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CD: Bomba Flamenca Alpha Classics, Alpha 1216. Simon-Pierre Bestion bittet zum kaiserlichen Leichenschmaus

28.04.2026 | cd

Simon-Pierre Bestion bittet zum kaiserlichen Leichenschmaus

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Im Jahr 1558, zwei Jahre nach seinem Rückzug in die Einsamkeit des Klosters von Yuste, soll Karl V. ein bizarres Schauspiel inszeniert haben. Die Legende besagt, der einstige Weltbeherrscher habe sich bei lebendigem Leibe in seinen Sarg gelegt, um der Generalprobe der eigenen Beisetzung beizuwohnen. Während die Kerzen flackerten und die Sänger der Capilla flamenca das Requiem anstimmten, prüfte der Kaiser den würdevollen Fortgang seiner letzten Reise.

Simon-Pierre Bestion und sein Ensemble La Tempête greifen diesen herrlich morbiden Stoff auf und verwandeln ihn mit dem Album La Bomba Flamenca in ein akustisches Breitwand-Epos. Wer hier eine staubige Rekonstruktion für das Archiv erwartet, wird bereits nach den ersten Takten eines Besseren belehrt. Bestion agiert nicht als Archivar, sondern als Magier des Klangraums: Er stellt die Renaissance nicht aus, sondern lädt sie mit einer Vitalität auf, die jedem Puristen den Atem stocken lässt.

Das Programm firmiert unter dem Titel der imaginären Beerdigung und schlägt eine kühne Brücke zwischen dem verlorenen Erbe von Al-Andalus und der glanzvollen Polyphonie der flämischen Meister. Es ist die Geburtsstunde des modernen Spaniens – ein Moment des Übergangs, in dem maurische Schatten noch durch die Gärten der Alhambra huschen, während die Capilla flamenca bereits die strengen Regeln des Nordens importiert. Bestion nutzt diese kulturelle Reibung konsequent aus. Er mischt die sakrale Strenge eines Cristóbal de Morales oder Pedro de Escobar mit der erdigen Wildheit arabisch-andalusischer Rhythmik – und geht dabei deutlich weiter als viele Kollegen: Er rüstet die Vokalpolyphonie mit Zinken, Posaunen und Schalmeien auf, setzt Schlagzeuginstrumente ein, die an moderne Produktionen erinnern, und greift sogar zu exotischen Farben wie Duduk oder Klezmer-Klarinette, wo es der poetischen Wahrheit des Augenblicks dient.

Besonders beeindruckend gelingt die räumliche Inszenierung der Aufnahme. Die Technik umkreist das Gehör förmlich und schafft eine Weite, in der die Weihrauchschwaden fast greifbar wirken. In den tieferen Lagen, etwa bei den Klageliedern des Marbriano de Orto, entfaltet das Ensemble einen Klangraum von beklemmender Präsenz. Die Stimmen scheinen aus unermesslicher Ferne heranzueilen, nur um im nächsten Moment direkt am Ohr ein intimes Geständnis abzulegen. Dieser ständige Wechsel zwischen monumentaler Wucht und zerbrechlicher Solistik hält die Spannung über die gesamte Spieldauer von mehr als achtzig Minuten aufrecht. Es ist eine Reise für die Sinne, die keine Angst vor Pathos hat.

Ein besonderes Glanzlicht bildet die Ensalada El Fuego von Mateo Flecha. Hier zeigt sich die ganze dramaturgische Intelligenz des Projekts: Das Stück wirkt wie ein letztes Aufbäumen, ein theatralisches Inferno aus Rhythmus und Vokalkunst, das den Kampf um die Seele des Kaisers bebildert. Direkt darauf folgt mit Una sanosa porfida von Juan del Encina ein Moment lichter Leichtigkeit, der den schroffen Kontrast zwischen kriegerischer Pracht und persönlicher Frömmigkeit perfekt einfängt. Bestion beweist ein feines Gespür für Übergänge, die organisch wirken, obwohl sie Jahrhunderte und Kulturen überspringen. Er lässt das Mittelalter in die Renaissance bluten und flicht sephardische Melodien so selbstverständlich in den liturgischen Ablauf ein, als wäre die Epoche der friedlichen Koexistenz der Religionen nie gewaltsam beendet worden.

Kritiker mögen einwenden, diese Herangehensweise erinnere eher an ein orchestrales Hollywood-Spektakel als an ein Hochamt. Und tatsächlich: Wer die kühle, asketische Reinheit englischer Kathedralchöre sucht, wird bei La Tempête einen regelrechten Kulturschock erleben. Bestion wählt den muskulösen, provokanten Weg – und genau das macht diese CD so überaus spannend. Es ist die Vision eines Regisseurs, der die Alte Musik aus dem Museum befreit und sie dorthin zurückbringt, wo sie hingehört: ins pralle, schmerzhafte und gottesfürchtige Leben.

Am Ende der Reise steht mit Parce mihi, Domine von Morales jenes Werk, das tatsächlich bei der realen Beisetzung Karls V. erklang. Hier nimmt Bestion das Tempo heraus, lässt die Vihuela sanft den Boden bereiten und führt in eine Stille, die nach all dem vorangegangenen Prunk umso schwerer wiegt. Es ist der Moment, in dem der Kaiser den Sargdeckel endgültig von innen schließt.

Simon-Pierre Bestion beweist mit dieser randvollen Einspielung von 83 Minuten, dass historische Treue nicht in der sklavischen Kopie von Notentexten liegt, sondern in der Wiederbelebung des Geistes, der diese Musik einst befeuerte. La Bomba Flamenca ist eine klangliche Wundertüte, ein orchestraler Exzess und ein zutiefst bewegendes Requiem zugleich. Eine Einladung an alle, die bereit sind, ihre Hörgewohnheiten an der Garderobe abzugeben und in die schillernde Welt des letzten großen Ritters auf dem Kaiserthron einzutauchen. Hörenswert!

Dirk Schauß, im April 2026

Bomba Flamenca

Alpha Classics, Alpha 1216

 

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