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CD/Blu-ray CARL MARIA VON WEBER: DER FREISCHÜTZ – Historisches Filmdokument der Wiedereröffnung der Semperoper am 13.2.1985

27.07.2026 | cd, dvd

CD/Blu-ray CARL MARIA VON WEBER: DER FREISCHÜTZ – Historisches Filmdokument der Wiedereröffnung der Semperoper am 13.2.1985 plus Ausschnitte aus Rundfunksendungen und Reportagen; hänssler Profil

Grandiose Tonqualität: Premiere von japanischer 4 track Denon Aufnahmetechnik

frei

„Ganz und gar nicht festlich. Ein dorniges Stück, handelnd von schlimmen Zwängen der Gesellschaft, denen Menschen ausgesetzt sind. Auf halsbrecherische Weise suchen sie das ‚Glück‘ zu bannen, sich ihr Menschenrecht zu stehlen. Gott hat sich abgewandt. Samiel, hilf!“ Joachim Herz

Man kann sich heute kaum noch vorstellen, wie bedeutungsvoll als auch politisch vereinnahmend die Wiedererrichtung des vom Krieg zerstörten Dresdner Opernhauses und die Eröffnung der Semper Oper 1985 gewesen sein müssen. Wer sich die Bilder der damaligen, in 19 Länder übertragenen Eröffnung (zeitversetzt auch in den USA und Kanada ausgestrahlt) während der Ouvertüre, im Zustand der Bombardierung nach der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 und bei der Eröffnung ansieht, der weiß im Grunde alles um die absurde Sinnlosigkeit und die wütende Zerstörung, die Kriege anrichten.

Die vorliegende Semperoper-Edition war möglich geworden, weil der ehemalige Chefregisseur der Semperoper, Prof. Joachim Herz, zugestimmt hatte, dass die Veröffentlichung seiner Freischütz Inszenierung unter partnerschaftlicher Begleitung seiner Ehefrau, der estnischen Musikwissenschaftlerin Kristel Pappel, möglich wäre: Filmisch ungekürzt und unter Hinweis auf die ästhetischen und kulturpolitischen Hintergründe sowie Zwänge im Booklet.

So besteht die Edition aus einer Blu-ray der Fernsehübertragung 40 Jahre nach der verheerenden Bombennacht in damals üblicher SD-Kameratechnik samt erheblich reduzierter Bildgröße sowie einer umfangreichen Dokumentation. Die wiederum setzt sich aus Texten und Fotos (Teil I 88 Seiten, Teil II 63 Seiten) samt einer CD zuzsammen, auf der Tondokumente der Großkundgebung auf dem Dresdner Theaterplatz anlässlich der Wiedereröffnung, Berichte und Gespräche anlässlich der Rundfunkübertragung, ein Interview mit Joachim Herz 1985 sowie eine Erinnerungssendung an die zerbombte Semperoper enthalten sind, zusammen.

In der ideologisch zurechtgezimmerten Begründung für die Wahl von „Der Freischütz“ schrieb Intendant Gerd Schönfelder „Die Fabel der Oper führt uns in ein Nachkriegselend (Anm.: In der Oper kurz nach Beendigung des 30-jährigen Krieges, gemeint sind die Zeiten nach den Befreiungskriegen 1813 -1815 von der Vorherrschaft Napoleons in Europa), wo das Sehnen nach Liebe unter den Menschen und das Hoffen auf ein sinnerfülltes Leben der bitteren Erfahrung nach immer am glühendsten brennt, wo die Aussicht auf ein neues, anderes Beginnen vitale Kraft in überwältigendem Maße erzeugt, weil die dem Gedächtnis noch nahen Schreckensängste den einen heißen Willen nach Frieden zum einzigen Handlungsgebot aller vereinigend erheben.“

Optisch bedient sich die Inszenierung von 1985 im Bühnenbild und den Kostümen von Bernhard Schröter eines der damaligen Zeit angepassten abstrakten Realismus. Musikalisch konnte Dirigent Wolf-Dieter Hauschild darauf bauen und musste sich daran messen lassen, was Carlos Kleiber mit der Staatskappelle Dresden für die legendäre Schallplatteneinspielung der Oper 1973 im Studio Lukaskirche, Dresden, erarbeitet hatte. Hauschild tat dies ganz hervorragend, volkstümlich rhythmisierend in den Chören und Tänzen, lyrisch sängerisch in den Arien von Agathe und Ännchen, hochdramatisch pulsierend in der Wolfsschlucht.

Wie schwierig es der Dirigent hatte – der sich im Vorfelde der Premiere weigerte, die Nationalhymne zu dirigieren- mag man daran erkennen, dass er drei Monate nach der Premiere die DDR verließ, nicht ohne in einem Gespräch vom 24.10.2022 die damaligen Umstände im Kern näher zu beleuchten: „Die Stasi war allgegenwärtig. Die Garderoben waren verwanzt. Immer gingen wir in Begleitung auf die Bühne. Alles war sehr bedrückend.“

Das ist der Aufführung, von der nur eine Aufzeichnung und nicht die tatsächliche Premiere gesendet wurde, nicht anzumerken. Die exzellente Besetzung wartete mit auch heute für wissende Melomanen großen Namen wie Hans-Joachim Ketelsen als Ottokar, Ekkehard Wlaschiha als Kaspar, Olaf Bär als Kilian, Reiner Goldberg als Max und Theo Adam als Eremit auf. Aber auch Jana Smitkova als Agathe und Andrea Ihle als Ännchen sowie Johannes Kemter als Samiel reüssierten mit vokal und stilistisch sehr guten Leistungen. Was besonders auffällt, ist, wie gut die Darstellerinnen und Darsteller neben dem Gesang auch die gesprochenen Dialoge meisterten. Eine Kunst, die heute mehr oder weniger verloren scheint.

Erwähnenswert ist, wie sehr der Sächsische Staatsopernchor Dresden – mit jedem Wort verständlich – Präzision mit Klangschönheit und rhythmischer Akkuratesse verbinden konnte.

Fazit: Historisch/musikalisch hoch interessante Dokumente in politisch schwierigem Kontext. Künstlerisch konnte die Produktion dank dem ungemein musikalischen und perfektionistischen Joachim Herz erstaunlich geschlossen und qualitativ hochwertig umgesetzt werden. Nachteil: Das Fernsehbild entspricht in keiner Weise heutiger HD-Technik. Hingegen erfreut die akustische Seite umso mehr mit einer direkten, die Solisten, den Chor und das Orchester natürlich und plastisch abbildenden Tonqualität.

Dieser Freischütz 1985 mag auch als eine Demonstration und Lehrstunde eindringlicher romantischer Sangeskunst gelten. Die beiden in zahlreichen Details liebevoll gestalteten und aufbereiteten Booklets bieten Einsichten des politischen wie künstlerischen Umfelds in deutscher und englischer Sprache. Empfehlung!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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