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CD: BORIS GILTBURG spielt Werke für Klavier solo von SERGEY RACHMANINOV; Naxos

26.02.2026 | cd

CD BORIS GILTBURG spielt Werke für Klavier solo von SERGEY RACHMANINOV; Naxos

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Wer offenen Ohrs die verschlungenen Pfade der Interpretation klassischer Musik schreibend, lesend oder sonst wie konzentriert zu erkunden sucht, der wird wahrscheinlich an Boris Giltburg mit Rachmaninov nicht vorbeikommen. Wie ein Karfunkel schillernd liegt dieser fein geschliffene Doppelkristall am Weg, granatfarben in Nuancen von dunklerem Rot mit pink oder orangen Untertönen, Almandin- und Pyropgranatvarianten von burgunder- bis weinrot inklusive.

Naxos offeriert mit dem nunmehr fünften Giltburg-Rachmaninov-Album nach den Klavierkonzerten und Klaviersonaten Werke des jungen Rachmaninov im Alter von 14 bis 21 Jahren: die „Morceaux de Fantaisie“, Op. 3 des neunzehnjährigen Sergey (1892), drei Nocturnes (1887), vier Stücke (1887/88) sowie die „Morceaux de Salon“, Op. 10 (1894). Die eingängige, von Tchaikovsky gelobt-geliebte Mélodie in E-Dur, Nr. 3 der „Morceaux de Fantaisie“ erklingt zudem in einer revidierten Fassung aus dem Jahr 1940.

Boris Giltburg, 25/26 Artist in Residence der Dresdner Philharmonie, nimmt diese Stücke des höchst kreativen, jugendlich überschwänglichen bis zu Tode betrübten Tonsetzers ernst. Wie von Giltburg gewohnt, lässt er jedem einzelnen Opus je nach Charakter und harmonischer Farbenlehre eine ungeheure Sorgfalt angedeihen. Er verleiht diesen genialen fünf Fantasiestücke op. 3 des gerade am Moskauer Konservatorium graduierten Klaviervirtuosen, gleichzeitig dessen allererster Zyklus, in jedem Moment mit geschärftem Pinselstrich subtil geschichtete Couleur.

Im Unterschied zu anderen Interpreten errichtet Giltburg den Miniaturen geheimnisvolle Räume à la Haruki Murakami, deren surrealer Traumcharakter eigene Bildvisionen zu imitieren scheinen. Obwohl mit seinem Glockengeläute und Dies irae Motiv so populär wie kein anderes Klavierstück Rachmaninovs (was den Tonsetzer öfter fluchen als freudig jubilieren ließ), kann sich Giltburg in der Prélude in cis-Moll (Nr. 2 der „Morceaux de fantaisie“) auf die detailfreudige, klare, nie weichzeichnende Transparenz seines Fazioli Flügels verlassen. Die Wärme des Klangs, die sangliche Höhe und die dicksamtig schmeichelnden tieferen Register ermöglichen in ihrer ausgewogenen Balance irrlichternde Imagination und romantische Emphase. Seien es die gedämpfte Trauer in der Elegie, die sternenlichte Eleganz der E-Dur-Mélodie, das ausgelassene Treiben des Hanswursts, die Serenade mit ihrer erzählerisch filmberedten Anmutung, Giltburg galvanisiert die russische Melodik, ob schwermütig oder grotesk, in golden spätromantischer Abendsonne.

Bei den sieben Charakterstücken „Morceaux de salon“, op. 10, weiß Giltburg die weltschmerzlichen Wallungen der Nocturne in a-Moll und der Romanze genauso trefflich zu formulieren wie die unbeschwerte, jede Zeitdimension abstreifende Duftigkeit des Walzers in A-Dur. In der schelmischen Humoreske in G-Dur (revidierte Fassung 1940) sowie der temperamentsprühenden Mazurka in Des-Dur gibt Giltburg dem Affen Zucker. Hochgradig virtuos und exzentrisch brennt Giltburg hier ein pianistisches Feuerwerk ab, dass es eine wahre Freude ist.

Fazit: Ein agogisch hochfliegendes und lautmalerisch melancholisch bis keckes Rachmaninov-Album der Sonderklasse. Boris Giltburg, dessen Passion für Lyrik und Fotografie auch seinen singulären Interpretationen zugutekommt, feiert das Genie des jungen Seryosha mit Bravour und kultivierter klanglicher Differenzierung. Überzeugen Sie sich selbst!

Link zu einem kurzen Ausschnitt der Humoreske mit Giltburg auf der facebook-Seite von Naxos: https://www.facebook.com/NaxosDE/videos/rachmaninoff-humoresque-g-dur-am-klavier-boris-giltburg/2246183382784980/

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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