CD: Blackbirds Music from the 1960s Nicolas Altstaedt, Cello Swedish Radio Symphony Orchestra Maxim Emelyanychev, musikalische Leitung
Nicolas Altstaedt entdeckt die wilden Sechziger neu

Es gibt Momente beim Stöbern in den digitalen Archiven, in denen man sich fragt, ob das Repertoire für Violoncello tatsächlich nur aus den ewig gleichen Schlachtrossen von Dvořák bis Elgar besteht. Dann kommt Nicolas Altstaedt um die Ecke – jener intellektuelle Freigeist unter den Virtuosen – und präsentiert ein Programm, das klug konzipiert ist und so ganz anders klingt. Sein neuestes Projekt widmet sich einer Dekade, die gemeinhin mit Flower-Power und Mondlandung assoziiert wird, hier aber als Epoche einer radikalen, hochemotionalen Klangforschung erscheint: die 1960er Jahre.
Den Ankerpunkt bildet das zweite Cellokonzert der Polin Grażyna Bacewicz aus dem Jahr 1963. Wer hier spröde Avantgarde erwartet, wird angenehm enttäuscht. Sicher, das Werk beginnt mit einem orchestralen Aufschrei, der einen erst einmal im Sessel zurechtrückt. Was folgt, ist jedoch eine Demonstration kompositorischer Meisterschaft. Altstaedt fragt völlig zu Recht, warum dieses Stück nicht in jedem Abo-Konzert zwischen Berlin und New York auftaucht. Bacewicz beherrscht das Kunststück, mit einer Handvoll Noten ganze Landschaften zu entwerfen. Das Violoncello fungiert hier nicht als eitler Selbstdarsteller, sondern als roter Faden, der die symphonischen Ausbrüche bändigt. Es ist ein neugieriges Spiel mit Techniken, ein Funkenschlag an Ideen, der so lebendig wirkt, als wäre die Tinte auf dem Manuskript noch feucht. Dass Maxim Emelyanychev das Schwedische Radio-Symphonieorchester mit Präzision und Leidenschaft leitet, erweist sich als Glücksfall. Die beiden verstehen sich blind – besonders spürbar in den Momenten, in denen das Werk in die Nähe von Ligetis flirrenden Texturen rückt.
Der Sprung zu Benjamin Britten ist logisch und doch überraschend. Seine Cellosonate op. 65 entstand nur zwei Jahre vor dem Bacewicz-Konzert für keinen Geringeren als Mstislaw Rostropowitsch. Altstaedt und Emelyanychev, diesmal am Klavier, zelebrieren diesen Dialog als das, was er ist: einen hochkonzentrierten Austausch über winzige Motive. Besonders das Scherzo, das fast ausschließlich im Pizzicato bestritten wird, erinnert in seiner gitarrenartigen Brillanz an die Spielfreude eines Kammerkonzerts unter Freunden. Hier wird nicht nur musiziert – hier wird debattiert, geflüstert und gelegentlich auch sarkastisch gelacht.
Dazwischen gestreut finden sich solistische Momente von erschütternder Intensität. Sándor Veress, ein von Altstaedt hochgeschätzter Außenseiter der Musikgeschichte, liefert mit seiner Solosonate von 1967 ein Stück, das den Interpreten völlig nackt zeigt. Es ist ein Monolog, der zwischen archaischer Kraft und modernster Zerrissenheit schwankt. Altstaedt meißelt diese Musik förmlich aus der Stille heraus. Man hört das Greifen auf den Saiten, das Atmen des Holzes, und man begreift: Dodekaphonie muss keineswegs trocken klingen, wenn sie mit solcher Lust an der Expressivität vorgetragen wird.
Dass Nicolas Altstaedt ein Mann für das Besondere ist, beweist auch die Aufnahme von Morton Feldmans „Durations II“. Das Stück ist ein Albtraum für Tonmeister, die gerne schneiden und kleben, denn es ist unvorhersehbar. Klavier und Cello wählen ihre Tempi unabhängig voneinander, es entstehen Klänge wie aus einem Nebel – fahl und zärtlich zugleich. Die Anekdote, dass ein Grillfest im Nachbargarten weitere Aufnahmen verhinderte, passt wunderbar zum Geist dieser CD: Hier regiert der Moment, nicht die sterile Studio-Perfektion.
Das Finale schließlich ist eine jener Geschichten, die man in einem verrauchten Jazzclub nach der dritten Flasche Wein erzählt. Altstaedt trifft sich mit dem Lautenisten Thomas Dunford in einer Kirche in Portugal. Es ist spät, die Zeit drängt, die Saiten reißen. Um Mitternacht nehmen sie Paul McCartneys „Blackbird“ auf. Während das Cello die melancholische Melodie umgarnt und Dunford die Laute wie eine kostbare Reliquie behandelt, schlagen die Glocken der Kirche. Man hat diesen magischen Moment einfach stehen lassen.
Es ist der gelungene Schlusspunkt für eine Reise durch ein Jahrzehnt, das nach Freiheit suchte – und sie in diesen Aufnahmen zweifellos gefunden hat. Nach dieser knappen Stunde Musik klingt das Cello menschlicher denn je. Diese CD ist kein bloßer Überblick, sie ist ein Plädoyer für das Wagnis und die Neugier.
Dirk Schauß, im April 2026
Blackbirds
Music from the 1960s
Nicolas Altstaedt, Cello
Swedish Radio Symphony Orchestra
Maxim Emelyanychev, musikalische Leitung
Alpha Classics, ALPHA1213

