Evangelina Mascardi – Der letzte Glanz der Barocklaute

Man muss sich die Prager Wintermonate des Jahres 1729 als Zeit eines rasanten ästhetischen Umbruchs vorstellen. Während Antonio Vivaldi in der böhmischen Metropole gastierte, lag über der Musikwelt noch der schwere Duft des Hochbarock, doch in den Salons schlug der galante Stil bereits seine ersten Kapriolen. Genau diese Epoche bringt Evangelina Mascardi auf ihrer neuen Aufnahme beim Label Arcana zum Klingen.
Nach ihren gefeierten Einspielungen zu Johann Sebastian Bach und Silvius Leopold Weiss vollendet die Argentinierin damit eine Trilogie, die weit mehr ist als eine bloße Repertoirestudie. Sie unternimmt eine Ehrenrettung für die Laute, die im Habsburgerreich des 18. Jahrhunderts eine letzte, strahlende Blüte erlebte, bevor sie im Orchester der Klassik verstummte. Mascardi spielt eine 14-chörige Barocklaute mit Schwanenhals – ein Instrument von aristokratischer Eleganz, das unter ihren Händen eine Sprechfähigkeit zurückgewinnt, die man im heutigen Konzertbetrieb nur noch selten hört. Gemeinsam mit dem Ensemble Estrovagante unter Riccardo Doni erschließt sie ein Terrain, das vertraut scheint, in dieser interpretatorischen Konsequenz jedoch völlig neu wirkt.
Den Auftakt bildet das Lautenkonzert in F-Dur von Johann Ludwig Krebs. Wer Krebs nur als soliden Bach-Schüler kennt, wird hier eines Besseren belehrt. Schon die ersten Takte entfalten ein Klangbild von herrlicher Weiträumigkeit: eine durchsichtige Textur, ein seidiges Gewebe, in dem jeder Faden einzeln schimmert. Das Larghetto wird zum schwebenden Ruhepunkt, in dem Mascardi die Töne atmen lässt, ohne sie mit Bedeutung zu überfrachten. Das finale Allegro wechselt in einen wiegenden Rhythmus, der bereits die Leichtigkeit des Rokoko ahnen lässt – ein Tanz auf dem Parkett, den die präzise Artikulation der Solistin mit bemerkenswerter Plastizität erfüllt.
Neuland betritt man mit Joachim Bernhard Hagen. Sein Lautenkonzert in d-Moll liegt hier als Weltersteinspielung vor. Die Streicher des Ensembles Estrovagante eröffnen den ersten Satz mit energischer, dorniger Präsenz und bilden einen spannungsvollen Kontrast zur warmen Laute. Das Andante mutet wie ein Frühlingsspaziergang an, bei dem hinter jeder Biegung eine harmonische Überraschung wartet. Im Schlusssatz rahmen die intensiven Streicherklänge das Soloinstrument ein, ohne dass die Laute je ihre Souveränität verliert.
Natürlich darf der „Elefant im Raum“ nicht fehlen: Antonio Vivaldis berühmtes D-Dur-Konzert RV 93. Oft bis zur Unkenntlichkeit weichgespült oder mechanisch heruntergespielt, gewinnt es unter Mascardis Fingern seine ursprüngliche Frische zurück – als hätte man eine Schicht Firnis von einem alten Meistergemälde entfernt. Die klare Artikulation verzaubert vom ersten Takt an. Besonders im Mittelsatz entsteht eine organische, geradezu improvisatorische Linienführung, die dem Geist des Barock wesentlich näherkommt als jede metronomische Strenge. Das Finale wird zum mitreißenden Feuerwerk, das Doni und sein Ensemble mit ansteckender Lust am Risiko auskosten.
Weiter geht die Entdeckungsreise mit Jakob Friedrich Kleinknecht. Sein C-Dur-Konzert setzt prägnante Akzente, vor allem durch perlende Trillerkaskaden im Cembalo. Im Andante färbt Mascardi ihren Ton dunkel und samtig, bevor das Finale mit betonter Akzentuierung den Hörer hellwach zurücklässt. Die Aufnahmebalance zwischen filigraner Laute und Generalbass ist dabei mustergültig ausbalanciert.
Den Abschluss bildet eine weitere Weltersteinspielung: das E-Dur-Konzert von Karl Kohaut, dem Wiener Beamten und letzten großen Lautenvirtuosen. Der erste Satz ist reich verziert; Mascardi behandelt die Ornamente als integralen Teil der Melodie. Im Mittelsatz rückt die Laute dem Hörer ganz nah – die Ansprache ist so intim, dass man das Holz des Instruments förmlich zu riechen meint. Zwischen galanter Plauderei und berührender Ausdruckskraft findet sie genau den richtigen Ton. Das heitere Finale entlässt den Zuhörer mit einem Lächeln.
Evangelina Mascardi hat mit dieser CD ein starkes Ausrufezeichen gesetzt. Sie beweist, dass die Laute am Vorabend der Klassik kein museales Relikt war, sondern ein Instrument von erstaunlicher Modernität und emotionaler Bandbreite. Wer erfahren möchte, wie das 18. Jahrhundert wirklich klang, wenn es sich unbeobachtet fühlte, kommt an dieser Aufnahme nicht vorbei. Historische Kenntnis, technische Brillanz und spürbare Hingabe machen „Beyond Vivaldi“ zu einem echten Hörvergnügen.
Dirk Schauß, im März 2026
Beyond Vivaldi
Evangelina Mascardi, laute
Estrovagante
Riccardo Doni, musikalische Leitung
Arcana, A593

