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CD: BOHUSLAV MARTINU: Symphonien Nr. 1 bis 6, JAKUB HRUSA leitet die BAMBERGER SYMPHONIKER; Deutsche Grammophon

18.05.2026 | cd

CD: BOHUSLAV MARTINU: Symphonien Nr. 1 bis 6, JAKUB HRUSA leitet die BAMBERGER SYMPHONIKER; Deutsche Grammophon

Spektakuläre Klangbildräume und -träume mit manch altem und vielen neuen Gesichtern!

gramk

Es ist ja nicht so, dass Bohuslav Martinůs sechs im gereiften Alter in den USA geschriebene Symphonien Neuland für die Musikwelt wären. Dank guter Gesamtpräsentationen auf Tonträgern u.a. von Václav Neumann mit der Tschechischen Philharmonie (Supraphon), Jiří Bělohlávek mit dem BBC Symphony Orchestra (Onyx), Vladimir Valek mit dem Prager Symphony Orchestra (Supraphon) oder Cornelius Meister mit dem ORF Radio Symphonieorchester Wien (Capriccio) sind diese Spitzenschöpfungen der sinfonischen Kunst kein Geheimtipp mehr. Jedoch sind sie nach wie vor weit davon entfernt, Hits und unverzichtbarer Bestandteil in den Konzertprogrammen renommierter Orchester oder Säle zu sein. Daran wird die nun vorliegende exemplarische Gesamteinspielung in Hi-Fi Qualität mit den Bamberger Symphonikern unter der musikalischen Leitung von Jakub Hrůša hoffentlich etwas ändern.

Das sollte auch für das übrige sehr umfangreiche Oeuvre von Martinů gelten. Denn, wie viele der 16 Opern, der 31 Konzerte oder des uferlosen Kammermusikschaffens dieses Vielschreibers kennen Sie, kennen wir? Ein Grund dafür könnte sein, dass Martinů vielen als Eklektiker gilt, der romantische, neoklassische bis avantgardistische Strömungen von der Moldau bis zur Seine und hinweg über den Atlantik zu einem oberflächlich Erkennbaren zusammenzimmerte. 

Ein Gegenargument: Hören Sie sich die sechste Symphonie an, die alles andere als rückwärtsgewandt mit ihren kleinteiligen, repetitiv maschinellen Mustern die Minimal Music vorwegzunehmen scheint. Das Bohuslav-Martinů-Institut in Prag müht sich jedenfalls nach Kräften, jeglichem Vorurteil und starr festgefahrener Rezeption entgegenzuwirken. Dem wollen wir einen kleinen Versuch hinzufügen.

Natürlich erzählen die im amerikanischen Exil in den Jahren 1942 bis 1953 entstandenen und hieraus zu verstehenden Symphonien musikalisch amalgamierend von den Lebensstationen Martinůs. 1923 ging er nach Paris, um dort seine Kompositionsstudien bei Albert Roussel zu bereichern. Nicht zuletzt aus privaten Gründen blieb Martinů in Frankreich, musste aber 1940 vor den Nazis zuerst in den Süden Frankreichs, dann über Spanien und Portugal in die USA fliehen. Erst 1953 kehrte er nach Europa zurück, lebte in Nizza, in Rom und ab 1956 in der Schweiz bei Paul Sacher in Pratteln auf Schönenberg. 1959 starb er.

Was bei Martinůs Symphonien sofort ausfällt und so angenehm für sie einnimmt: Da ist jemand, dem das Leben trotz aller Schicksalszumutungen (an erster Stelle wäre der schwere Sturz 1946 zu nennen, an deren Folgen der Komponist zeitlebens an einer Einschränkung des Hörvermögens, an Schwindel und Migräne litt) offenbar nicht primär zur niederdrückenden Last geworden ist, der seinen Schmerz nicht zu bleiernem Klang gerinnen ließ und der auf neue Umgebungen und Begegnungen offenbar mit Neugier, Aufgeschlossenheit, ja bisweilen ausgesprochen schelmisch reagierte.

Ausgenommen das Largo der Ersten Symphonie, 1942 im Auftrag von Serge Koussevitzky entstanden, die allgemein als Reaktion Martinůs auf das Massaker der Nazis im tschechischen Lidice gilt, verweist schon die Concerto grosso Anlage der Zweiten Symphonie auf eine gewisse barock-spielerische Grunddisposition.

Biografisch wird darauf verwiesen, dass dieses emotional etwas „Über den Dingen“ sein vielleicht damit zu tun hat, dass Bohuslav als Kind oft im 36 Meter hohen Kirchturm St. Jakob von Polička, an der Landesgrenze zwischen Böhmen und Mähren gelegen, weilte. Der Vater arbeitete dort als Turmwart und Feuerwächter. Später sollte Martinů bekennen, dass es dieser Raum, diese Vogelperspektive war, „den ich immer vor Augen habe, und nach dem ich in meinen Arbeiten suche.“ Sehr bemerkenswert ist es zudem, dass es die Stadtgemeinschaft war, die dem Jugendlichen das Studium am Prager Konservatorium bei Josef Suk finanzierte.

Ich höre aus Martinůs Symphonien die Klangwerdung von Sehnsüchten, die vielgestaltige Erzählung von der Lust an Entdeckungen, das staunende Festhalten von dicht erlebten Augenblicken. Zudem erfühle ich kompositorische Assimilierung, die dem Kolorit von Böhmens „Flur und Hain“, deren Folklore und tänzerischem Stampfen die leichtfüßige Quirligkeit und Nonchalance des Montmartre bis hin zum bunt jazzigen Treiben am Broadway hinzufügt.

Hrůšas maßstabsetzende Interpretation mit dem von ihm bestens präparierten und klanglich aus dem granitenen Urquell schöpfenden Bamberger Symphonikern trägt dieser dringlichen Neugier, der selbst in dunklen Momenten des Fragens in der Dritten nie alles überschwemmenden Melancholie gekonnt Rechnung. Der schwelgerischen Lust am Fabulieren, am ausgelassenen Dahintröten bzw. dem in Rhythmen Fliegen etwa der Vierten begegnet Hrůša mit einer unerhörten Selbstverständlichkeit. Hrůša vermag es, die zartbittere Klangschönheit der Streicher, die flotten Holzbläser und den warmen Klang des Blechs sowohl im Mischklang als auch zum Aufdröseln der kontrastorgelnden, konzertierenden Ping-Pong Architekturen zu einer federnden Einheit zu verschmelzen.

Ich denke, Martinůs letzte Sinfonie, programmatisch „Fantaisies symphoniques“ betitelt, gibt mit ihrem reliefartigen Mäandern Aufschluss über des Komponisten Befindlichkeit weit über das Stück hinaus. Wer hätte gedacht, dass dieser tschechische Freigeist in den USA so gut aufgenommen würde. Zwei der „Big Five“, das Boston Symphony Orchestra und das Cleveland Orchestra spielten Uraufführungen seiner Symphonien. Lehraufträge an der Mannes School of Music in New York und dem Curtis Institute in Philadelphia vervollständigten die hohe Reputation und die gesellschaftliche Ehrerbietung gegenüber dem genialen Musiker. Ich höre aus jedem Ton Dankbarkeit in Fülle und eine genuin schöpferische Qualität, die sich vor derjenigen eines Shostakovich nicht zu verstecken braucht.

Fazit: Ein Paradebeispiel einer energetisch und taufrischen, bis zum Platzen saftigen Referenzaufnahme. Die Kombination von lebensprühender Vitalität und umwerfender Klangqualität ist schlichtweg ein Ereignis. Die Bohuslav Martinů Diskografie ist damit um den funkelndsten Edelstein reicher!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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