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CD BILDER EINER AUSSTELLUNG, LA VALSE – Les Siècles unter François-Xavier Roth; harmonia mundi

13.05.2020 | cd

CD BILDER EINER AUSSTELLUNG, LA VALSE – Les Siècles unter François-Xavier Roth; harmonia mundi

Die Aufnahmen von François-Xavier Roth mit seinem Originalklangensemble Les Siècles gelten auf dem internationalen Tonträgermarkt und bei Kennern als sichere Nummer. Und das zurecht. Der in einem westlichen Pariser Vorort geborene Dirigent setzt in seinen Interpretationen auf akribische Quellenforschung im Dienste neuer Sicht- und Hörweisen. Dabei ist er angenehm unapodiktisch und abseits der idée fixe des Einsatzes von Instrumenten aus der Zeit der Entstehung der jeweiligen Komposition halt primär ein Musiker von Gnaden.

Das mündet im Falle der vorliegenden CD, die dem Instrumentierungsmeister Maurice Ravel dicht auf der Spur ist, in luzide, den Klangfarben und Stimmungen der Stücke seismographisch wie Monet, Renoir oder Cézanne nachspürende Aufnahmen. „La Valse“ ist hier kein apokalyptischer Reiter aus Wien, sondern ein groteskes Vergnügungsstück mit einem schicksalhaften Bruch und dem Kippen in den katastrophalen Absturz im Sinn einer griechischen Tragödie ganz am Schluss, so wie es auch Ravel im Kern in einem Interview in Madrid 1924 beschrieben hat.

Zuerst als Hommage an Johann Strauss mit dem Titel „Wien“ konzipiert, ist die endzeitliche Botschaft des Stücks als Moritat auf Krieg und Zerstörung im zeitgeschichtlichen Kontext entstanden, hat aber nichts mit ihrem ursprünglichen Bezug auf das Jahr 1855 und das Treiben eines imperialen Hofs zu tun. Wir erleben hier keinen Tod des Walzers, wie ihn Adorno sah. 

Bei der im Vergleich zu anderen Platten helleren Sicht von Roth und seinen genialen Mitstreitern von „Les Siècles“ bekommt eher das Zitat des Choreographen und Auftraggebers Diaghilev einen neuen Sinn, wonach die Musik von „La Valse“ nicht als Ballett tauge, weil sie „nur“ dem Gemälde eines Balletts gleiche. Genau so bildreich in Klangfarben gegossen erfreut die Interpretation. Hier darf der Walzer nicht nur Rhythmus, sondern auch Stilmittel für Modulationen, harmonische Weiterführung und ein langes Crescendo sein. Ein musikalischer Scherz oder ein Meisterwerk? Jeder darf sich anhand der vorliegenden Einspielung seine eigene Meinung bilden.

Mit ähnlichen Ergebnissen wartet Roths Sicht auf Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ in der Orchesterfassung von Maurice Ravel auf. Ravel dürfte das Werk zuerst 1910 in der Instrumentierung von Mikhail Touchmalov gehört haben, damals ohne ‚Gnom‘, ‚Tuileries‘ und ‚Ochsenwagen‘. Serge Koussevitzky beauftragte Ravel mit einer eigenen Orchesterfassung, die Ravel 1921 mit mehr Mühe als gedacht fertig stellte. Die allseits bekannte Programmmusik auf einen imaginierten Ausstellungsbesuch von 14 Bildern in Erinnerung an des Komponisten russischen Malerfreund Viktor Hartmann habe ich selten so leicht hingetupft und gleichzeitig hochdramatisch, aber ohne hohlen Pomp und Gloria, gehört als wie bei dieser exemplarischen Neuerscheinung. François-Xavier Roth fühlt den Empfindungen der Bildbetrachtung auf den Zahn. Er und sein einen besonderen Klang pflegendes Orchester betonen bei aller Exotik des Instrumentariums (Altsaxophon und Schlagzeug mit allen Arten von Trommeln, chinesisches Tam Tam, Glockenspiel und Kastagnetten) die klare Sprache, die Transparenz des Tons. Diesmal wandern wir mit Mussorgsky und Ravel durch einen allseits lichtdurchfluteten und gut gelüfteten Ausstellungsraum.

Fazit: Das Album ist ein großer Wurf, der programmatische Querverweis auf die typisch französische Orchesterbehandlung in beiden Werken überzeugt und eröffnet neue Perspektiven.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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