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CD BERLIOZ: LA DAMNATION DE FAUST – mit Michael Spyres, Joyce DiDonato und Nicolas Courjal – ERATO

08.11.2019 | cd

CD BERLIOZ: LA DAMNATION DE FAUST – mit Michael Spyres, Joyce DiDonato und Nicolas Courjal – ERATO

Veröffentlichung: 22. November 2019

Erato/Warner Classics sind gerade dabei, einen Berlioz-Zyklus auf Tonträger zu bannen. Nach „Les Troyens“ wurde im Berlioz-Jahr 2019 die dramatische Legende in vier Teilen „La Damantion de Faust“ live am 25. und 26. April 2019 in der Salle Érasme, Strasbourg aufgenommen und am 27. nachbearbeitet. Das für konzertante Wiedergaben ideale Werk ist irgendwo zwischen Oratorium und Oper angesiedelt. Eigentlich ist es eine Riesenkantate für Chor, Tenor (Faust), Mezzosopran (Marguerite), Bass (Méphistophélès), Orchester und zwei weiteren kleineren solistischen Rollen Brander (Bariton), une voix céleste (Sopran).

Das nun vorliegende Tondokument ist vor allem ein erfreulicher Nachweis heutiger Sangeskunst. Besonders Michael Spyres kann in der Rolle des Faust vorführen, wie sehr sich sein Fachgrenzen sprengender Tenor weiter entwickelt hat. Mit technischer Meisterschaft begeistert Spyres unsere musikalischen Rezeptoren mit einem Füllhorn an vokalen Tugenden, u.a. auch in Stratosphärenlage leichtgängigen Höhen, einer für dieses französische Repertoire goldrichtig angewandten voix mixte und wunderbaren Piani, gerade so faszinierend und stilsicher, wie das Nikolai Gedda auf dem Höhepunkt seines Könnens zelebriert hat. Einsame Weltklasse in einer der schwierigsten Partien in diesem Fach. 

Die amerikanische Mezzosopranistin Joyce DiDonato hat ihren Zenit zwar schon hörbar überschritten, vermag aber mit exzellenter Diktion, ihrer luxuriös karamellfarben getönten Stimme, langgesponnenen Legatobögen und ihrer ureigenen Intensität eine sängerisch überzeugende Leistung als Marguerite anzubieten. Wenn ihr flackerndes Vibrato vor allem in dramatischeren Passagen und den extremen Höhen arg auffällt, so bringt die vom Timbre her so runde und elegante Stimme insgesamt doch (noch) Qualität. Von der Könnerschaft einer Crespin, Minton, Baker oder Horne ist sie jedoch weit entfernt. 

Auch Nicolas Courjal war schon beim Troyens-Team – als Narbal – dabei, hier ist ihm die Rolle des dunklen Verführers Méphistophélès anvertraut. Mit dämonischer Autorität kann Courjal nicht aufwarten, da hat ihm beispielsweise Bryn Terfel in der Myung-Whun Chung Aufnahme aus dem Jahr 1998 (Deutsche Grammophon) einiges voraus. Er absolviert die Rolle mit lyrisch hellem Bass jedoch stilsicher und mit gekonnter Phrasierung. Der Bariton Alexandre Duhamel (Brander) hinterlässt keinen bleibenden Eindruck.

Neben dem phänomenalen Michael Spyres ist die Hundertschaft des Coro Gulbenkian absoluter Superstar der Aufnahme und dazu berufen, so unterschiedliche Rollen wie frühlingsliebende Bauern, Osterkirchgänger, Betrunkene in einem Leipziger Bierkeller, Gnome und Sylphen im Dienst des Méphisto, Studenten und Soldaten, Irrlichter, die um Margaretes Haus tanzen, entsetzte Nachbarn, Bauern, Dämonen, verdammte Seelen in der Hölle und Engel im Himmel zu verkörpern. Das glänzend disponierte Vokalensemble als auch der fabelhafte Kinderchor „Les Petits Chanteurs de Strasbourg“ zählen zu den überragenden Atouts dieser Aufnahme.

Das Orchestre Philharmonique de Strasbourg wird wie bei den „Trojanern“ wieder von John Nelson geleitet. Berlioz liegt dem 78-jährigen amerikanischen Dirigenten wohl besonders gut. Nelson arbeitet die atmosphärisch so divergenten Stimmungen in den ca. 20 Szenen plastisch und in aller instrumentalen Drastik heraus. Der kapriziös irrlichternde Weg des Faust findet im Orchester seine düstere, final religiös apotheotisch verbrämte Entsprechung. Von Chor, Orchester und dem Tenor her ist diese Aufnahme ein Meilenstein in der Berlioz-Rezeption. Empfehlung.

2 CD +Bonus-DVD mit Auszügen aus „La Damnation de Faust“ (Konzert am 25.4.2019)

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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