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CD BERLIN! BERLIN! BERLIN! – Kabarett und Exil – ANNE SOFIE VON OTTER mit Berliner Chansons, Kabarett- und Revuenummern, Balladen, Filmsongs und Exilmusik der 1920-er bis 1940er Jahre; BIS

21.07.2026 | cd

CD BERLIN! BERLIN! BERLIN! – Kabarett und Exil – ANNE SOFIE VON OTTER mit Berliner Chansons, Kabarett- und Revuenummern, Balladen, Filmsongs und Exilmusik der 1920-er bis 1940er Jahre; BIS

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„Die Musik dieser Zeit muss viereckig gemacht werden und es muss weiß klingen. Das war nicht der Sound der afroamerikanischen Jazz-Musiker. Da muss schon ein bisschen Militärmusik drinstecken, denn dann hat es auch diesen knusprigen Schwung, den es braucht. Das ist der preußische Swing! Wobei „Schwing“ das bessere Wort wäre.“ Anne Sofie von Otter

Genau diese tanzbodenkrachende Begleitung und diesen berlinerisch unterhaltsamen, sich nicht anbiedernden Sound pflegt das Salon Orchester der Komischen Oper Berlin unter der wissenden wie knackigen Leitung des Adam Benzwi. Letzterer übernahm fallweise auch den Part am Flügel. Grob und direkt, hintersinnig oder banal: In Berlin geht es immer gleich zur Sache. Ob in den Öffis, auf der Straße, im Supermarkt und erst recht im bunten Nachtleben. Da wird nicht lange gefackelt mit „Pardon Monsieur“ oder „Verzeihen Sie, gnädige Frau“. Vielleicht will man die Zeit nicht mit Höflichkeiten vergeuden, wenn man spürt, die Zeit ist begrenzt. Warum auch immer in der Vergangenheit und heute.

Die Berliner Unterhaltungsmusik in den Shows, den Revuen und Nachtclubs, den zwielichtigen, verruchten wie verrauchten Etablissements der Weimarer Republik baute meist auf Tanzrhythmen wie Tango, Marsch, Foxtrott bis Bolero und Paso Doble. Sie war nüchtern und überkandidelt, traurig bis nachdenklich, frivol allemal und ließ als ironisches Abbild von kontrastierenden Empfindungen erahnen, was die Extreme der Zwischenkriegszeit mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus, den damit verbundenen Ängsten und existenziellen Bedrohungen bedeutete.

Die Operndiva und einstige Carmen, Octavian und Komponist-Darstellerin Anne Sofie von Otter, die in ihrem ursprünglichen Metier nur noch rar zu erleben ist, ist erstaunlicherweise eine großartige Interpretin all dieser Lieder voller Nonsens, Sentimentalität, unendlicher Schwermut und schmerzlicher Reminiszenzen.

Wortgewandt und selbst in kleinsten Nuancen sattelfest sinniert von Otter, wenn sie in „Vorbei“ (Rolf Marbot/Bert Reisfeld), „Über den Selbstmord“ (aus dem „Hollywooder Liederbuch“ von Hanns Eisler/Bertold Brecht 1943) oder „Marterl“ aus „Das Berliner Requiem“ von Brecht/Weill in seelische Abgründe blicken lässt, die stumm machen und sich vorübergehend wie Blei aufs Gemüt legen.

Das Album wartet auf der anderen Seite ebenso mit beschwingten, rein instrumentalen Nummern wie „Mein Gorilla hat ne Villa im Zoo“ (aus dem Film „Heut kommt’s drauf an“), „Kann denn Liebe Sünde sein?“ aus dem Film „Der Blaufuchs“ (Lothar Brühne/Bruno Balz) oder dem „Marion Tango“ (Friedrich Hollaender) auf.

„Musik! Musik! Musik“ (‚Ich brauche keine Millionen, mir fehlt kein Pfennig zum Glück,…‘) aus dem Film „Hallo Janine“ (Peter Kreuder/Hans Fritz Beckmann) sowie „Merci, mon ami, es war wunderschön“ wiederum versprühen jene vorgebliche Leichtigkeit, die vonnöten war, um ganz dem Augenblick hingegeben, alles rundherum vergessen zu können: Verlust, Trennung, Ungewissheit.

Mit „An den kleinen Radioapparat“, „Das ‚Vielleicht‘ Lied“ oder „Erinnerung an die Marie A.“ stehen drei Brecht-Gedichte, vertont von Hanns Eisler und Franz S. Brunier auf dem Programm, schwarze Lieder des Bangens, der Todesgedanken, des Vergessens, zudem „der Groteske, Zärtlichkeit, Spott und Trauer“ (Martin Siebert).

Rührend und raffiniert flirtend erzählt von Otter in „Oui, Madame“ (Michael Jary/Bruno Balz) von flüchtigen Begegnungen, dem heiligen Moment des Schwankens und Wankens, Verliebtsein in seiner schönsten, unschuldigen Form.

Und weil wir schon bei der „Liebe“ sind, hat von Otter die beiden letzten Titel des 19 Tracks umfassenden Albums den Evergreens „Der Wind hat mir ein Lied erzählt“ aus dem Film „La Habanera“ (Lothar Brühne/Bruno Balz) und „Leben ohne Liebe kannst Du nicht“ aus dem Film „Nie wieder Liebe“ (Mischa Spoliansky/Robert Gilbert) gewidmet.

Eine wandelbare Diseuse ist sie in ihrer jetzigen Phase der Karriere geworden, die Vokalstilistin und Könnerin Anne Sofie von Otter. Mit all diesen zwischen Sprechgesang, raffinierter atmosphärischer Spurensuche und intimer Aneignung schwankenden vokalen Miniaturen beweist von Otter nach dem für sie von Barrie Kosky eingerichteten Abend an der Komischen Oper Berlin „Ich wollt, ich wär‘ ein Huhn“ (Premiere 6.3.2020) auch auf Tonträgern, wie sehr ihr dieses so abwechslungsreiche, schonungslos Dunkles nicht aussparende Programm liegt.

Sicher, man könnte die Programmauswahl als aleatorischen Gemischtwarenladen werten, der maximale ästhetische und weltanschauliche Gegensätze von Kino- und Operettenschlagern über Kommunistisches bis musikalische Unterhaltung im nationalsozialistischen Deutschland und jüdische Exilkunst amalgamiert. Gerade dieses vielleicht Zuviel an willkürlich scheinendem Nebeneinander bildet aber die gesellschaftliche Realität der damaligen Zeit ungeschminkt ab. Nicht zuletzt erweist sich Anne Sofie von Otter als geheimnisvolles Medium und ebenso sicherer Guide durch diese Klangwelten mit doppeltem Boden. Großartig!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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