber er ist auf einem vorläufigen Höhepunkt seiner Laufbahn. Als musikalischer Vorgesetzter aller vier Kirchen, ist es die beste Zeit, mit dem hervorragend ausgebildeten Knabenchor jede Menge an Choralkantaten bzw. andere prunkvolle Vokalwerke wie das „Magnificat“ als „deutsche Wertarbeit im italienischen Glanz“ anzugehen und aufzuführen. Nebstbei erfährt der Hörer, dass die Gottesdienste damals unvorstellbare 3-4 Stunden dauerten, mindestens eine Stunde Predigt inklusive. Bach musste für das umfangreiche Musikprogramm sogar Spickzettel verwenden.
Als wohlverdiente Stärkung gab es am Sonntagstisch dafür von Anna Maria selbst zubereitete Bratwürste in Zitronensauce. Aber auch bei seinen Gastspielreisen und Orgelinspizienzen ließ es sich Bach gut gehen. Berichtet wird von Festivitäten mit Rind-, Kalb- und Hammelfleisch, Hecht mit Sardellen, jede Menge Gemüse, Spargelsalat, Spritzkuchen und eingemachten Zitronenschalen. In Gera hat ein Wirt neben dem Frühstück, dem Mittag- und Abendessen auch noch Branntwein, Extrabier, Caffée. Tee, Zucker, Tobak und Pfeifen auf der Rechnung notiert.
1726 geht erstmals ein Werk von Bach in Druck, unabdingbare Voraussetzung zur weiteren Verbreitung von Bachs Musik in bürgerlichen Salons, den „Liebhabern zur Gemüths-Ergötzung“.
Bach ist Prinzipienreiter, wenn es um seinen Ruf und den Wert seiner Arbeit geht. So entbrennt ein Streit um die Gagen für nicht bezahlte Gottesdienste an der Universitätskirche, den Bach verliert. Aber was soll‘s: Die Matthäus-Passion wird am 11. April 1727 in erster Fassung aufgeführt. Keineswegs schätzen alle das heute als Höhepunkt der Musikgeschichte gepriesene Werk sofort. Viele stempeln es als zu opernhaft oder gar komödiantisch ab. In Dresden attackiert ein gewisser Johann Adolph Scheibe Bachs Musik gar als schwülstig und verworren..
In den nächsten Jahren zofft sich Bach mit dem Stadtrat wegen der nötigen Professionalisierung des Orchesters, jagt jedoch in seinen Kompositionen von Höhepunkt zu Höhepunkt: Partiten, Weihnachtsoratorium, Italienisches Konzert, Kunst der Fuge, das Musikalische Opfer, h-Moll Messe. Da war er nach einem weiteren Streit mit dem Rektor der Thomasschule längst als Compositeur bey der Königlichen HofCapelle in Dresden gelandet.
1750 ließ die Sehkraft des Komponisten stark nach. Bach willigte dummerweise in eine Operation durch den Okulisten John Taylor ein. Wie wir wissen, bedeutete fast jede „Behandlung“ durch einen Arzt im 18. Jahrhundert das Todesurteil. Taylor stach Bach mit einer vorher zwecks besserer Schlüpfrigkeit abgeleckten Nadel ins Weiße des Auges, drehte dann kräftig um, um aus der Pupille den Star herauszuziehen. Die „Nachbehandlung“ sah Aderlässe, Abführmittel, Augentropfen mit Taubenblut und die sicherlich nicht zimperliche Behandlung mit Bürsten vor. Der so malträtierte Musiker hielt wundersamerweise vier Monate blind und mehr und mehr verfallen durch. Im Nekrolog stand zu lesen, dass Bach sein Gesicht nicht mehr gebrauchen konnte und sein Körper durch die schädlichen Medikamente völlig über den Haufen geworfen worden war.
Unterspickt ist diese unglaubliche Lebensgeschichte mit zahllosen hochwertigen Musikbeispielen von Johann Sebastian Bach, aber auch von J.C. Bach, C.P.E. Bach, W.F. Bach, Buxtehude, Böhm und Reincken.
Auf CD 4 darf sich die dreieinhalb Stunden äußerst konzentriert verweilende Hörerschaft mit der Motette für zwei vierstimmige gemischte Chöre, BWV 225, „Singet dem Herrn ein neues Lied“ (Chor des Bayerischen Rundfunks, Howard Arman) sowie der Orchestersuite Nr. 1 in C-Dur, BWV 1066 (Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Dirigent Giovanni Antonini) entspannen.
Die erzählerische Dichte der Hörbiografie reißt mit, die Beschreibung des alltäglichen Rundherum verblüfft und das fürchterliche Ende des Komponisten lässt traurig zurück. Die sanft-entspannte Stimme von Udo Wachtveitl fungiert als neutraler Chronist, als Kontrapunkt darf der etwas flapsig artikulierende Albrecht Schuch als Bach auf heute getrimmte Emotion in die Sache bringen. Auf jeden Fall regt die Box wieder zum Hören von Bachs Meisterwerken an.
Dr. Ingobert Waltenberger

